Kristian Costa-Zahn: ‚Clubkultur ist nicht nur Feiern‘

Mit «One Night at KitKat» öffnet sich der legendäre Berliner Club erstmals für eine dokumentarische Begleitung seiner Samstagnacht. ARD-Kultur-Chef Kristian Costa-Zahn spricht über Nacktheit ohne Voyeurismus, die Grenzen persönlicher Freiheit und darüber, warum Clubkultur für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk ein relevantes Kulturthema ist.

Herr Costa-Zahn, mit «Welcome to the Club» widmet die ARD der Clubkultur einen ganzen Themenschwerpunkt. Warum ist Clubkultur für Sie ein öffentlich-rechtliches Kulturthema und warum gerade jetzt?
Clubkultur ist für uns ein wichtiges Kulturthema, insbesondere mit Blick auf die Zielgruppe der 18- bis 49-Jährigen. Die ARD vertritt seit jeher einen breiten Kulturbegriff, der von Street Art bis hin zur Oper reicht. Zugleich ist Clubkultur sehr vielfältig: Sie verbindet Stadt und Land, unterschiedliche Szenen und verschiedenste Musikrichtungen. Clubkultur ist nicht nur Feiern, sie ist ein prägendes Kulturphänomen unserer Zeit, beeinflusst Musik, Stadtleben und gesellschaftliche Debatten. Gerade jetzt ist das Thema besonders relevant, weil viele Clubs seit der Corona-Pandemie unter verstärktem Druck stehen. Mit «Welcome to the Club» möchten wir deshalb ein Zeichen setzen und die kulturelle Bedeutung dieser Orte sichtbar machen. Der Themenschwerpunkt läuft seit Anfang Juli und geht noch bis November – eine gute Möglichkeit, die bereits vorhandene vielfältige Auseinandersetzung mit Clubkultur im ARD-Angebot sichtbar zu machen, ergänzt durch neue Produktionen.

Nach «Love is Stronger» und dem Rave-the-Planet-Angebot folgt nun «One Night at KitKat». Nach welchen Kriterien wählen Sie die Clubs, Veranstaltungen und Geschichten aus, die innerhalb dieses Schwerpunkts für die ARD erzählt werden sollen?
Für die ARD Mediathek suchen wir nach Phänomenen der Clubkultur mit nationaler Relevanz. Die „Love Parade“ früher und heute „Rave The Planet“ haben die Szene geprägt und genießen weit über Deutschland hinaus Bekanntheit. Ähnliches gilt für den KitKat Club, der als Vorreiter einer sexpositiven Clubkultur wichtige Impulse gesetzt hat.

Grundsätzlich sind wir stets auf der Suche nach den spannendsten Geschichten, die viele Zuschauerinnen und Zuschauer begeistern und neue Perspektiven auf Clubkultur eröffnen können. Und so finden sich in der ARD Mediathek, in ARD Sounds und auf ardkultur.de ganz unterschiedliche Geschichten aus der Clubszene: aus großen und kleinen Clubs, aus verschiedenen Regionen Deutschlands und aus unterschiedlichen musikalischen Kontexten. Elektronische Musik bildet dabei zwar einen wichtigen Schwerpunkt, ist aber keineswegs das einzige Genre, das wir im Rahmen des Projekts in den Blick nehmen.

Der KitKatClub lebt wesentlich davon, dass im Inneren normalerweise keine Kameras erlaubt sind und Besucher ihre Privatsphäre geschützt wissen. Wie lange hat es gedauert, dieses Vertrauen für die Dokumentation aufzubauen und welche Bedingungen mussten Sie akzeptieren, damit überhaupt gedreht werden durfte?
Den Zugang zu dieser besonderen Community haben sich die Regisseure Mohsen Najafimehri und Diba Darbari über einen langen Zeitraum hinweg erarbeitet. Das merkt man dem Film auch an: Er blickt nicht von außen auf die Szene, sondern begegnet ihr mit großer Kenntnis, Sensibilität und einem Gespür für ihre Besonderheiten. Dieses Vertrauensverhältnis war die entscheidende Voraussetzung dafür, dass die Menschen und die Atmosphäre des KitKatClubs authentisch dokumentiert werden konnten.

Wie bei den meisten dokumentarischen Produktionen galt dabei selbstverständlich, dass ausschließlich mit dem Einverständnis der jeweiligen Protagonistinnen und Protagonisten gedreht wurde.

