Die Kritiker: «Spyon»

Behördenlogik trifft Agentenfilm: Kann dieser Genre-Mix in der neuen ZDFneo-Comedy-Serie zünden?

Darsteller

Sami Hamad: Sogol Faghani
Andreas Rödig: Klaus Steinbacher
Victoria von Meckwitz: Lea Zoë Voss
Asel Asanow: Lukas Zumbrock
Yuki Rübsamen: Nhung Hong
Ausbilder Voss: Götz Otto
Leiterin Haberland: Sophie von Kessel
Der vielleicht schönste Witz an «SPYON» ist zugleich derjenige, den die Serie nicht ständig selbst machen müsste: Ein Spion ist im deutschen Verwaltungsstaat zunächst einmal ein Verwaltungsfachwirt. Bevor er den Weltfrieden rettet, muss er vermutlich eine Zugangsberechtigung beantragen, eine Datenschutzbelehrung unterschreiben und herausfinden, welcher Drucker für geheime Dokumente zuständig ist. Genau in dieser Reibung zwischen internationalem Agentenmythos und deutscher Behördenwirklichkeit liegt die eigentliche Komik der neuen ZDFneo-Serie.

«SPYON» erzählt von fünf jungen Menschen, die beim Bundesnachrichtendienst zu Agenten ausgebildet werden sollen: Vicky, Andi, Sami, Yuki und Asel. Sie bringen jeweils besondere Fähigkeiten und ebenso besondere Macken mit, scheitern an Regeln, Prüfungen und nicht selten an sich selbst. Ausbilder Voss soll aus dieser Ansammlung vermeintlicher Fehlbesetzungen eine funktionierende Geheimdiensttruppe formen. Das ist, grob betrachtet, eine klassische Workplace-Comedy – nur dass der Arbeitsplatz eben der BND ist. Und damit besitzt die Serie eine Prämisse, die interessanter ist, als es die manchmal etwas hektische Inszenierung vermuten lässt.

Denn der deutsche Geheimdienst ist als komödiantischer Schauplatz beinahe verdächtig naheliegend. Wo der internationale Agentenfilm traditionell mit Luxus, Hightech und souveräner Weltläufigkeit operiert, gibt es hier offenbar Regeln, Hierarchien und den Charme institutioneller Zweckmäßigkeit. «SPYON» setzt genau auf diesen Kontrast. Die Serie zitiert den Agentenfilm, ohne dessen Aura wirklich zu übernehmen. Sie interessiert sich weniger dafür, wie cool Spionage aussieht, als dafür, wie albern sie werden kann, wenn Menschen mit sehr unterschiedlichen Persönlichkeiten in ein streng geregeltes System gepresst werden.

Das funktioniert nicht immer gleich gut. «SPYON» ist am stärksten, wenn die Serie ihre Grundidee nicht mit Gewalt in eine Pointe verwandelt. In den besseren Momenten genügt bereits die Situation: Menschen, die eigentlich lernen sollen, professionell zu lügen, manipulieren oder observieren, müssen zunächst einmal mit ihren eigenen sozialen Unzulänglichkeiten klarkommen. Eine Episode, „Die Kunst der Manipulation“, etwa lässt einen NLP-Kurs in einen kleinen Machtkampf ausarten, während die Auszubildenden zunehmend zweifeln, ob sie es mit einer harmlosen Weiterbildung oder einer tatsächlichen Manipulation zu tun haben.

Allerdings offenbart sich ebenso schnell auch die große Schwäche des Formats: Die Figuren sind stärker Typen denn Charaktere. Vicky, Andi, Sami, Yuki und Asel besitzen klar erkennbare Eigenschaften, aber die Serie hat nicht immer die Geduld, daraus komplexere Persönlichkeiten entstehen zu lassen. Das führt gelegentlich zu jenem Comedy-Mechanismus, bei dem ein Charakter eine bestimmte Macke hat und diese Macke anschließend zuverlässig die nächste Szene produziert. Das ist auch insofern schade, als das Ensemble durchaus mehr hergeben könnte. Gerade Götz Otto als Ausbilder Voss und Sophie von Kessel als Leiterin Haberland verleihen der bürokratischen Agentenwelt eine angenehme professionelle Gravitation. Gegen diese erwachsene Ernsthaftigkeit können die Nachwuchsspione ihre Unreife umso wirkungsvoller ausspielen.

Besonders interessant gerät dabei, dass «SPYON» seine eigentliche gesellschaftliche Beobachtung eher beiläufig betreibt. Die Serie macht sich nicht nur über Behörden lustig, sondern über Institutionen überhaupt: über Regeln, Hierarchien und die menschliche Neigung, Systeme gleichzeitig zu benötigen und zu umgehen. Das ist keine tiefschürfende Bürokratiesatire, aber eine brauchbare Grundlage für eine Comedy, die mehr sein könnte als eine Aneinanderreihung von Grimassen. Vielleicht besteht die Quintessenz der deutschen Spionagekomödie tatsächlich nicht darin, den Agenten größer zu machen – sondern kleiner, menschlicher und vor allem bürokratischer. Denn bevor hier irgendjemand zum perfekten Spion wird, muss offenbar erst einmal geklärt werden, wer den Kopierer repariert.

Die Serie «Spyon» wird von ZDFneo dienstags ab dem 29. September um 21.45 Uhr ausgestrahlt.
27.09.2026 11:20 Uhr  •  Oliver Alexander Kurz-URL: qmde.de/175955