Die Kritiker: «Verlorene Seelen – Ein Krimi aus Passau»

Aus einem Mysterium macht dieser Film Informationsmanagement, um die Auflösung nicht zu früh zu verraten: Wo ein mutigeres Drehbuch einen tolleren Film ergeben hätte.

Stab

Darsteller: Marie Leuenberger, Michael Ostrowski, Nadja Sabersky, Simon Morzé, Alina Danko, Michael Roll
Musik: David Reichelt und David Schoch
Kamera: Roland Stuprich
Drehbuch: Michael Vershinin
Regie: Daniel Rübesam
Die Donau ist ein dankbarer Tatort. Sie ist groß, dunkel, grenzüberschreitend und besitzt die angenehme Eigenschaft, Dinge verschwinden zu lassen. Für einen Krimi aus Passau bringt sie also fast schon von Haus aus die richtige Dramaturgie mit. In «Verlorene Seelen – Ein Krimi aus Passau» liegt denn auch vieles im Wasser: eine Leiche, allerlei Geheimnisse und irgendwann auch die Hoffnung, dass aus den Zutaten noch ein wirklich spannender Fernsehfilm wird. Ganz verschwindet diese Hoffnung bis zum Schluss nicht. Aber sie taucht auch nicht besonders souverän wieder auf.

Ausgangspunkt sind nächtliche Einbrüche auf der „Queen Danubia“, einem Ausflugsschiff, das im Passauer Industriehafen vor Anker liegt. Privatermittler Ferdinand Zankl soll nach dem Rechten sehen. Zankl, gespielt von Michael Ostrowski, ist dabei genau die Sorte Ermittler, die dem klassischen ARD-Krimi etwas Farbe geben soll: leicht schräg, nicht unbedingt der souveränste Vertreter seiner Zunft und mit einer gewissen Neigung, ausgerechnet dann unglücklich zu handeln, wenn Professionalität gefragt wäre: Als Zankl bei seiner nächtlichen Überwachung auf den Kopf fällt, glaubt er anschließend, eine Wasserleiche in der Donau gesehen zu haben. Frederike Bader (Marie Leuenberger) hält das zunächst für dummes Zeug. Doch dann ist tatsächlich der Wiener Kapitän Hans Lindegger verschwunden, und plötzlich ist Zankls vermeintliche Halluzination keine Halluzination mehr, sondern der Auftakt zu einem neuen Fall.

Das klingt zunächst nach einem soliden Krimigerüst. Tatsächlich besitzt «Verlorene Seelen» einige Qualitäten, die den Film über den Durchschnitt des Fernsehkrimis heben. Vor allem die Atmosphäre funktioniert erstaunlich gut: Die Industriehafen, die nächtlichen Schiffe, die Donau und die etwas abgeschiedene Umgebung erzeugen eine Stimmung, die nicht permanent mit Musik und bedeutungsschwangeren Großaufnahmen erklären muss, dass hier etwas Unheimliches passiert.

Auch Michael Ostrowski erweist sich als eine ziemlich gute Besetzung. Zankl ist keine Figur, die durch übertriebene Coolness interessant wird. Im Gegenteil: Seine Unsicherheit gehört zum Konzept. Ostrowski gibt dem Privatermittler eine Mischung aus Selbstüberschätzung und Verletzlichkeit, die den Film gelegentlich angenehm aus den üblichen Krimischablonen herausführt. Doch der Fall selbst hält mit seinen Figuren nicht immer Schritt, schlicht weil sich dieser Film voll und ganz dem denkfaulen Fernsehkrimi-Fahrwasser anheimgibt, bei dem die Geheimniskrämerei nicht mehr aus den Figuren heraus entsteht, sondern vor allem dazu dient, die Auflösung zurückzuhalten. Dann wird aus Mystery schnell Informationsmanagement.

Auch die Ermittlungsarbeit von Frederike Bader gerät vor diesem Hintergrund ziemlich konventionell. Marie Leuenberger spielt sie zwar angenehm unaufgeregt, doch ihre Figur muss häufig vor allem dafür sorgen, dass der Plot irgendwie vorankommt. Hier und da wird eine Information entdeckt, dort ein Verdacht formuliert, anschließend folgt die nächste Spur. Es funktioniert irgendwie, aber überrascht eben nur selten. Dabei wäre gerade das Verhältnis zwischen Bader und Zankl eine gute Möglichkeit gewesen, dem Film eine eigene Dynamik zu verleihen: Eine professionelle Ermittlerin, die einen Privatdetektiv zunächst nicht ernst nimmt, ist schließlich ein schöner Ausgangspunkt für ein paar Reibungen – ein Potenzial, das «Verlorene Seelen» weitgehend liegenlässt.

So bleibt am Ende ein Film, der besser aussieht und interessanter besetzt ist, als sein gelegentlich etwas schematisches Drehbuch vermuten lässt. Die Donau liefert die richtige Kulisse, Michael Ostrowski sorgt für einen Ermittler mit eigenem Charakter, und Marie Leuenberger verhindert als Frederike Bader, dass der Film vollständig in skurriler Privatdetektivromantik versinkt. Das interessanteste Element bleibt am Schluss jedoch der große Fluss, der durch Passau fließt, als Symbol für das Verborgene, Verdeckte – mit dem Mut, ein Mysterium zu bleiben.

Der Film «Verlorene Seelen – Ein Krimi aus Passau» wird am Donnerstag, den 10. September um 20.15 Uhr im Ersten ausgestrahlt.
07.09.2026 11:20 Uhr  •  Oliver Alexander Kurz-URL: qmde.de/175272