Wolfgang Herles: ‚Jeder sucht nach einem Zipfelchen Unsterblichkeit‘

In «Poseidons Zorn» schickt Wolfgang Herles eine Gruppe alternder Männer auf einen Segeltörn voller Eitelkeiten, Lebenslügen und offener Rechnungen. Im Interview spricht der Autor über den Widerstand gegen das Altwerden, die Psychologie der Macht und seinen kritischen Blick auf den öffentlich-rechtlichen Rundfunk.

Herr Herles, „Poseidons Zorn“ beginnt mit einem ungewöhnlichen Experiment: Alma lädt vier Männer aus ihrer Vergangenheit zu einem zweiwöchigen Segeltörn ein, mit denen sie noch Rechnungen offen hat. Was war zuerst da: die Idee dieses psychologischen Experiments oder der Schauplatz auf einem Segelboot in der Ägäis?
Zuerst war das Thema: Der Widerstand der Alten gegen das Altwerden. Ich schreibe über das Abenteuer des Überlebens, fing mit einem Sachbuch an - und brach es ab. Es war zu trocken und negativ. Wenn man über das Altwerden nicht auch spotten kann, soll man es besser bleiben lassen. Eine Serie von Segeltörns in der Ägäis, an denen ich noch ohne Hintergedanken teilnahm, lieferte das passende Ambiente. Reise und Lebensreisen fanden zueinander. Ich steckte meine Alten auf ein Segelschiff. Aber die Personen sind frei erfunden.

Alma versammelt Männer, die als Pilot, Politiker, Fotograf oder Unternehmer auf ein erfolgreiches Leben zurückblicken. Gleichzeitig sind Alter, körperlicher Verfall und die Frage, was vom eigenen Lebenswerk bleibt, von Beginn an präsent. Wollten Sie bewusst über eine Generation schreiben, die lange Einfluss hatte und nun lernen muss, Macht und Bedeutung abzugeben?
Das Loslassen ist das Problem. Jeder sucht nach einem Zipfelchen Unsterblichkeit. Keinem an Bord gelingt es. Jeder versucht es auf andere Weise. Daraus entwickelt sich der Plot. Und natürlich ist es ein Problem der wohlstandsverwöhnten, selbstbezogenen Boomer-Generation. Sie geben nicht auf bis sie es müssen, und machen sich in ihrer Verzweiflung auch ein wenig lächerlich. Ich glaube nicht an Altersweisheit oder Altersmilde. Diese Leute bereuen nichts und wollen das Leben auskosten. Vorbildlich, aber auch komisch.

Ein Segelboot ist ein idealer Ort für einen Psychothriller: Man kann einander kaum ausweichen, ist aufeinander angewiesen und zugleich den Naturgewalten ausgeliefert. Wie wichtig war Ihnen diese räumliche Enge für die Eskalation der Geschichte?
Die räumliche Enge, das Aufeinandergeworfensein ist Gift für die Personen - außer, sie hauen ab - aber ein Glück für den Roman. Als Versuchsanordnung für das seltsame Experiment Almas mit ihren Kerlen unverzichtbar. Die Situation an Bord erzeugt permanent Spannung - zwischen den Leuten und damit für den Leser.

Alma scheint die Männer sehr bewusst ausgewählt zu haben und weiß deutlich mehr über die Verbindungen innerhalb der Gruppe als ihre Gäste. Wie schwierig ist es beim Schreiben eines Thrillers, Informationen so zu dosieren, dass die Leser früh ahnen, dass etwas nicht stimmt, aber die Konstruktion noch nicht durchschauen?
Tatsächlich musste ich an diesen Aspekte bis zuletzt immer wieder feilen. Ich wusste lange selbst nicht, was da alles aus der Vergangenheit hoch kommt. Und wie die Sache ausgeht, wissen die handelnden Personen bis heute nicht richtig. Der "Fall" löst sich so wenig auf wie die Lebenskrisen. Die Leser ahnen von Beginn an, was die Männer miteinander verbindet. Nur die Männer selbst wissen es nicht. Das ist der Witz. Sie lassen sich auf etwas ein, was sie nicht durchschauen. Deshalb schrieb ich die Geschichte aus der Perspektive einer Frau. Sie ist in jeder Beziehung der Kapitän. Nicht nur positiv. Sie treibt die Geschichte an, bringt sich aber auch selbst in Schwierigkeiten. Der feministische Ansatz des Romans und seine Brechungen machten besonderen Spaß.

Sie haben jahrzehntelang Politik und Gesellschaft beobachtet. Nun schreiben Sie einen Psychothriller über Eitelkeit, alte Verletzungen, Lebenslügen und Machtverhältnisse. Wie viel von Ihrer journalistischen Menschenkenntnis steckt in diesen Figuren?
Ich schrieb acht Romane, fühlte mich nie nur als Journalist. Eigentlich wollte ich Schriftsteller werden oder Regisseur. Dann hat das mit dem Journalismus gut geklappt. Aber ich bin immer ein Grenzgänger gewesen. Die Psychologie der Macht hat mich auch als Journalist immer am meisten interessiert. Ich glaube, beide Welten bereichern einander. Schriftsteller erleben selten so viel wie Reporter. Und Reporter bleiben gejagt von der Aktualität beschränkt, wenn ihnen das Medium der Sprache als Quelle der Erkenntnis verschlossen bleibt.

