Charlotte Lindholm verschlägt es am Sonntagabend in ein Demenzdorf. Geht dort ein Massenmörder um?
Stab
Darsteller: Maria Furtwängler, Marina Galic, Andreas Lust, Constantin von Jascheroff, Cornelius Schwalm, Matthias Bundschuh
Musik: Christoph M. Kaiser und Julian Maas
Kamera: Alexander Fischerkoesen
Drehbuch und Regie: Alexander AdolphEin sogenanntes Demenzdorf ist zunächst einmal ein ziemlich guter Schauplatz für einen Krimi. Hier leben Menschen, die sich an ihre Umgebung möglichst selbstständig erinnern und ihren Alltag weitgehend eigenständig organisieren können – und gleichzeitig ist die Frage nach Wahrheit und Wahrnehmung permanent präsent. Was passiert, wenn behauptet wird, jemand habe sieben Menschen ermordet, aber niemand ihm glaubt? Und was, wenn der vermeintliche Täter selbst nicht mehr zuverlässig zwischen Erinnerung und Einbildung unterscheiden kann?
«Tatort – König in Gelb» macht aus dieser Ausgangslage einen atmosphärischen, angenehm unaufgeregten Kriminalfall. Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) verschlägt es dabei ins niedersächsische Kleinhude. Ihr Kollege, Hauptkommissar Vogel, ist überzeugt, dass der allseits beliebte Bewohner Gustav König (Thomas Thieme) ein Serientäter ist und sieben Menschen auf dem Gewissen hat. Das Problem: Niemand nimmt Vogel ernst. Und je genauer Lindholm hinschaut, desto deutlicher wird, dass nicht nur König ein Geheimnis hat.
Das klingt nach einem klassischen Whodunit, ist aber eigentlich interessanter als das. Denn Alexander Adolph, der sowohl das Drehbuch geschrieben als auch Regie geführt hat, nutzt das Demenzdorf nicht bloß als ungewöhnliche Kulisse. Er macht daraus vielmehr einen Ort, an dem die üblichen Gewissheiten eines Krimis ins Wanken geraten. Erinnerungen sind unzuverlässig, Aussagen widersprechen sich, und selbst scheinbar harmlose Situationen können plötzlich eine zweite Bedeutung bekommen. Das ist eine schöne Idee, weil sie das zentrale Thema der Demenz nicht lediglich zum emotionalen Hintergrund degradiert. Der Film fragt vielmehr, wie eine Gesellschaft mit Menschen umgeht, deren Wahrnehmung nicht mehr vollständig der eigenen entspricht. Vor allem aber stellt er die unangenehme Frage, wie schnell ein Mensch unglaubwürdig wird, sobald andere ihn für nicht mehr zurechnungsfähig halten.
Thomas Thieme spielt Gustav König entsprechend nicht als geheimnisvollen Bösewicht, der seine Umwelt mit besonders finsterem Blick einschüchtert. Seine Figur bleibt lange schwer greifbar. Ist König verwirrt? Ist er gefährlich? Oder ist er tatsächlich Opfer einer Situation, die er selbst nicht mehr vollständig überblickt? Thieme findet für diese Uneindeutigkeit genau den richtigen Ton. Seine Darstellung ist weder rührselig noch demonstrativ bedrohlich. Auch Maria Furtwängler profitiert davon, dass Lindholm hier einmal weniger als klassische Ermittlungsmaschine gefragt ist. Sie muss zuhören, beobachten und vor allem entscheiden, welchen Aussagen sie überhaupt trauen kann. Das passt gut zu einer Kommissarin, die ohnehin interessanter ist, wenn sie nicht nur einen Fall lösen, sondern sich zu ihm verhalten muss.
Allerdings macht sich «König in Gelb» das Leben an einigen Stellen etwas zu leicht. Die Konstruktion ist nicht immer so elegant, wie die Grundidee vermuten lässt. Manche Verdachtsmomente werden ziemlich sichtbar platziert, einige Figuren wirken vor allem deshalb verdächtig, weil ein Krimi eben Verdächtige braucht. Auch die Geheimnisse rund um die Leitung des Demenzdorfes und Vogel selbst sind nicht durchgehend überraschend.

Das fällt umso mehr auf, weil der Film ansonsten angenehm auf atmosphärische Feinheiten setzt. Alexander Fischerkoesens Kamera findet in dem scheinbar idyllischen Umfeld eine eigentümliche Unruhe. Die überschaubare Welt des Demenzdorfes wirkt zunächst sicher und geordnet, bekommt aber zunehmend etwas Künstliches. Alles hat seinen Platz – und gerade deshalb fällt jede Abweichung auf. Christoph M. Kaiser und Julian Maas liefern dazu eine zurückhaltende Filmmusik, die die Stimmung unterstützt, ohne den Zuschauer permanent darauf hinzuweisen, wann er sich zu fürchten hat. Überhaupt ist die Inszenierung erfreulich frei von dem Bedürfnis, aus jeder Szene einen kleinen Suspense-Höhepunkt zu machen.
Das ist zugleich die größte Stärke und die kleine Schwäche des Films. „König in Gelb“ möchte kein nervenzerfetzender Thriller sein. Er setzt stärker auf Irritation und Atmosphäre. Wer einen besonders raffinierten Krimi mit überraschenden Wendungen erwartet, könnte deshalb etwas enttäuscht sein. Wer sich dagegen auf die Frage einlässt, wie zuverlässig unsere Wahrnehmung eigentlich ist, bekommt einen durchaus sehenswerten «Tatort».
Der Film «Tatort – König in Gelb» wird am Sonntag, den 13. September um 20.15 Uhr im Ersten ausgestrahlt.