Livia Graf-Bechler zum Firmenjubiläum: ‚Der Kostendruck ist enorm‘

Graf Film feiert sein 25-jähriges Bestehen und hat 120 Produktionen verantwortet. Geschäftsführerin Livia Graf-Bechler spricht über steigende Produktionskosten, die Zukunft des 90-Minüters, langlebige Krimimarken und neue Finanzierungsmöglichkeiten zwischen Sendern und Streamingdiensten.

Frau Graf-Bechler, Graf Film feiert 25-jähriges Bestehen. Wenn Sie auf rund 120 Produktionen zurückblicken: Welche Entscheidung hat das Unternehmen Ihrer Meinung nach am stärksten geprägt?
Der Glaube an starke Geschichten und vertrauensvolle Partnerschaften hat uns in den letzten 25 Jahren sicher am stärksten geprägt und ist die Basis für die Entscheidung, als kleines Unternehmen aus Südösterreich eigenständig zu bleiben.

Sie sind 2024 in die Geschäftsführung eingestiegen und zugleich Miteigentümerin geworden. Wie schwierig ist es, ein Familienunternehmen weiterzuentwickeln, ohne das zu verlieren, was Ihr Vater Klaus Graf über Jahrzehnte aufgebaut hat?
Ich sehe es als Privileg, ein Unternehmen auf einer stabilen Basis weiterentwickeln zu können und dabei meinen Vater immer als Berater und Mentor an meiner Seite zu haben. Planerisch zu agieren, nicht nur zu reagieren, macht uns zukunftsfit, und das Vertrauensverhältnis zu unseren Kreativen ist oberstes Gebot.

Graf Film ist bis heute unabhängig. Ist diese Unabhängigkeit im aktuellen Produktionsmarkt eher ein Vorteil, weil Sie schneller entscheiden können – oder wird sie angesichts größerer Produktionsgruppen zunehmend zur Herausforderung?
Wir sehen das als Vorteil, weil wir selbstständig und schnell Entscheidungen treffen können. Bei etwaigen Fehlentscheidungen müssen wir das dann aber auch unter uns ausmachen.

Mit «Der Zürich-Krimi» und «Die Toten vom Bodensee» haben Sie zwei sehr langlebige Krimimarken aufgebaut. Was muss eine Reihe heute leisten, damit sie nicht nur einige Jahre, sondern über Jahrzehnte hinweg funktioniert?
Wir sind sehr dankbar, dass die Zuseher:innen unseren Formaten so treu bleiben – das ist keine Selbstverständlichkeit, und wir freuen uns sehr über das Vertrauen der Sender. Das ist kontinuierliche Entwicklungsarbeit: Beim «Zürich-Krimi» entwickeln wir sämtliche Stoffe inhouse, «Die Toten vom Bodensee» sind ein Best-practice-Beispiel für eine funktionierende Koproduktion über viele Jahre mit Rowboat Film.

Der «Zürich-Krimi» erreicht teilweise mehr als sieben Millionen Zuschauer und feiert inzwischen seine 25. Folge. Wie groß ist bei solchen Erfolgsmarken die Versuchung, möglichst wenig zu verändern – und wie viel Erneuerung verträgt eine eingespielte Reihe?
Relevante Themen zu finden, mit denen wir uns im «Zürich-Krimi» noch nicht auseinandergesetzt haben, ist immer eine Herausforderung – aber ich denke, das gelingt uns sehr gut. Durch den starken Cast haben wir außerdem das große Vergnügen, die Binnenverhältnisse immer weiter zu entwickeln und vertiefen zu können.

Ihr aktuelles Portfolio ist stark vom Krimigenre geprägt – vom «Zürich-Krimi» über «Die Toten vom Bodensee» bis zu «Der Geier». Ist der deutschsprachige Fernsehmarkt mittlerweile zu abhängig vom Krimi, weil Sender bei anderen Genres weniger Risiko eingehen wollen?
Wir sind selbst immer wieder erstaunt, wie treu die Krimizuseher:innen sind. Kaum eine Komödie oder ein Drama schafft vergleichbare Quoten. Trotzdem sehen wir, dass sich die Sender auch an andere Genres herantrauen – diese Vielfalt macht es für uns spannend.

Gleichzeitig hat Graf Film mit Produktionen wie «Das Wunder von Kärnten», «Rubikon», «Der Mann mit dem Fagott» oder «Ich war noch niemals in New York» immer wieder deutlich andere Stoffe produziert. Ist es heute schwieriger geworden, solche Einzelstücke und größeren Experimente finanziert zu bekommen?
Jede Finanzierung ist eine Herausforderung, vor allem in Zeiten knapperer Budgets und gestiegener (Personal-)Kosten. Ich denke, es ist essenziell, jedes Projekt und dessen Rahmenbedingungen separat zu betrachten. Und wie immer gehört auch eine Portion Glück dazu!

