Mitri Sirin: ‚Gleiche Generation bedeutet eben noch lange nicht gleiche Chancen‘

In «Am Puls: Alt gegen Jung – Wer ist hier verwöhnt?» hinterfragt Mitri Sirin den vermeintlichen Generationenkonflikt. Im Interview spricht er über unbezahlbares Wohneigentum, Erbschaften und Renten, die Debatte um die Wehrpflicht – und darüber, warum Herkunft und Vermögen die Lebenschancen oft stärker prägen als das Alter.

Herr Sirin, der Titel „Alt gegen Jung: Wer ist hier verwöhnt?“ provoziert ganz bewusst. Sind Sie bei den Dreharbeiten überhaupt auf zwei klar voneinander getrennte Lager gestoßen oder ist der vermeintliche Generationenkonflikt in Wahrheit viel stärker ein Konflikt zwischen Arm und Reich?
Je länger wir gedreht haben, desto weniger hatte ich das Gefühl, dass da wirklich zwei geschlossene Lager aufeinanderprallen. Natürlich gibt es da einen Generationenkonflikt. Millenials und GenZ müssen mit einem Rentensystem umgehen, das demografisch viel stärker unter Druck steht, sie erleben hohe Wohnkosten und haben teilweise das Gefühl, dass sie immer mehr schultern müssen. Aber mindestens genauso wichtig ist die Frage nach Vermögen und Erbe innerhalb der Generationen. Ostdeutsche etwa haben da historisch eklatante Nachteile. Aber wir haben keinen Film über Arm/reich oder Chancengleichheit gemacht, sondern haben uns bewusst dafür entschieden Unterschiede zwischen den Generationen auszuleuchten. Fakt ist aber,- zwei junge Menschen mit gleichem Beruf und gleichem Einkommen können völlig unterschiedliche Startbedingungen haben.

Jüngere Menschen hören häufig, dass sie sich trotz guter Ausbildung weniger leisten können als ihre Eltern – insbesondere beim Wohneigentum. Ist das nach Ihren Recherchen tatsächlich ein Generationenproblem oder verklären wir rückblickend, wie wohlhabend die Elterngeneration in jungen Jahren wirklich war?
Ich wäre vorsichtig mit dem Satz: Früher war für alle alles leichter. Natürlich mussten sich auch unsere Eltern etwas aufbauen, Kredite abzahlen und hatten ihre Krisen. Aber ich bin 1971 geboren, Generation X, und wenn ich mit den jungen Leuten gesprochen habe, habe ich schon öfter gedacht: Mein Gott, mein Leben kam mir in eurem Alter viel übersichtlicher und auch unbeschwerter vor.

Und dabei geht es gar nicht nur ums Geld. Die GenZ ist ja in eine Welt hineingewachsen, in der sie permanent mit Krieg, wirtschaftlicher Unsicherheit und der Frage konfrontiert ist, ob unsere Sozialsysteme in 30 oder 40 Jahren noch genauso funktionieren. Und auch beim Klima habe ich bei jungen Menschen eine ziemliche Wut erlebt. Viele sagen: 'Ihr habt doch jahrzehntelang gewusst, was passiert, und wir müssen den Mist jetzt ausbaden.' Und das lässt sich nicht einfach vom Tisch wischen. Ich hatte in meiner Jugend noch das Gefühl: Wenn ich mich anstrenge, wird es mir wahrscheinlich einmal besser gehen. Bei vielen jungen Menschen habe ich dieses Grundvertrauen so nicht mehr gespürt.

Beim Thema Immobilien gibt es ein interessantes Paradox: Das eigene Haus ist für viele junge Menschen schwerer erreichbar geworden. Gleichzeitig wird in den kommenden Jahren sehr viel Immobilienvermögen vererbt. Wird die entscheidende Frage deshalb irgendwann weniger lauten „Jung oder Alt?“ als vielmehr „Erbe oder Nicht-Erbe?“
Das hatte ich eingangs ja schon angesprochen: Zwei junge Menschen können heute gleich alt sein, den gleichen Beruf haben und das Gleiche verdienen – und trotzdem völlig unterschiedliche wirtschaftliche Perspektiven haben. Weil es eben einen großen Unterschied macht, wo in Deutschland sie aufgewachsen sind und was ihre Eltern ihnen irgendwann hinterlassen. Stichwort Ost/West Unterschiede. Und wie sehr diese Frage von Erben oder Nicht-Erben die Gen Z am Ende stärker prägen wird als meine Generation, vermag ich nicht zu sagen. Aber ich glaube schon, dass wir über diesen Unterschied stärker sprechen müssen, wenn wir über Generationengerechtigkeit reden. Denn gleiche Generation bedeutet eben noch lange nicht gleiche Chancen. Unabhängig davon hat mich trotzdem eine Zahl aufgerüttelt, wenn man vergleichend auf unterschiedliche Generationen schaut. Millenials, also die zwischen den frühen 80ern und späten 90ern geboren wurden, müssen doppelt so lange auf ein Eigenheim sparen als Boomer. Insgesamt fast 14 Jahre.

