Lara Mandoki: 'Den Deutschen fehlt häufiger der Mut'
Für «Kalter Hund» ließ sich Lara Mandoki auf einen Dreh ohne klassisches Drehbuch und mit viel Improvisation ein. Im Interview spricht sie über diese ungewohnte Freiheit, ihren Abschied vom «Erzgebirgskrimi» und ihren Wunsch, die filmischen Beziehungen zwischen Deutschland und Ungarn wiederzubeleben.
Frau Mandoki, «Kalter Hund» ist ein ziemlich ungewöhnlicher Film: Ein 100. Geburtstag, ein toter Patriarch, ein verschwundenes Testament und eine Familie, die trotzdem versucht, die bürgerliche Fassade aufrechtzuerhalten. Was hat Sie an diesem Stoff beim ersten Lesen beziehungsweise Kennenlernen gereizt?
Es gab kein Drehbuch. Das Besondere an diesem Film ist, dass es nichts zum Lesen gab. Pauline Rönneberg hat uns improvisieren lassen und Szenenziele bzw. Spielaufgaben gegeben, so dass sich die Figuren möglichst nah an der Realität verhalten und noch mal anders miteinander agieren mussten. Abgesehen davon, dass ich Pauline sehr schätze und ich mich sehr gefreut habe, Teil ihres Debutfilms zu sein, hat mich diese spielerische Herausforderung sehr gereizt.
Wie groß war die Umstellung für Sie, nicht mit fertig ausformulierten Sätzen in eine Szene zu gehen?
Das war schon eine Umstellung, besonders in der Vorbereitung, die sich ja in diesem Fall ausschließlich auf die Figurenarbeit reduziert hat. Beim Drehen selbst habe ich es zum einen als sehr große Freiheit erlebt so präsent für meine Figur agieren zu dürfen und sehr viel mehr den Spielimpulsen folgen zu können als sonst. Auf der anderen Seite war es aber auch Verlust eines Gerüsts, das als Sicherheitsnetz dienen kann, weil man immer weiß, was als nächstes passiert. Hier war es anders.
Hinzu kam, dass chronologisch gedreht wurde und Sie teilweise gar nicht wussten, welche Geheimnisse die anderen Figuren noch mitbringen. Fühlt man sich dadurch als Schauspielerin tatsächlich stärker wie die eigene Figur, weil man auf Wendungen wirklich reagieren muss?
Ich fühle mich immer wie meine eigene Figur, was der Unterschied hier aber war, war dass man jedem Spielimpuls folgen konnte. Man reagiert ja sonst auch auf die Wendungen, mit dem Drehbuch eben, aber man weiß vorher, was kommen wird. In diesem Fall wussten wir das nicht und ich denke, das hat möglicherweise zu einer noch größeren Präsenz in den Szenen geführt. Ich denke, das ist ein ganz entscheidender Unterschied.
«Kalter Hund» erzählt mit schwarzem Humor von Tod, Geld, Gier, Familienkonflikten und verdrängter Vergangenheit. Wie verhindert man bei solch einem Stoff, dass die Figuren angesichts all der Absurditäten zu Karikaturen werden?
Pauline und die großartigen Kolleg*innen haben allen Figuren sehr viel Ambivalenz, Komplexität und Nahbarkeit gegeben, dadurch ist man mit den Figuren verbunden und nicht mit ihrer jeweiligen Funktion in diesem System.
Der Film beschäftigt sich auch damit, wie Geschichte und die Entscheidungen früherer Generationen noch in Familien und Gesellschaft hineinwirken. Ist das ein Aspekt, der Sie aufgrund Ihrer eigenen deutsch-ungarischen Biografie besonders angesprochen hat?