Sie sagen, der Film wolle „beobachten, zuhören und abbilden, ohne zu bewerten“. Gleichzeitig werden auch Grenzüberschreitungen und mögliche Schwächen der Schutzmechanismen thematisiert. Wo endet für Sie wertfreies Beobachten und wo beginnt der journalistische Auftrag, kritisch nachzufragen?
Das schließt sich aus meiner Sicht nicht aus. Der Ansatz des Films ist es, unterschiedliche Perspektiven sichtbar zu machen und Themen in ihrer Komplexität abzubilden. Gerade dadurch entsteht ein differenziertes Bild. Beim Thema Sicherheit im Club beispielsweise kommen verschiedene Stimmen zu Wort, die zum Teil unterschiedliche Einschätzungen vertreten. Die Zuschauerinnen und Zuschauer können sich so auf Grundlage der gezeigten Perspektiven selbst eine Meinung bilden. Kritisches Nachfragen gehört dabei selbstverständlich immer zum journalistischen Auftrag. Lebensmodelle oder moralische Vorstellungen werden von uns jedoch nicht bewertet, solange sie die Freiheit und das Wohl anderer Menschen nicht beeinträchtigen.

Gerade beim KitKat liegt die Gefahr des Voyeurismus auf der Hand: Nacktheit, Sexualität und Fetisch erzeugen automatisch Aufmerksamkeit. Welche redaktionellen Regeln haben Sie sich auferlegt, damit Menschen nicht zu Schauobjekten werden und der Film trotzdem nichts Wesentliches ausblendet?
Uns war es wichtig, sehr bewusst mit den gezeigten Bildern umzugehen. Im Mittelpunkt stand für uns nie die Frage, was gezeigt wird, sondern wie etwas gezeigt wird. Dafür haben wir uns klare redaktionelle Leitlinien gesetzt. Unser Anspruch war es, die Realität dieses Ortes authentisch abzubilden, ohne Menschen dabei zu Schauobjekten zu machen.

Ja, die Dokumentation enthält Darstellungen von Sexualität, Fetischismus und BDSM. Diese werden jedoch konsequent in einem dokumentarischen und journalistischen Kontext gezeigt. Die beteiligten Personen ordnen ihre Erfahrungen selbst ein und werden respektvoll dargestellt. Dabei werden Themen wie Einverständnis, Vertrauen, Kommunikation und klare Grenzen ausdrücklich sichtbar gemacht. Wichtig war uns immer, dass die Menschen stets als Individuen erkennbar bleiben und nicht auf ihre Sexualität reduziert werden.

Der Film zeigt Sicherheit und größtmögliche persönliche Freiheit nicht als selbstverständlichen Einklang, sondern als Spannungsverhältnis. Hat Sie bei der Arbeit überrascht, wie viele Regeln und Grenzen ein Ort benötigt, der seinen Gästen gerade besondere Freiheit ermöglichen möchte?
Nein, das hat uns nicht überrascht. ARD Kultur ist bei vielen jüngeren Kulturthemen sehr nah an den Entwicklungen und Diskursen dran, dazu gehört auch die Clubkultur. Dass es gerade in dieser Form von Clubkultur klare Regeln und verbindliche Grenzen braucht, war uns daher bereits vor Beginn der Produktion bewusst. Einer der Protagonisten bringt das mit den Worten „No world is perfect“ auf den Punkt. Wo Menschen große Freiräume erhalten, besteht immer auch die Möglichkeit, dass einzelne diese ausnutzen. Deshalb braucht es Schutzmechanismen und klare Regeln, um genau diese Freiräume für alle zu ermöglichen.

Mit Don Basti und Nora geht es unter anderem um Depressionen, Körpergefühl und Selbstsicherheit, mit Megan um sexuelle Selbstbestimmung. War Ihnen wichtig, das KitKat nicht primär über Sex und Provokation zu erzählen, sondern darüber, was ein solcher Ort persönlich für Menschen bedeuten kann?
Ja, unbedingt! Uns war wichtig, das KitKat nicht ausschließlich über die Aspekte zu erzählen, für die der Club oft öffentlich wahrgenommen wird. In unseren Produktionen wollen wir Themen nie nur an der Oberfläche betrachten, sondern verstehen, was dahintersteckt und welche Bedeutung sie für die Menschen haben.

