‚Wahlberichterstattung und ihre Einordnung gehören zum Kern unseres öffentlich-rechtlichen Auftrags‘
Wie viel Fernsehen braucht ein Wahlabend noch, wenn Ergebnisse längst auf dem Smartphone verfügbar sind? Der MDR spricht über den Spagat zwischen linearer und digitaler Berichterstattung, mögliche Programmänderungen bei außergewöhnlichen Entwicklungen, die Abstimmung innerhalb der ARD – und darüber, warum bei Wahlen trotz Spardruck nicht an journalistischer Präsenz gespart werden soll.
Am 6. September wählt Sachsen-Anhalt einen neuen Landtag. Der MDR berichtet ausführlich und liefert zugleich Wahlberichterstattung für Das Erste. Wie lange laufen die Vorbereitungen für einen solchen Wahlabend und ab welchem Zeitpunkt planen Sie verschiedene Szenarien für den möglichen Ausgang der Wahl?
Eine MDR-Sprecherin: Die Vorbereitungen für die Berichterstattung zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt beginnen lange vor dem Wahltag und umfassen sowohl die redaktionelle Planung als auch die technische und organisatorische Umsetzung. Als federführender Sender für die Wahlberichterstattung aus Sachsen-Anhalt arbeitet der MDR dabei über viele Monate hinweg mit zahlreichen Gewerken und Partnern innerhalb der ARD zusammen.
Um die Bürgerinnen und Bürger umfassend, ausgewogen und verlässlich zu informieren, begleitet der MDR die Landtagswahl mit Informationen, Hintergründen, Dialogformaten, Reportagen aus den Regionen, Faktenchecks, Bürgerformaten und Live-Berichterstattung.
Grundlage ist das am 13. Juli 2026 veröffentlichte Wahlkonzept des MDR. Darin ist transparent festgelegt, nach welchen journalistischen Kriterien Parteien und Kandidierende in der Berichterstattung berücksichtigt werden. Maßgeblich sind insbesondere parlamentarische Bedeutung, Relevanz und die daran orientierte abgestufte Chancengleichheit.
Der MDR übernimmt am Wahlabend eine Doppelrolle: Sie produzieren für das eigene Sendegebiet und gleichzeitig für das bundesweite Publikum im Ersten. Wie unterscheiden sich diese beiden Sendungen inhaltlich und wie eng arbeiten die Redaktionen dabei zusammen?
Eine MDR-Sprecherin: Ab 17.40 Uhr gibt es eine gemeinsame Wahlsendung von MDR und ARD. Es handelt sich um dieselbe Sendung.
Eine auffällige Programmentscheidung gibt es zwischen 19.00 und 19.30 Uhr: Während die überregionale Wahlberichterstattung weiterläuft, schaltet sich das MDR Fernsehen für seine Regionalmagazine aus und kehrt anschließend zurück. Warum halten Sie gerade an einem solchen Wahlabend an diesem halbstündigen Regionalfenster fest?
Eine MDR-Sprecherin: Von 19.00 bis 19.30 Uhr berichtet das Landesmagazin «MDR Sachsen-Anhalt heute» über die Ereignisse des Wahltages im Land. In Schalten zum MDR-Wahlstudio werden die wichtigsten Zwischenergebnisse dargestellt und eingeordnet. In Schalten zu ausgewählten Wahlpartys zeigen wir die Stimmung von Wahlgewinnern und -verlierern.
Um 20.15 Uhr ist im Ersten bislang eine «Tatort»-Wiederholung vorgesehen. Angenommen, die AfD gewinnt die Wahl deutlich oder das Ergebnis löst bundespolitisch eine außergewöhnliche Situation aus: Gibt es bereits Kriterien, nach denen Sie empfehlen würden, das reguläre Programm auszusetzen und die Wahlberichterstattung fortzuführen?
Eine MDR-Sprecherin: Die aktuelle Nachrichtenlage beobachten und bewerten MDR und ARD grundsätzlich fortlaufend – nicht nur an Wahltagen. Sollte sich daraus ein besonderer Informationsbedarf ergeben, können wir auch am Sonntag nach der Tagesschau entsprechend flexibel reagieren.