Eine Ihrer Figuren ist ausgerechnet ein ehemaliger Politiker. Nach Jahrzehnten als politischer Journalist: Macht es besonders viel Spaß, einen Politiker einmal vollständig selbst erschaffen zu dürfen – inklusive seiner Schwächen und Abgründe?
Der abgewählte Ex-Politiker ist durchaus eine Figur aus meinem anderen Leben. Unter den Männern an Bord meine Lieblingsfigur. Vielleicht, weil ich sie tatsächlich besser kenne und verstehe. Sein Ehrgeiz, sein Dominanzverhalten, wie er sich in die Welt der antiken Götter beamt, einfach nicht still sein kann, sich selbst zum Narren macht: das ist realistisch und entlarvend.

In „Gemütlich war es nie“ haben Sie die Geschichte der Bundesrepublik entlang Ihres eigenen Lebens erzählt. „Poseidons Zorn“ ist Fiktion, beschäftigt sich aber ebenfalls mit Menschen, die Bilanz ziehen müssen. Ist der Roman auf eine andere Weise ebenfalls ein Buch über Ihre Generation und deren Selbstbild?
Unbedingt. Ich selbst stecke in allen Figuren - auch in den Frauen. Zugleich gehe ich auf Distanz zu mir selbst, erspüre alternative Möglichkeiten mit Hilfe von Figuren, die ich mir zwar ausgedacht habe, die aber ein Eigenleben entwickeln, das mich selbst immer wieder überrascht. Ich wollte mich beim Schreiben selbst gut unterhalten, und ich hoffe, das spürt man beim Lesen. Der Roman ist keine Bilanz, eher eine Methode das Leben zu reflektieren.

Sie haben das öffentlich-rechtliche Fernsehen selbst über Jahrzehnte mitgeprägt und es später immer wieder scharf kritisiert. Gleichzeitig erreichen ARD und ZDF heute im linearen Fernsehen enorme Marktanteile und bauen ihre Mediatheken stark aus. Muss man angesichts dieser Publikumsakzeptanz manche Ihrer früheren Diagnosen über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk neu bewerten?
Ich bleibe dabei: die konformistische Gefallsucht des ÖRR ist das Kernproblem. Immer im Mainstream schwimmen, genügt nicht. Inzwischen ändert sich der Zeitgeist - und ARD und ZDF hecheln hinterher. Sie werden sich ändern müssen. ZDF und ARD haben immer den jeweils Mächtigen als Lautsprecher gedient, sind nicht wirklich unabhängig. Das ist ihr Problem.

Sie haben dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk unter anderem politische Nähe und mangelnde Unabhängigkeit vorgeworfen. Sie selbst wurden einst als Leiter des ZDF-Studios Bonn abgelöst – nach Interventionen aus dem Umfeld Helmut Kohls. Ist der politische Einfluss auf ARD und ZDF heute tatsächlich größer als damals oder wird er heute nur sehr viel intensiver öffentlich diskutiert?
Im Grunde hat sich nichts Wesentliches geändert. Einst galt ich als links, weil ich die Beitrittspolitik Kohls kritisch kommentierte. Die "Wiedervereinigung" war damals so unantastbar wie heute die "Klimapolitik". Heute gelte ich als rechts, weil ich Energiewende, Coronamaßnahmen etc. kritisch sehe. Ich bin grundsätzlich immer skeptisch, stehe nur mir selbst nah. Hauptproblem des Journalismus wie der Politik: Die "richtige" Haltung zählt mehr als die Fakten. Wer moralisiert kann aber nicht streiten, sondern den Andersdenkenden nur ablehnen. Der politische Einfluss der Parteien (bis auf die der Unberührbaren) ist gleich geblieben, weil nach wie vor die Angepassten in den Sendern das Sagen haben.

Sie haben Magazine, politische Sendungen, Talkshows und mit «Das Blaue Sofa» schließlich eine Literatursendung moderiert. Heute verschwinden klassische Kultur- und Literatursendungen zunehmend aus prominenten Sendeplätzen. Hat das Fernsehen das Vertrauen verloren, dass man mit Büchern und Kultur noch ein größeres Publikum erreichen kann?
Es wird weniger gelesen. Das Internet zerstört die Lesekultur. Eine lange Entwicklung. Wer in der Schule nicht mehr Lesen und Schreiben lernt, kann auch mit Büchern nichts mehr anfangen. Die Gesellschaft verblödet buchstäblich. Das ist durch KI zwar technisch zu kompensieren: aber genau darin besteht die größte Gefahr.

Mit 40 Jahren Fernseherfahrung haben Sie mehrere Umbrüche erlebt. Heute konkurrieren klassische Sender mit Netflix, YouTube, TikTok und Podcasts. Ist das Fernsehen tatsächlich dabei, seine gesellschaftliche Bedeutung zu verlieren oder wird sein Niedergang seit Jahren stärker behauptet, als er beim Blick auf die Reichweiten gerechtfertigt wäre?
Das lineare Fernsehen verliert, klar. Aber die Gesellschaft braucht trotzdem Plattformen der Verständigung und der Debatte. Andere Vertriebskanäle und Formate sind zwar kein "Lagerfeuer" mehr, erfüllen die Aufgabe aber ebenso. Das ÖRR wird weiter an Bedeutung verlieren, weil es Alternativen gibt.

Vielen Dank für Ihre Zeit!
26.09.2026 12:28 Uhr  •  Fabian Riedner Kurz-URL: qmde.de/175580