«Patience»: Ein Krimi mit Herz, Humor und ungewöhnlicher Heldin
Channel 4 verfilmt den französischen Serienhit «Astrid et Raphaëlle» neu und erzählt die Geschichte einer autistischen Archivarin, die der Polizei in York bei kniffligen Fällen hilft.
Der britische Fernsehsender Channel 4 hat eine französische Serie adaptiert, die bereits seit 2019 erfolgreich beim öffentlich-rechtlichen Fernsehsender France 2 läuft. Die Franzosen zeigten bereits mit «HIP», das die Amerikaner als «High Potential» neu verfilmten, dass die Stoffe aus Deutschlands Nachbarland gut funktionieren. Vor zwei Jahren wurde aus «Astrid et Raphaëlle», das bereits 49 Episoden erreicht hat, die britisch-belgische Serie «Patience». Die Produktion wurde von PBS, Beta Film und Happy Duck Films in Auftrag gegeben. Weil die belgische Filmförderung ordentlich Geld beisteuerte, entstanden die Studioszenen in Belgien, während zahlreiche Szenen in York gedreht wurden.
Im Mittelpunkt der Serie steht DI Bea Metcalf (Laura Fraser), die eine erfolgreiche Einheit in der englischen Stadt York leitet. Nun betritt ein Mann eine Bank, hebt mehrere tausend Pfund ab, geht zu seinem Auto und überschüttet sich mit Benzin. Er nimmt ein Feuerzeug und begeht Selbstmord. Doch die Ermittler glauben zunächst an einen Selbstmord ohne weiteren Hintergrund. Die Autistin Patience Evans (Ella Maisy Purvis) arbeitet bei der Polizei im Keller, wo die Akten aufbewahrt werden. Dort stellt sie für DI Metcalf die Akten zusammen und fügt weitere Details hinzu: Beispielsweise stellt sie fest, dass es bereits zwei ähnliche Ereignisse gab, die immer an einem Freitag stattfanden.
Das Schauspiel von Ella Maisy Purvis, deren Karriere mit einer Nebenrolle in «Heartstopper» begann, ist großartig. Es folgte eine Rolle in der Serie «A Kind of Spark», ehe der Durchbruch mit der Channel-4-Serie gelang. Die Verwandlungskunst von Purvis sprach sich in der Branche herum, sodass sie eine Hauptrolle in der britischen Komödie «Finding Elly» bekam. Die Produktion von Working Title Films wird in den Vereinigten Staaten von Focus Features und international von Universal Pictures vertrieben.
Zurück zu «Patience»: In den ersten Episoden bekommen die Zuschauer das ungewöhnliche Leben der Autistin zu Gesicht. Diese geht beispielsweise immer mit zwei Regenschirmen aus dem Haus, falls einer kaputtgehen könnte. Sie ist auf viele Situationen unvorbereitet und flüchtet aus diesen. Ebenfalls spielen das Verhältnis zu ihrem Vater und zu einem Bekannten eine Rolle. In der ersten Staffel dominieren auch Rückblenden an Patiences Vater George (Jamie Maclachlan), der allerdings schon vor Jahren gestorben ist. Auch der Gerichtsmediziner Elliot Scott (Tom Lewis) wird Patience noch die Augen verdrehen.
Obwohl sich die Serie auf die Kriminalarbeit und das Verhältnis zu Patience konzentriert, spielt auch das Privatleben von DI Bea Metcalf eine Rolle. Diese vergisst beispielsweise bei einem Fall ihren Sohn von der Schule abzuholen. Schließlich kommt ihr Ex-Mann zur Hilfe, der das alleinige Sorgerecht übernommen hat. Ziemlich unverhohlen wird dem Zuschauer sowohl bildlich als auch metaphorisch mitgeteilt, dass Alfie Metcalf-Haynes (Maxwell Whitelock) in der Schule Probleme hat und scheinbar nicht unbedingt an Asperger leidet, sondern eher an ADHS.
Das Skript von «Patience» geht oft tatsächlich voll auf die Zwölf: Bei einem Fall bekommt die Hauptfigur einen Tee mit einem Eiswürfel eingeschenkt, und der Zuschauer kann schon erahnen, dass jetzt gleich der Groschen fällt. Außerdem haben die Autoren Matt Baker und Stephen Brady zahlreiche persönliche Geschichten eingebaut, um die Figuren den Zuschauern schmackhaft zu machen. So möchte der Zuschauer mehr über Patience erfahren, auf der anderen Seite können sich die Rezipienten vor dem Fernseher gut mit DI Bea Metcalf identifizieren. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum die deutsche Serie «Einstein» ewig brauchte, um eine Adaption zu erhalten. Auf der anderen Seite startete das französische Projekt «High Potential» sowie sein Vorläufer «HIP» ebenfalls mit persönlichen Geschichten durch. Dort ist es auch eine Hauptfigur mit einem ungewöhnlich hohen IQ, die überall aneckt und ständig ihre Jobs verliert – ein Konzept, das beim Publikum gut ankommt.
Die erste Staffel, bestehend aus sechs Folgen, beinhaltet fünf Kriminalgeschichten. Die erste Doppelfolge, in der Patience selbst zur Verdächtigen wird, ist weniger spannend, und auch die Auflösung ist nicht wirklich überraschend. Dafür trägt das Kennenlernen zwischen Patience und dem Zuschauer. Die dritte Folge um eine Frau, die im Museum gefunden wird, bietet deutlich mehr. Der Kriminalfall ist ausgefeilter und die Arbeit im Museum kann sich sehen lassen. In der vierten Folge wird ein Krimiautor in einem verschlossenen Raum tot aufgefunden – doch wie ist das geschehen? Nachdem das Rätsel recht schnell gelöst wurde, geht die Arbeit aber mit weiteren Fragen weiter. In der fünften Folge verschwindet ein Toter aus dem Leichenhaus. Schließlich stirbt ein Mann nach einem Hustenanfall im Bus, und das führt zu einem riesigen Fall.
Die erste Runde, die Sat.1 Emotions ausstrahlte und die auch bei Disney+ verfügbar ist, macht wirklich Spaß. Die Episoden sind kurzweilig, spannend und erzählen Geschichten aus dem Privatleben der Menschen. Auch die Themen Asperger und ADHS werden für Menschen, die sich mit diesen Themen auskennen, gut aufgezeigt. Man kann also «Patience» mit gutem Gefühl empfehlen. Quotenmeter verschreibt der gesamten Staffel eine Empfehlung.
«Patience» ist seit 16. September bei Disney+ abrufbar.