Wenn jemand aus der Mittelschicht weiß, dass er später das abbezahlte Haus seiner Eltern erben wird: Muss dieser Mensch dann tatsächlich genauso stark fürs Alter sparen wie jemand, dessen Eltern selbst zur Miete wohnen? Wird in der Debatte über Generationengerechtigkeit zu wenig über solche völlig unterschiedlichen Ausgangspositionen gesprochen?
Natürlich hat derjenige eine völlig andere Ausgangsposition. Ein abbezahltes Haus macht im Alter wahrscheinlich einen enormen Unterschied. Aber gleichzeitig darf man ein zukünftiges Erbe auch nicht wie Geld auf dem Konto behandeln. Mit 30 weiß man ja nicht unbedingt, wann man erbt oder was eine Immobilie dann wert ist oder ob beispielsweise Pflegekosten vorher schon viel aufbrauchen. Und ich gehe mal davon aus, dass sich nicht jeder aufs Erbe verlassen will. Aber es stimmt schon, der eine startet mit Familienvermögen im Rücken, der andere bei null und obwohl sie vielleicht ähnlich verdienen, leben sie vielleicht in zwei verschiedenen Welten.

Hinzu kommt ein gesellschaftlicher Wandel: Partnerschaften, Familiengründung und gemeinsamer Vermögensaufbau verändern sich. Welche Rolle spielt es für die wirtschaftliche Lage jüngerer Menschen, ob Kosten für Wohnung, Auto oder Altersvorsorge von einem Paar oder von einem Single getragen werden müssen?
Eine ziemlich große. Es ist ja logisch, dass zwei Einkommen die Möglichkeiten bei Miete, Immobilienfinanzierung oder Altersvorsorge erheblich verändern können.

Aber auch das zeigt, warum ich nach dem Film vorsichtiger mit Generationenetiketten geworden bin. Wir sprechen schnell über „die Gen Z“ oder „die Boomer“. In Wirklichkeit entscheiden Alter, Einkommen, Vermögen, Familienmodell und Wohnort gemeinsam darüber, wie gut jemand dasteht. Fakt ist doch, die alten Standardbiografien – Ausbildung, fester Job, Heirat, Haus, Kinder funktionieren längst nicht mehr für alle.

Bei der Rente wird häufig vorgerechnet, was die junge Generation künftig für die ältere finanzieren muss. Gleichzeitig haben Eltern und Großeltern ihre Kinder über Jahrzehnte unterstützt und übertragen Vermögen innerhalb der Familie. Kann man Generationengerechtigkeit überhaupt seriös beurteilen, wenn man nur staatliche Transfers betrachtet und private Transfers innerhalb der Familien ausblendet?
Ich bin kein Ökonom und würde mir nicht anmaßen, das alles gegeneinander aufzurechnen. Natürlich gehören private Vermögen zum Gesamtbild dazu. Eltern unterstützen ihre Kinder, Großeltern ihre Enkel – mit Geld, Betreuung, vielleicht einer Wohnung oder irgendwann einem Erbe. Und umgekehrt kümmern sich Kinder später oft um ihre Eltern.

Aber für mich gibt´s einen entscheidenden Unterschied: Auf den staatlichen Generationenvertrag müssen sich alle verlassen können. Auf ein Erbe kann ich mich nicht verlassen. Das hängt schlicht davon ab, in welche Familie ich hineingeboren werde.

Und darum finde ich es auch nachvollziehbar, wenn gerade Jüngere der Politik vorwerfen, nicht früher und entschlossener gehandelt zu haben. Dass unser Rentensystem durch die demografische Entwicklung immer stärker unter Druck geraten würde, wissen wir schließlich nicht erst seit gestern. Natürlich hat es Reformen gegeben. Aber an die ganz grundlegenden Fragen hat man sich lange nicht herangetraut. Erst jetzt kommt diese Debatte mit voller Wucht. Und die Rechnung dafür werden eben zu einem erheblichen Teil die Jüngeren zahlen müssen.

