«Ride or Die»: Wenn Amazon seinen eigenen Actionheldinnen nicht traut

Amazon verkaufte «Ride or Die» mit Hannah Waddingham und Octavia Spencer als Action-Comedy. Doch genau das ist die Serie nicht. Hinter den vermeintlich lustigen Abenteuern steckt ein erstaunlich klassischer Action-Thriller und womöglich hat das Marketing dem Projekt damit selbst geschadet.

Seit über 70 Jahren ist James Bond als Geheimagent des britischen Geheimdienstes MI6 unterwegs. Natürlich durfte Bond immer wieder lustig sein, schließlich gehörten trockene Sprüche und absurde Situationen schon lange zur DNA der Filmreihe. Vor allem Roger Moore sorgte in Auftritten regelmäßig für humoristische Momente. Dennoch würde wohl niemand auf die Idee kommen, einen Bond-Spielfilm deshalb als Action-Komödie zu verkaufen. Auch Tom Cruise darf in «Mission: Impossible» für den einen oder anderen Lacher sorgen, ohne dass Paramount seine Filme plötzlich in ein anderes Genre steckt.

Bei Action-Streifen mit Frauen in der Hauptrolle scheint die Filmindustrie dagegen seit Jahren vorsichtiger zu sein. Einige prominente Versuche wurden schließlich zu Kassengift. «Æon Flux» mit Charlize Theron als futuristische Attentäterin enttäuschte ebenso wie «Catwoman» mit Halle Berry. Jessica Chastain, Penélope Cruz, Lupita Nyong’o und Diane Kruger kamen mit «The 355» weltweit lediglich auf 27,8 Millionen US-Dollar Einspielergebnis. Doch es gibt auch lobenswerte Ausnahmen wie den Action-Streifen «Salt» mit Angelina Jolie. Auch ihre beiden «Lara Croft: Tomb Raider»-Filme waren keine Flops, wenngleich der zweite Teil deutlich hinter den Erwartungen zurückblieb. Frauen können Action tragen – nur scheint die Branche ihnen das nicht immer zuzutrauen.

Paramount Television verkaufte Amazon MGM Studios einen bemerkenswerten Stoff. Hinter dem Projekt stecken Andy und Barbara Muschietti, die gemeinsam schon für «Es» verantwortlich waren. Auch Paramount-Skydance-Eigner David Ellison gehört zu den ausführenden Produzenten der in Europa spielenden Serie. Entwickelt wurde «Ride or Die» von Tessa Coates, als Showrunner wurde hingegen Matt Miller verpflichtet, der schon «The Flight Attendant» einheizte.

Als Hauptdarstellerin verpflichtete Paramount die gefragte Schauspielerin Hannah Waddingham, die vor allem mit der Apple-TV-Serie «Ted Lasso» – und natürlich nebenbei auch beim Eurovision Song Contest – auf sich aufmerksam machte. Außerdem wurde Octavia Spencer unter Vertrag genommen, die bereits vor eineinhalb Jahrzehnten für ihre Rolle in «The Help» einen Oscar gewann. Auch der weitere Cast ist hochkarätig: Ed Skrein, Calam Lynch, Jamie Parker und Bill Nighy sind mit an Bord. Savannah Steyn bekam ebenfalls eine Nebenrolle, nachdem sie bei ihrer Debütserie «Intergalactic» noch mit einem wirklich üblen Drehbuch arbeiten musste.

Im Juni veröffentlichte Amazon einen ersten Trailer für «Ride or Die», der zahlreiche lustige Stellen der Serie zeigte. Hier sollte offensichtlich eine Action-Comedy verkauft werden. Das Problem daran: «Ride or Die» ist überhaupt keine Action-Comedy. Amazon pickte aus den ersten Episoden zahlreiche humoristische Szenen heraus, setzte sie hintereinander und vermittelte damit einen Eindruck, der mit der eigentlichen Serie erstaunlich wenig zu tun hat. Ein paar lustige Witze, schon ist eine Komödie fertig.

Das ist besonders bemerkenswert, weil zahlreiche erfolgreiche Frauen am Entstehungsprozess der Serie beteiligt sind. Das Marketing erweckt jedenfalls den Eindruck, als habe Amazon zwei Frauen als Actionheldinnen allein nicht für verkäuflich genug gehalten und deshalb besonders stark auf die komischen Momente gesetzt. Doch das Amazon-Label ist großer Etikettenschwindel. Bei «Ride or Die» handelt es sich im Kern um eine klassische Action-Serie im Stil von «Mission: Impossible», das ebenfalls bei Paramount beheimatet ist.

Im Mittelpunkt der Serie steht Debbie Claybourne (Octavia Spencer), eine Anwältin, die in Großbritannien den Parlamentsabgeordneten David (Jamie Parker) kennenlernt. Während eines Ausflugs erleidet Debbie einen Motorschaden, sodass Judith Burton (Hannah Waddingham) ihr zur Seite steht. Die beiden Frauen freunden sich an. Das führt dazu, dass Debbie regelmäßig zu einem Buchclub einlädt und sich insgeheim eigentlich nur darauf freut, Judith wiederzusehen.

