Doris Zander: ‚Ich liebe gute Liebesgeschichten – egal in welchem Alter‘
Mit «Eine Nacht in Bangkok» verbindet Produzentin Doris Zander Liebesgeschichte, Familiendrama und einen Hauch Krimi. Im Interview spricht sie über Désirée Nosbusch und Matthias Brandt, die schwierige Beziehung zwischen Eltern und erwachsenen Kindern sowie ihre Leidenschaft für den klassischen 90-Minüter.
Frau Zander, Autor Sathyan Ramesh sagt ziemlich offen, die Balance zwischen Liebesgeschichte, Familiendrama und Kriminalhandlung sei ihm unter anderem von seiner „geliebten Stammproduzentin Doris Zander“ abverlangt worden. Wie stark haben Sie «Eine Nacht in Bangkok» dramaturgisch mitentwickelt?
Die Liebesgeschichte funktionierte schon sehr gut - mir war wichtig zu verstehen, was die Tochter, warum angestellt hat? Die Familiendynamik kommt durch ihr Handeln in Schwung. Krimi können Sathyan und ich nicht so richtig gut - wenn ich ehrlich bin.
Im Kern treffen mit Katharina und Hektor zwei Menschen nach zehn Jahren wieder aufeinander, weil ihre gemeinsame Tochter im Gefängnis sitzt. Was war für Sie zuerst da: die Geschichte eines ehemaligen Paares oder die Frage, wie gut Eltern ihre erwachsenen Kinder tatsächlich kennen?
Für mich gab es zuerst die Geschichte eines ehemaligen Liebespaares, die einander im Gefängnis nach vielen Jahren das erste Mal wieder treffen - daraus ergab sich die Frage: wie gut kennen Eltern ihre (erwachsenen) Kinder, insbesondere wenn Eltern sich unsanft trennten.
Der vermeintliche Kriminalfall um Lilith setzt die Handlung in Bewegung, letztlich geht es aber immer stärker um eine zerbrochene Familie und alte Verletzungen. Wie verhindert man bei einem Fernsehfilm, dass Zuschauer, die zunächst einen spannenden Fall erwarten, von diesem Perspektivwechsel enttäuscht werden?
Dran bleiben, zuhören, sich bitte einlassen und überraschen lassen!
Mit Désirée Nosbusch und Matthias Brandt stehen zwei sehr markante Schauspieler im Zentrum, die über lange Strecken von Dialogen und ihrer gemeinsamen Chemie leben müssen. Stand diese Besetzung früh fest – und wie entscheidend war sie dafür, dass man einen solchen Stoff überhaupt realisieren kann?
Désirée Nosbusch und Matthias Brandt standen von Anfang an fest - und sie blieben standhaft als das Drehbuch fertig war - ein Segen für den Film!
Rainer Kaufmann spricht davon, mit Ihnen bereits „Pferde gestohlen“ zu haben, Sathyan Ramesh nennt Sie seine Stammproduzentin. Was ermöglicht ein kreatives Team, das sich schon lange kennt – und besteht umgekehrt die Gefahr, dass man sich irgendwann zu gut kennt und zu selten widerspricht?
Mit Rainer Kaufmann (Regisseur) habe ich wunderbare, preisgekrönte Filme machen dürfen - dazwischen liegen immer mehrere Jahre, ebenso mit Sathyan Ramesh (Autor). Allerdings haben wir beide immer einen Topf auf dem Herd - oder anders, eine Story die wir erzählen wollen - wir vertrauen uns - und lernen uns mit jeder Arbeit besser kennen. Ich schätze beide Künstler sehr und sie fallen nicht tot um, wenn ich etwas nicht gelungen finde. Wir haben einen guten Humor miteinander. Ich traue mich Rainer und Sathyan zu zeigen und immer zu sagen wo der Schuh drückt. Wir können gar nicht anders als uns zu fordern und zu hinterfragen. Das geht nur, wenn man nicht platzt vor Eitelkeit.
Der Film beschäftigt sich mit Eltern, die feststellen müssen, dass sie über das Leben ihrer erwachsenen Tochter erstaunlich wenig wissen. Ist das für Sie auch ein sehr gegenwärtiger Stoff über eine Generation von Eltern, die ihren Kindern besonders nahe sein möchte und trotzdem irgendwann akzeptieren muss, nicht mehr alles zu erfahren?