Direkt nach dem «Tatort» folgt mit «Caren Miosga» eine Sendung, die einen solchen Wahlausgang vermutlich bundespolitisch einordnen würde. Wie eng sprechen sich die MDR-Wahlredaktion und die Redaktion von «Caren Miosga» im Vorfeld ab, damit sich Interviews, Gäste und Themen nicht einfach wiederholen?
Eine MDR-Sprecherin: Die Redaktionen stehen im Vorfeld eines solchen Wahlabends selbstverständlich im Austausch. Die Aufgabe der Koordination in der ARD-Programmdirektion besteht darin, die unterschiedlichen Inhalte aufeinander abzustimmen.
ARD und ZDF werden am selben Abend teilweise dieselben Politiker interviewen, ähnliche Hochrechnungen präsentieren und ähnliche Analysen liefern. Gibt es zwischen MDR beziehungsweise ARD und ZDF Absprachen über Interviewzeiten und organisatorische Abläufe und wo beginnt bewusst der publizistische Wettbewerb?
Eine MDR-Sprecherin: Es gibt bei Wahlabenden einen regelmäßigen redaktionellen und organisatorischen Austausch auch mit dem ZDF, etwa zu technischen und logistischen Abläufen sowie zu Rahmenbedingungen vor Ort mit dem Ziel, den reibungslosen Ablauf der Berichterstattung sicherzustellen.
Die redaktionelle Gestaltung der Sendungen erfolgt jedoch unabhängig voneinander. Dazu zählen die Auswahl von Gesprächspartnerinnen und -partnern, die Schwerpunktsetzung, die Form der Analyse sowie der Zeitpunkt und die Art von Interviews. Die Entscheidungen treffen die jeweiligen Redaktionen eigenständig.
Dass Politikerinnen und Politiker am Wahlabend bei verschiedenen Sendern auftreten, ist bei Ereignissen von großer politischer Bedeutung üblich.
Und erlauben Sie noch folgende Ergänzung: Über Anzahl und Auftrag der Sender entscheiden nicht wir selbst als öffentlich-rechtlicher Rundfunk, sondern der Gesetzgeber. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk wurde bewusst föderal aufgebaut. Weniger Anbieter würden die regionale Vielfalt schwächen. Öffentlich-rechtliche Programme geben Regionen bundesweit eine eigenständige Stimme und schaffen mediale Heimat.
Auch RTL und ntv planen Wahlberichterstattung, WELT ebenfalls. Andere große Privatsender spielen bei Landtagswahlen dagegen kaum noch eine Rolle. Sehen Sie es mit Blick auf die gesellschaftliche Glaubwürdigkeit des Journalismus kritisch, wenn politische Großereignisse zunehmend fast ausschließlich von öffentlich-rechtlichen Nachrichtenredaktionen begleitet werden?
Eine MDR-Sprecherin: Die Frage nach Programmentscheidungen privater Medienanbieter kann am besten von den betreffenden Unternehmen selbst beantwortet werden. Die Frage, welche Bedeutung Landtagswahlen für das jeweilige Angebot haben, sollten Sie daher an die betreffenden Sender und Medienhäuser richten.
Für den MDR gehört eine umfassende Berichterstattung über große relevante Ereignisse wie Landtagswahlen im eigenen Sendegebiet zum Kern seines öffentlich-rechtlichen Auftrags. Ziel ist es, die Bürgerinnen und Bürger fundiert, unabhängig und für alle frei zugänglich zu informieren. Dazu gehört die Information über den Wahlausgang ebenso wie die Einordnung politischer Entwicklungen und deren Bedeutung für die Bürgerinnen und Bürger.
Gerade bei einem möglichen AfD-Wahlsieg dürfte jede Formulierung und jede Einordnung besonders aufmerksam beobachtet werden. Wie bereiten Sie Moderatoren und Redaktion darauf vor, einerseits ein Wahlergebnis nüchtern abzubilden und andererseits politische Aussagen journalistisch einzuordnen?
