ARTE blickt auf die dunklen Netzwerke der europäischen Nachkriegszeit

Ein Themenabend verfolgt die Flucht eines NS-Verbrechers, den Aufstieg der Neuen Rechten und Rumäniens Geschäfte mit jüdischen Ausreisewilligen.

Der Kultursender ARTE widmet einen kompletten Themenabend den politischen und gesellschaftlichen Schattenseiten der europäischen Nachkriegszeit. Unter dem Titel „Europa nach dem Krieg: Flucht ins Exil, Neue Rechte und krumme Geschäfte“ zeigt der Kultursender ab 20.15 Uhr vier Dokumentationen als Erstausstrahlungen. Das Programm reicht von der Flucht des NS-Kriegsverbrechers Walther Rauff über rechtsextreme Bewegungen der Nachkriegszeit bis zu den geheimen Ausreisegeschäften des rumänischen Regimes.

Den Auftakt macht um 20.15 Uhr der erste Teil von «Ein NS-Verbrecher auf Jobsuche – Die Flucht von Walther Rauff». Rauff entzog sich nach dem Zweiten Weltkrieg der Strafverfolgung und gelangte über Tunesien und Italien schließlich nach Südamerika. Die Dokumentation zeichnet dabei auch das Netzwerk nach, das ihm die Flucht ermöglichte. Dazu gehörte laut Film auch kirchliche Unterstützung. Rauff hatte während der NS-Zeit eine zentrale Rolle bei der Entwicklung sogenannter Gaswagen gespielt, mit denen Menschen durch Motorabgase ermordet wurden. Nach dem Krieg konnte er untertauchen und war zeitweise als Berater in Syrien tätig. Um 21.00 Uhr setzt der zweite Teil seine Geschichte in Südamerika fort. Im Süden Chiles lebte Rauff im Exil und stand zugleich mit verschiedenen Geheimdiensten in Verbindung. Diese interessierten sich für sein Wissen und seine Erfahrungen aus seiner Tätigkeit für SS und Gestapo.

Um 21.55 Uhr erweitert ARTE mit «Alte Nazis und Neue Rechte – Der große Rechtsruck nach dem Krieg» den Blick auf Westeuropa. Die Dokumentation beschäftigt sich mit dem Ende der 1960er Jahre. Während die Studentenbewegung gesellschaftliche Veränderungen forderte, organisierten sich zugleich rechtsextreme und rechtsgerichtete Strömungen neu. In der Bundesrepublik gelang der NPD damals der Einzug in sieben Landesparlamente. In Frankreich entwickelte sich parallel die Nouvelle Droite, die mit neuen politischen und publizistischen Strategien Einfluss auf gesellschaftliche Debatten nehmen wollte.

Der Themenabend endet um 22.50 Uhr mit «Ausreise gegen Devisen – Rumäniens geheime Deals». Die Dokumentation rekonstruiert, wie das sozialistische Rumänien zwischen 1958 und 1989 die Ausreise jüdischer Bürgerinnen und Bürger mit Gegenleistungen verknüpfte. Zunächst erhielt das Land dafür unter anderem Vieh und Landmaschinen, später flossen Devisen aus Israel. Der Film untersucht damit ein staatlich organisiertes System, bei dem die Ausreise von Menschen zum Gegenstand politischer und wirtschaftlicher Verhandlungen wurde.
03.10.2026 12:20 Uhr  •  Fabian Riedner Kurz-URL: qmde.de/176156