Das ist eine komplexe und sehr spannende Frage. In diesem Feld hat tatsächlich mein Großvater, der Psychoanalytiker war, geforscht und das hat mich mit Sicherheit geprägt. Über allem steht ja die Frage nach Identität bzw. Individuum im Einklang oder im Kontrast zur Familie. Das ist auch der Konflikt der Hauptfiguren. Mich persönlich beschäftigt die Frage nach Prägung durch die Kriegserfahrungen, Flucht und der Suche nach Heimat. Ich finde das ist eines der spannendsten Themen, dir wir als Menschen und besonders als Filmemacher*innen zu verarbeiten haben. Vielleicht trägt diese Suche nach Heimat und das “Getriebensein” von dem Wunsch der Aufarbeitung auch zu meiner Berufswahl bei, die ja letztendlich auch eine Art Identitätsdiffusion ist.
Mit Corinna Harfouch, Lea Drinda, Victoria Mayer und vielen weiteren Kolleginnen und Kollegen ist «Kalter Hund» stark als Ensemblefilm angelegt. Wie verändert sich das eigene Spiel, wenn bei einer solchen improvisierten Arbeitsweise niemand genau weiß, was die anderen im nächsten Moment tun werden?
Es wird vermutlich noch realer, noch authentischer, noch unmittelbarer, weniger kontrollierbar, was ein Genuss ist für uns Spieler*innen, aber auch Angst machen kann, da wir uns nicht am Gerüst der Dialogszenen entlang hangeln können. Wir agieren impulsiv - im Moment - immer dem Need der Figur folgend.
Im Herbst steht für Sie zugleich ein Abschied an: Der letzte «Erzgebirgskrimi» mit Ihnen wird ausgestrahlt. Mit welchem Gefühl schauen Sie auf diese Zeit und auf Ihre Figur zurück?
Mit sehr viel Liebe und Dankbarkeit. Ich habe sehr früh eine große Verantwortung und Chance vom ZDF bekommen, für die ich sehr dankbar bin. Aber so sehr mir die Sicherheit und Geborgenheit meiner Filmfamilie fehlt, man muss irgendwann ausziehen, um erwachsen zu werden. Und letztendlich war für mich klar, dass ich mehr als zwei Filme im Jahr nicht im Erzgebirge drehen kann, wenn ich weiterhin auch andere Projekte machen möchte. Aber wir sind sehr verbunden auseinander gegangen und der Abschied war schwer.
Was werden Sie am «Erzgebirgskrimi» besonders vermissen – die Figur, das Ensemble, die Region oder vielleicht auch die Verlässlichkeit, die eine wiederkehrende Fernsehreihe mit sich bringt?
Es ist von allem ein bisschen, aber am meisten das Gefühl Teil der Filmfamilie zu sein. Meine Figur Kommissarin Szabo fehlt mir auch, sie ist über die Jahre ein Teil von mir geworden. Aber für mich war es die richtige Entscheidung, auch zum richtigen Zeitpunkt.
Sie haben in den vergangenen Jahren sehr unterschiedliche Produktionen gemacht – vom klassischen Fernsehkrimi über die Eberhofer-Welt bis zu einem experimentelleren Kinofilm wie «Kalter Hund». Suchen Sie inzwischen ganz bewusst nach Rollen, bei denen man Sie nicht sofort wiedererkennt?
Ja, sicher suche ich auch die Herausforderung. Die spielerische Vielfalt, die ständige Verwandlung, das Hineinschlüpfen in unterschiedliche Welten, all das sind Aspekte, die ich an meinem Beruf liebe. Tatsächlich kann ich mir die Filme nicht komplett aussuchen, es hängt ja auch vom Angebot ab, aber ich mache mir sehr viele Gedanken, bevor ich ein Projekt zusage, und für diese Vielfältigkeit bin ich auch sehr dankbar.
Sie haben ungarische Wurzeln und engagieren sich inzwischen stärker für die deutsch-ungarischen Beziehungen innerhalb der Filmbranche. Was möchten Sie ganz konkret zwischen beiden Filmländern aufbauen?
Ich möchte die Brücken, die eingestürzt sind, wieder aufbauen, den Dialog wieder anregen. Es wäre anmaßend den Anspruch zu haben allein wieder etwas aufbauen zu wollen, aber ich möchte gerne meinen Beitrag leisten. Ich bin in Deutschland genauso zu Hause wie in Ungarn, und die EU ist das Haus, in dem wir alle wohnen. Das ist ein Geschenk und eine Chance. In Ungarn ist gerade Aufbruchstimmung und es gibt die Möglichkeit jetzt viel neu aufzubauen. Ich würde mich sehr freuen, wenn im Zuge dessen wieder mehr gemeinsame Projekte entstehen können.