Umgekehrt profitieren diese privaten Transfers eben nur diejenigen, bei denen etwas zu vererben ist. Wird Deutschland dadurch womöglich weniger zu einer Gesellschaft, in der das Alter über Wohlstand entscheidet, sondern stärker zu einer Gesellschaft, in der die Herkunft entscheidet?
Ich glaube, genau hier muss man aufpassen, nicht den einen einfachen Gegensatz – Jung gegen Alt – durch den nächsten zu ersetzen. Nach den Dreharbeiten würde ich eher sagen: Es überlagern sich mehrere Ungleichheiten. Alter spielt eine Rolle. Aber genauso Einkommen, Vermögen, Herkunft und die Frage, ob jemand einmal erben wird oder nicht. Das ist vielleicht eine Erkenntnis des Films, die mir vorher nicht so klar war: Zwei Menschen können beide 25 sein und trotzdem völlig unterschiedliche Zukunftsperspektiven haben. Deshalb reicht die Generationenzugehörigkeit allein nicht aus, um zu erklären, wer es in unserer Gesellschaft schwerer oder leichter hat.

Sie beschäftigen sich auch mit der Wehrpflicht. Bei kaum einem Thema wird der Generationenkonflikt so unmittelbar: Ältere Menschen können eine stärkere Verteidigungsbereitschaft fordern, betroffen wären davon aber vor allem Jüngere. Haben Sie bei Ihren Gesprächen erlebt, dass Pflichten zwischen den Generationen anders verteilt werden als politische Entscheidungsmacht?
Das war tatsächlich einer der Momente, die mich bei den Dreharbeiten am meisten beschäftigt haben.

Ich war bei einer Demo gegen die Wehrpflicht in Frankfurt und habe dort mit sehr jungen Menschen gesprochen. die hatten natürlich Angst vor Krieg. Aber dahinter steckt ja noch etwas anderes. Einige haben sinngemäß gesagt: Meine Schule funktioniert nicht richtig, ich weiß nicht, ob ich mir später eine Wohnung leisten kann, ich weiß nicht, wie meine Rente aussehen wird – und jetzt verlangt dieser Staat noch mehr von mir. Warum sollte ich dem etwas zurückgeben?

Das muss man nicht teilen. Aber ich finde es wichtig, es ernst zu nehmen. Sie haben sich absolut unfair behandelt gefühlt. Und wenn man dann 17 oder 18 ist und erlebt, dass Menschen über eine mögliche Wehrpflicht entscheiden, die davon selber nicht mehr betroffen sein werden, kann ich den Frust und die Frage verstehen, ob dass denn wirklich alles so fair verteilt ist.

Die junge Generation ist zahlenmäßig vergleichsweise klein – Ende 2025 waren nur zehn Prozent der Bevölkerung zwischen 15 und 24 Jahre alt. Entsteht dadurch grundsätzlich ein politisches Ungleichgewicht, weil ältere Generationen ihre Interessen allein aufgrund ihrer Größe leichter durchsetzen können?
Das ist für mich tatsächlich ein wichtiger Punkt. Und da kommt für mich noch etwas hinzu, was ich als Journalist über viele Wahlkämpfe hinweg beobachtet habe: Politik weiß natürlich sehr genau, wo die großen Wählergruppen sind. Ältere Menschen stellen einen sehr viel größeren Teil der Wahlberechtigten als die ganz Jungen. Ich würde nicht behaupten, dass deshalb automatisch Politik gegen junge Menschen gemacht wird. Aber es wäre naiv zu glauben, dass das überhaupt keinen Einfluss auf politische Prioritäten hat.

Beispiel Rente: Wenn Politik darüber diskutiert, Leistungen und Ansprüche zu kürzen oder anzutasten, ist ja gleich die Hölle los. Umgekehrt bei der Wehrpflicht heißt es dann, ihr könnte auch mal ran, mussten wir früher auch. Darum kann ich nachvollziehen, wenn junge Menschen sagen: Ihr entscheidet heute über Rente, Schulden, Klima oder Verteidigung aber mit den Folgen müssen wir viel länger leben als ihr.

Die Gen Z wird gern als bequem bezeichnet, die Boomer als egoistisch. Haben Sie während der Dreharbeiten gemerkt, dass solche Etiketten vor allem deshalb funktionieren, weil sich beide Seiten erstaunlich wenig mit dem tatsächlichen Alltag der jeweils anderen Generation beschäftigen?
Absolut. Und man sollte mit diesen Generationenetiketten wirklich vorsichtig sein. In der Vorbereitung habe ich mir sehr viele Social-Media-Posts und Memes dazu angeschaut. Und gefühlt 90 Prozent funktionieren immer nach demselben Schema: Der Boomer ist der etwas langweilige Typ, der moderne Technik nicht versteht und morgens um sieben stolz erzählt, dass er schon seit sechs im Büro sitzt. Und die Gen Z sitzt ständig mit einem völlig überteuerten Chai Latte im Café oder muss sich nach dem Abi erst einmal drei Monate vom Schulstress auf Bali erholen.