Mit Klagenfurt und München arbeiten Sie seit vielen Jahren grenzüberschreitend zwischen Österreich und Deutschland. Wo unterscheiden sich die Produktionsbedingungen inzwischen am stärksten – etwa bei Förderung, Senderstrukturen oder Finanzierung?
Die Kosten sind in Österreich noch einmal stärker gestiegen, das ist für uns – trotz diverser Förderungen – ein großes Thema, und wir müssen an unserer Effizienz arbeiten, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Die knappen Senderbudgets sind in beiden Ländern spürbar – aber genau darin sehe ich auch das Potenzial für Koproduktionen und neue Finanzierungsstrategien.

Der klassische 90-Minüter steht zunehmend unter Druck durch Streaming, Serien und veränderte Sehgewohnheiten. Glauben Sie, dass der Fernsehfilm auch in zehn Jahren noch eine ähnlich wichtige Rolle bei ARD, ZDF und ORF spielen wird?
Ich beobachte an mir selbst gerade, dass ich wieder vermehrt Fernsehfilme schaue – ich möchte immer öfter an einem Abend einen Film zu Ende sehen, statt tage- oder wochenlang an einer Serie zu hängen. Daher glaube ich, dass der Fernsehfilm weiterhin eine wichtige Rolle spielen wird.

Streamingdienste haben den Markt in den vergangenen Jahren stark verändert. Gleichzeitig stammt ein großer Teil Ihres Geschäfts weiterhin aus klassischen Senderbeauftragungen. Wie wichtig ist es für Graf Film, künftig stärker für internationale Plattformen zu produzieren?
Bei jeder Projektplanung und -finanzierung diskutieren wir alle Möglichkeiten, den Stoff bestmöglich zu entwickeln und finanzieren. Es entstehen ja auch unkonventionelle neue Modelle, etwa zwischen öffentlich-rechtlichen Sendern und Streamern. Wir sind offen für alles, was dem jeweiligen Projekt die beste Basis bietet.

Produktionen werden teurer, gleichzeitig stehen Sender und Plattformen unter größerem Kostendruck. An welcher Stelle spüren Sie diese Entwicklung inzwischen am deutlichsten: bei Drehtagen, Besetzung, Ausstattung oder bereits bei der Stoffentwicklung?
Der Kostendruck ist enorm und wirkt sich von der Entwicklung bis zur Verwertung auf alle Departments aus. Es lässt sich nicht einfach an einer großen Position sparen – es sind viele kleine Maßnahmen, die wir setzen. Zudem müssen wir ernsthaft prüfen, in welchen Feldern der Einsatz von KI (rechtlich) möglich und zielführend ist.

Graf Film nennt Professionalität, Kreativität und Wertschätzung als Unternehmensgrundsätze. Gerade die Arbeitsbedingungen in der Filmbranche werden regelmäßig kritisch diskutiert. Was bedeutet „Wertschätzung“ für Sie konkret, wenn gleichzeitig Budgets und Drehzeiten immer enger werden?
Für uns kann ein Film nur im Team entstehen – daher ist uns Transparenz in der Kommunikation besonders wichtig. Wertschätzung bedeutet für uns, Ansprechpartner für alle Themen zu sein und Entscheidungen von mehreren Seiten zu beleuchten. Wir sind loyale Partner und mit vielen Filmschaffenden über viele Projekte und Jahre verbunden.

Sie gehören zu einer neuen Generation in der Geschäftsführung. Gibt es Stoffe, Genres oder Zielgruppen, die Sie künftig stärker in den Mittelpunkt rücken möchten als Graf Film das bislang getan hat?
Am meisten Spaß macht es mir, an unterschiedlichen Genres zu arbeiten – egal, ob wir sie selbst entwickeln oder spannende Stoffe über Koproduzenten vorgeschlagen bekommen. Koproduktionen schätze ich sehr, weil man dadurch oft aus der eigenen Komfortzone kommt und sich mit neuen Themen auseinandersetzt.

Mit «Herzklang» bauen Sie derzeit auch eine neue Marke jenseits des klassischen Krimis auf. Ist das ein Beispiel dafür, dass Graf Film sein Portfolio in den kommenden Jahren bewusst breiter aufstellen möchte?
Wir waren immer offen für Genres wie Komödie oder Romance. Es ist sehr motivierend zu sehen, dass solche Filme nun in sehr moderner, frischer Tonalität erfolgreich sind und mit welch positiver Energie dieses Projekt gemeinsam mit unserem Koproduzenten von allen Seiten umgesetzt wird.

Vielen Dank für Ihre Zeit!
04.10.2026 12:08 Uhr  •  Fabian Riedner Kurz-URL: qmde.de/175812