Bei einer Wohltätigkeitsgala soll Judith, die als britische Auftragskillerin unter dem Codenamen Whiptail bekannt ist, eine Zielperson aus dem Weg räumen. Allerdings verläuft die Operation schief. Debbie, die ebenfalls bei der Gala ist, trifft ausgerechnet in diesem Moment auf Judith. Die beiden müssen vor dem Verbrecher Billy Donovan (Ed Skrein) flüchten – und genau aus diesen Minuten stammt ein beträchtlicher Teil des Materials, mit dem Amazon die Serie beworben hat.

Das mag alles recht amüsant wirken, immerhin werden die beiden Freundinnen auch nicht gleich in der ersten Folge draufgehen. Ähnlich wie Tom Cruise im siebten «Mission: Impossible» mit dem Motorrad scheinbar in den Tod stürzt – es muss schließlich noch Handlung gefüllt werden. Aber auch dort käme niemand auf die Idee, aus den entsprechenden Momenten einen Trailer zusammenzuschneiden und das Ergebnis anschließend als Komödie zu verkaufen.

Am Ende der ersten Episode bricht für Debbie eine Welt zusammen, als sie erfährt, dass Judith doch keine forensische Buchhalterin ist, sondern Menschen tötet. Judith macht das immerhin für Geld, weshalb sie Auftragsmörderin und keine Serienkillerin sei. Schon an dieser Stelle wird deutlich, wie die Serie tatsächlich funktioniert: Die Dialoge dürfen durchaus humorvoll sein, die Geschichte selbst wird aber als Thriller erzählt. Die Freundschaft zwischen Debbie und Judith bildet das emotionale Zentrum, während sich um die beiden Frauen eine zunehmend größere Verschwörung entwickelt.

Genau deshalb funktioniert Hannah Waddingham überraschend gut als Actionheldin. Sie muss ihre Figur nicht mit aller Gewalt cool spielen. Judith darf trocken, genervt und gelegentlich komisch sein, ohne deshalb zur Parodie zu werden. Octavia Spencer bildet dazu den passenden Gegenpol. Debbie stolpert zunächst in eine Welt hinein, von der sie nichts wusste, bleibt aber eben nicht dauerhaft die überforderte Begleiterin, die nur für die Pointen zuständig ist. Das Zusammenspiel der beiden Schauspielerinnen gehört zu den größten Stärken der Serie.

Der Ritt durch die acht Episoden ist dennoch durchaus lang. Die Folgen dauern zwischen 48 und 55 Minuten. Es wäre durchaus vertretbar gewesen, die Serie an der einen oder anderen Stelle zu kürzen, um sich stärker einem 45-Minuten-Format anzunähern. Vielleicht wäre sogar eine Sechs-Folgen-Variante möglich gewesen, um «Ride or Die» noch einmal deutlich mehr Speed zu geben. Schließlich verheddert sich die Geschichte gerne einmal und wirkt durch die zahlreichen Unterbrechungen noch länger, als sie tatsächlich ist.

Großartig sind hingegen die Action-Sequenzen. Hier merkt man, dass «Ride or Die» eben nicht als kleine Nebenbei-Komödie konzipiert wurde. Auch kleinere Auftritte wie Sams Marsch (Calam Lynch) in das Büro des Directors (Bill Nighy) wirken dank der üppigen Sets hochwertig. Die Serie möchte groß aussehen und schafft das erstaunlich oft. Gerade deshalb verwundert es umso mehr, dass Amazon bei der Vermarktung lieber die Pointen in den Vordergrund stellte.

Vielleicht hat «Ride or Die» genau dadurch zahlreiche Menschen verfehlt. Wer nach dem Trailer eine leichte Action-Komödie mit zwei ungleichen Freundinnen erwartete, bekam eine andere Serie serviert. Wer hingegen einen klassischen Agenten- und Action-Thriller sehen wollte, dürfte sich von der Werbung möglicherweise überhaupt nicht angesprochen gefühlt haben. Das Buch ist solide, die beiden Hauptdarstellerinnen funktionieren und die Action kann sich sehen lassen. Eine perfekte Serie ist daraus trotzdem nicht geworden – dafür sind acht fast einstündige Episoden einfach zu viel und manche Nebenhandlung dreht eine Runde zu viel.



Nach Informationen von Demoskopen ist «Ride or Die» bei Amazon gefloppt. Die Staffel wurde bereits am 15. Juli 2026 und damit kurz vor dem Ende der FIFA-Fußballweltmeisterschaft veröffentlicht. In der Entertainment-Industrie konnte das neue Waddingham-Projekt bislang keinen Fuß fassen. Natürlich lässt sich nicht beweisen, dass der Trailer dafür verantwortlich ist. Aber Amazon hat sich mit seiner Vermarktung selbst keinen Gefallen getan. Schlussendlich wurde die bereits auserzählte Serie auch offiziell abgesetzt.

Denn eigentlich hätte «Ride or Die» eine ziemlich einfache Botschaft gebraucht: Hannah Waddingham und Octavia Spencer sind die Hauptfiguren einer großen Action-Serie. Sie schießen, kämpfen, fliehen und dürfen dabei selbstverständlich auch einmal lustig sein. Tom Cruise darf das schließlich seit Jahrzehnten, ohne dass jemand auf die Idee kommt, «Mission: Impossible» deshalb als Action-Komödie zu verkaufen.

«Ride or Die» ist bei Amazon abrufbar.
28.09.2026 11:28 Uhr  •  Fabian Riedner Kurz-URL: qmde.de/175808