Ja! Ich habe einige Freundinnen die alleinerziehend sind - zwei Kinder durfte ich mit begleiten - ich spüre die Not und Einsamkeit bei Kindern, insbesondere wenn sie sich von ihren Eltern verraten fühlen und sich gleichzeitig nach ihnen sehnen. Daher ist es (mir) so wichtig, dass Eltern, wenn sie sich trennen, darum wissen und ihre Kinder nicht zwischen ihnen „zerreiben“! Und natürlich muss man loslassen und akzeptieren, wenn Kinder ihren eigenen Weg gehen. Es ist spannend sie neu kennenzulernen.
Eine zentrale Tanzszene zu «Eine Nacht in Bangkok» gab dem Film seinen Titel, und Musik wird ganz bewusst als Zugang zur gemeinsamen Vergangenheit der Figuren eingesetzt. Wann war klar, dass dieser Song mehr sein würde als nur eine musikalische Referenz und letztlich den ganzen Film überschreiben kann?
Lustigerweise war der Filmtitel immer da - nie als Arbeitstitel gedacht. Wir haben natürlich auf Wunsch der Redaktion nach einem neuen Titel gesucht und ich schreibe hier nicht wie viele Vorschläge am Ende vorlagen - bis Christian Granderath (Redaktion NDR) mich nach langem Suchen und nicht finden anrief und zusagte: Es bleibt bei «Eine Nacht in Bangkok» - fand ich super! Der Film spielt ja weder in einer Nacht noch in Bangkok 😉
Gedreht wurde in Berlin, Mittenwalde und Rostock, obwohl der Titel zunächst ganz andere Bilder erwarten lässt. Spielt «Eine Nacht in Bangkok» bewusst mit dieser Erwartung – also mit der Vorstellung, dass eine einzige Nacht einen Menschen gedanklich viel weiter wegführen kann als eine tatsächliche Reise?
Der Musiktitel „One Night in Bangkok“ schafft in dem Film etwas, dass ich hier nicht spoilern möchte… viel Freude mit dem Ohrwurm!
Der Film setzt auf ein erwachsenes ehemaliges Paar, dessen alte Liebe, Verletzungen und möglicherweise noch vorhandene Gefühle einen großen Teil der Geschichte tragen. Werden solche Liebesgeschichten mit Figuren jenseits der klassischen RomCom-Altersgruppe im deutschen Fernsehen noch zu selten erzählt?
JA! ja - ja - Ich liebe gute Liebesgeschichten - egal in welchem Alter. Herrliche Dialoge, die zu klugem Schlagabtausch führen, man sich ertappt, lacht, oder auch ein bisschen weinen muss - das sind für mich oft die wahren Herausforderungen bei der Entwicklung eines Drehbuchs. Magie entsteht mit guten DarstellerInnen, phantastischen RegisseurInnen, einem exzellenten Drehbuch in einem gut vorbereiteten geschützten Raum - herrlich!
«Eine Nacht in Bangkok» ist ein 90-Minüter für Das Erste. Gleichzeitig wird immer wieder darüber diskutiert, ob der klassische Fernsehfilm angesichts von Mediatheken und Streamingserien an Bedeutung verliert. Was kann der abgeschlossene 90-Minüter Ihrer Ansicht nach erzählen oder leisten, das eine Serie nicht automatisch besser kann?
Anfang Mitte Schluss - in 90 Minuten - damit hat man eine runde Geschichte, kann loslassen und noch etwas anderes erleben. Ich liebe 90-Minüter.
Sie produzieren seit vielen Jahren für das deutsche Fernsehen. Wenn Sie heute einen eigenwilligen Stoff wie «Eine Nacht in Bangkok» entwickeln: Ist es schwieriger geworden, Sender von Filmen zu überzeugen, die sich nicht sauber in Krimi, Komödie oder Liebesfilm einordnen lassen oder wächst gerade durch den Streaming-Wettbewerb wieder der Mut zu solchen Mischformen?
Da die Sender mit Krimiformaten ihre höchsten Quoten einfahren, haben es Filme wie ich sie anbiete: z.B. zu Machtmissbrauch, Einsamkeit, Poesie, leisem Humor - etwas schwerer… ich gehe öfters einen Umweg um ans Ziel zu kommen. Für die Streamer habe ich noch nicht gearbeitet.
Vielen Dank für Ihre Zeit!
Das Erste strahlt «Eine Nacht in Bangkok» am Mittwoch, 23. September, um 20.15 Uhr aus. Der Film ist bereits online abrufbar.