Ungarn hat sich in den vergangenen Jahren als wichtiger internationaler Produktionsstandort etabliert. Gleichzeitig waren die politischen Verhältnisse lange ein schwieriges Thema. Hat der Regimewechsel für Filmschaffende tatsächlich eine neue Situation geschaffen?
Ja, mit Sicherheit. Ein Personalwechsel führt dort zu neuen Netzwerken und Schwerpunkten bei der Auswahl der Filme und der Verteilung der Fördergelder. Der inhaltliche Fokus hat sich verlagert, die Stoffe werden in Zukunft wieder vielfältiger sein können. Viele Filmemacher*innen, die bis jetzt aus politischen Gründen benachteiligt waren oder gar keine Chance auf Förderung hatten, haben jetzt die Möglichkeit zum Zug zu kommen. Europäische Stoffe bzw. Co- Produktion könnten hoffentlich nochmal mehr in den Fokus genommen werden.
Wo sehen Sie derzeit die größten Unterschiede zwischen der deutschen und der ungarischen Filmbranche – bei Finanzierung, Stoffentwicklung, Arbeitsweise oder vielleicht auch beim Mut, bestimmte Geschichten zu erzählen?
Nachdem die neue ungarische Filmbranche sich gerade erst aufstellt und entwickelt, ist das pauschal schwer zu sagen. Grundsätzlich denke ich fehlt es den Deutschen häufiger an Mut und vielleicht auch an Vertrauen in den Kern der Geschichte, wenn man die deutschen Filme mit den europäischen Mitbewerberfilmen vergleicht. Was die Finanzierung anbelangt, ist sicher ein Hauptunterschied, dass wir kein Steueranreizmodell haben und ein stärker gewerkschaftlich reguliertes Arbeitszeitensystem. Durch diese Kombination verliert Deutschland im Wettbewerb als Drehstandort. Da bei uns oft auch Fernsehsender an Kinofilmen beteiligt sind, haben in der Regel mehr Menschen Mitspracherecht in der künstlerischen Gestaltung. Das ist in anderen Ländern nicht so, dort ist Kino und Fernsehen tendenziell unabhängiger. Wiederum haben wir in Deutschland mit unseren öffentlich-rechtlichen Sendern einen stabilen und sehr vielfältigen Arbeitgeber. Das ist in dieser Form auch besonders.
Kann aus Ihrem Engagement irgendwann auch ganz konkret eine deutsch-ungarische Koproduktion entstehen, bei der Sie nicht nur als Schauspielerin beteiligt sind, sondern selbst Projekte oder Filmschaffende zusammenbringen?
Hoffentlich ja. Darauf liegt auch mein Hauptfokus, gar nicht so sehr auf mich als Schauspielerin, sondern ein Netzwerk entstehen zu lassen, dass auch unabhängig von mir funktioniert. Über die letzten 16 Jahre sind viele Gespräche verstummt und der Austausch zwischen den beiden Ländern hat sich sehr stark reduziert. Das finde ich sehr schade, und ich möchte einen kleinen Beitrag dazu leisten, dass dieser Stein wieder ins Rollen kommt.
Sie haben gerade Kino, eine langjährige Krimireihe und Ihr Engagement zwischen Deutschland und Ungarn gleichzeitig auf dem Tisch. Wenn Sie auf die kommenden Jahre schauen: Wollen Sie vor allem weiterhin möglichst unterschiedliche Rollen spielen oder wächst der Wunsch, selbst stärker Stoffe anzustoßen und mitzugestalten?
Ich bin und bleibe sehr leidenschaftlich Schauspielerin und darauf wird auch weiterhin mein Fokus liegen.
Vielen Dank für Ihre Zeit!
«Kalter Hund» ist ab Donnerstag, 17. September, im Kino zu sehen.