Das ist lustig – und manchmal erkennt man natürlich auch jemanden wieder. Aber als Beschreibung ganzer Generationen passt das nicht.

Das habe ich bei den Dreharbeiten immer wieder erlebt. Dann trifft man einen jungen Mann wie Julian Kamps, der mit einem Reel bei Instagram quasi zum Gesicht einer angeblich arbeitsunwilligen GenZ wurde und stellt fest: Der arbeitet doch ganz schön viel. Er stellt nur andere Ansprüche an Arbeit und daran, welchen Platz sie in seinem Leben haben.

Und umgekehrt trifft man einen sogenannten Boomer, der 45 Jahre gearbeitet hat, teilweise bis abends und am Wochenende, und der dann sagt: Jetzt reichts, jetzt möchte ich auch mal Zeit für meine Familie. Vielleicht ist das sogar eines der Probleme dieser ganzen Generationendebatte: Klischees sind super für Memes, aber für die Wirklichkeit einfach viel zu klein.

Was hat Sie bei Ihren Begegnungen am stärksten überrascht: Gibt es einen vermeintlichen Vorteil der älteren Generation, den Sie nach den Dreharbeiten anders beurteilen oder umgekehrt einen Vorwurf gegenüber den Jüngeren, den Sie inzwischen für ungerecht halten?
Vielleicht hat mich am stärksten überrascht, wie schnell meine eigenen Bilder im Kopf manchmal nicht mehr funktioniert haben.

Bei den Jungen war´s dieses Faulheitsklischee. Die Erwerbszahlen passen überhaupt nicht dazu, und meine Begegnungen erst recht nicht. Viele wollen arbeiten, stellen aber selbstbewusster die Frage, was sie dafür zurückbekommen – nicht nur an Geld, sondern auch an Zeit und Lebensqualität.

Außerdem, das hatte ich ja auch schon angedeutet: Diese Generation trägt ein Paket an Zukunftsängsten mit sich herum, das ich in ihrem Alter so nicht hatte. Klima war in vielen Gesprächen ein Teil davon. Und ich kann verstehen, wenn ein 20-Jähriger sagt: Ihr habt diese Entwicklung über Jahrzehnte mit verursacht und jetzt wollt ihr Euch einfach so aus der Verantwortung stehlen?

Eines meiner schönsten Erlebnisse war in diesem sächsischen Dachdeckerbetrieb. Ein Rentner, der weiterarbeitet, aber nicht, weil er den Jungen misstraut. Im Gegenteil: Er hilft ihnen, gibt sein Wissen weiter und versucht gleichzeitig, seinen Betrieb in ihre Hände zu übergeben. Ein junger Mitarbeiter hat erzählt, dass der Chef ihm sogar Nachhilfe gegeben hat, damit er seine Ausbildung schafft.

Da habe ich gedacht: Eigentlich ist das die Gegenidee zu unserem Titel. Nicht Jung gegen Alt – sondern eine Generation gibt der nächsten etwas weiter und vertraut ihr dann auch.

Wenn Sie nach dieser Recherche den Titel noch einmal formulieren müssten: Ist die entscheidende gesellschaftliche Trennlinie 2026 tatsächlich „Alt gegen Jung“ oder müssten wir viel stärker darüber sprechen, wer Eigentum besitzt, wer erbt, wer Familie hat und wer auf sein Arbeitseinkommen allein angewiesen ist?
Nach diesem Film würde ich hinter unserem Titel wahrscheinlich ein noch größeres Fragezeichen setzen.

Natürlich gibt’s einen Generationenkonflikt. Bei Rente, Demografie, Wohnen, Klima oder Wehrpflicht kann man den ja nicht wegdiskutieren. Aber gleichzeitig, sagt das Alter allein eben ziemlich wenig über die tatsächlichen Lebenschancen eines Menschen aus. Die Frage ist am Ende gar nicht, wer verwöhnt ist. Die Frage ist, ob wir Chancen, Vermögen, Lasten – und auch Zukunftsrisiken – so verteilen, dass die nächste Generation noch das Gefühl hat: Wenn ich mich anstrenge, kann ich mir in diesem Land etwas aufbauen. Und bei einigen jungen Menschen, die ich getroffen habe, habe ich gespürt, dass genau dieses Vertrauen gerade verloren geht. Das hat mich wahrscheinlich am meisten beschäftigt.

Vielen Dank für dieses konstruktive Gespräch!

«Am Puls» mit „Alt gegen Jung: Wer ist hier verwöhnt“ ist am Samstag, 3. Oktober, um 19.20 Uhr im ZDF zu sehen. Der Film wird am Tag der Deutschen Einheit um 10.00 Uhr online veröffentlicht.
01.10.2026 12:13 Uhr  •  Fabian Riedner Kurz-URL: qmde.de/176038