Jeder Mensch, der ins KitKat geht, hat seine eigene Geschichte und seine eigene Motivation. Diese unterschiedlichen Perspektiven sichtbar zu machen, war uns wichtig. Gleichzeitig zeigt die Dokumentation, dass Clubkultur immer mehr ist als nur Feiern. Das gilt auch für sexpositive Partys. Sie sind soziale und kulturelle Räume, in denen Menschen unterschiedliche Erfahrungen machen und persönliche Entwicklungen durchlaufen.

Die Dokumentation ist ab 16 Jahren freigegeben und deshalb in der Mediathek ohne entsprechenden Login erst ab 22 Uhr verfügbar. Gab es während Produktion und Schnitt Diskussionen darüber, wie explizit ein öffentlich-rechtlicher Film über sexpositive Clubkultur sein darf oder wäre eine entschärfte Version für Sie gerade am Thema vorbeigegangen?
Für uns war von Anfang an klar: Wenn wir als erstes Team überhaupt die Möglichkeit bekommen, die legendäre, originale KitKat-Nacht am Samstag filmisch zu begleiten, dann wollen wir diesen Ort auch so zeigen, wie er tatsächlich ist. Eine stark entschärfte Version, die auf eine Freigabe ab 12 Jahren abzielt, wäre aus unserer Sicht dem Thema und der Realität dieses besonderen Clubkonzepts nicht gerecht geworden.

Gleichzeitig war ebenso klar, wie wir das umsetzen wollen, nämlich immer mit dem Ziel, eine journalistische und öffentlich-rechtliche Dokumentation zu machen. Deshalb haben wir den Club und seine Gäste beobachtet, zugehört und ihre Perspektiven eingeordnet, anstatt einzelne Aspekte sensationsorientiert herauszustellen.

Berlin hat international den Ruf einer außergewöhnlichen Clubmetropole, gleichzeitig kämpfen Clubs mit steigenden Kosten, Verdrängung und veränderten Ausgehgewohnheiten. Soll «Welcome to the Club» deshalb auch dokumentieren, was möglicherweise verloren geht, wenn solche Orte verschwinden?
Ja, das war durchaus eine wichtige Motivation für unseren Clubkultur-Schwerpunkt, aber nicht die einzige. Uns geht es darum, die ganze Bandbreite der Clubkultur sichtbar zu machen und zu zeigen, welche unterschiedlichen kulturellen, sozialen und gesellschaftlichen Funktionen Clubs erfüllen. Der KitKatClub ist dabei eine Facette dieser vielfältigen Landschaft.

Im Mittelpunkt des Schwerpunkts steht jedoch zunächst das Erzählen dieser Geschichten und das Sichtbarmachen der Vielfalt von Clubkultur in Deutschland. Gerade dadurch wird auch deutlich, welchen Wert diese Orte für ihre Communities und darüber hinaus haben.

ARD Kultur möchte ausdrücklich auch jüngere und digital geprägte Zielgruppen erreichen. Ist der Clubkultur-Schwerpunkt damit zugleich ein Experiment, ob der öffentlich-rechtliche Rundfunk Menschen erreichen kann, die klassische Kulturprogramme oder lineares Fernsehen kaum noch nutzen und woran messen Sie, ob dieses Experiment gelingt?
Von einem Experiment kann aus meiner Sicht keine Rede sein. Die ARD bewegt sich seit Jahren fundiert und glaubwürdig in ganz unterschiedlichen Kulturbereichen, nicht nur im Bewegtbild, sondern ebenso im Audio-Bereich und auf Social Media. Auch ARD Kultur hat in den gut vier Jahren seit dem Start bereits rund 90 Projekte gemeinsam mit zahlreichen Partnern innerhalb der ARD umgesetzt. Dazu gehören Themen wie Hip-Hop, Fashion, Street Art, Tattooing, Fotografie, elektronische Musik, K-Pop, Kunst, digitale Kultur, Pop, Literatur, Gaming, Oper, Film- und Serienkultur sowie Theater. Unser Ansatz ist dabei bewusst offen: Wir unterscheiden nicht zwischen Subkultur, Popkultur und sogenannter Hochkultur. Entscheidend ist für uns, ob ein Thema für unsere Kernzielgruppe der 20- bis 49-Jährigen relevant ist.

Vielen Dank für das Gespräch!

«One Night at KitKat» ist seit 30. September 2026 in der ARD Mediathek abrufbar.
07.10.2026 12:26 Uhr  •  Fabian Riedner Kurz-URL: qmde.de/176073