Eine MDR-Sprecherin: Es gehört zu den journalistischen Standards, Moderatorinnen und Moderatoren sowie sämtliche redaktionelle Mitarbeitende für die Berichterstattung über eine Landtagswahl entsprechend vorzubereiten. Bereits lange vor einem solchen Großereignis werden die Expertise in den jeweiligen Redaktionen geschärft sowie gemeinsam mit Fachredakteurinnen und Fachredakteurin die Schwerpunktthemen und relevanten Aspekte redaktionell aufbereitet und journalistisch eingeordnet. Entsprechende Schulungen, Weiterbildungen und Coachings gehören zum Standard-Konzept des Mitteldeutschen Rundfunks, um eine hohe Qualität der Berichterstattung zu gewährleisten.
Bei Wahlabenden sind die ersten Hochrechnungen längst nicht mehr das einzige relevante Angebot. Viele Menschen kennen Ergebnisse schon über Apps und soziale Netzwerke, bevor sie den Fernseher einschalten. Was muss eine mehrstündige lineare Wahlsendung im Jahr 2026 zusätzlich bieten, damit Zuschauer bei Ihnen bleiben?
Welche Rolle spielen dabei inzwischen die ARD Mediathek, Streams, Social Media und kürzere digitale Formate?
Eine MDR-Sprecherin: Der MDR und die ARD planen den Wahlabend als plattformübergreifendes Gesamtangebot. Unser Anspruch ist es, das Publikum dort zu erreichen, wo es sich informiert – im Fernsehen, in der ARD Mediathek, in Livestreams auf mdr.de und tagesschau.de sowie über Social-Media-Kanäle. Die klassische Fernsehsendung bleibt wichtiger Bestandteil des Angebots, ist aber eingebettet in eine plattformübergreifende Berichterstattung.
Mit der Neuordnung der ARD-Nachrichtenangebote soll tagesschau24 ab 2027 wegfallen und phoenix stärker in den Mittelpunkt rücken. Gibt es beim MDR bereits konkrete Vorbereitungen oder erste Kooperationen mit phoenix für künftige Wahlabende und politische Großereignisse?
Eine MDR-Sprecherin: Über die Neuaufstellung der Spartenprogramme informiert die ARD im Herbst. Wir bitten bis dahin um etwas Geduld.
Zwei Wochen später, am 20. September, stehen mit der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern und der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus gleich zwei weitere wichtige Entscheidungen an. Der MDR ist dort zwar nicht federführend – können Sie trotzdem beschreiben, wie kompliziert innerhalb der ARD die Planung eines Abends mit zwei parallelen Wahlen ist? Wer entscheidet beispielsweise, welche Wahl wann wie viel Sendezeit im Ersten erhält?
ARD-Programmdirektion: Die Abstimmung ist bei parallel stattfindenden Wahlen naturgemäß komplex, hat sich in der Vergangenheit aber bereits bewährt – zuletzt bei den Wahlen in Bayern und Hessen. Am 20. September werden wir erstmals eine gemeinsame Wahlsendung für Das Erste sowie die beiden Dritten Programme von rbb und NDR ausstrahlen – von 17.40 bis 19.30 Uhr. Unser Anspruch ist dabei, beide Wahlen angemessen und umfassend abzubilden.
2026 zeigt damit auch, wie aufwendig Wahlberichterstattung sein kann: Studios, Korrespondenten, Hochrechnungen, Gesprächspartner und mehrere Ausspielwege müssen parallel organisiert werden. Gleichzeitig steht die ARD unter erheblichem Spardruck. Ist eine derart umfangreiche Wahlberichterstattung für Sie ein Bereich, bei dem gerade nicht gespart werden darf?
Wahlberichterstattung und ihre Einordnung gehören zum Kern unseres öffentlich-rechtlichen Auftrags. Gerade bei Landtagswahlen können wir die besondere Stärke der ARD nutzen: unser dichtes Korrespondenten- und Reporternetzwerk, das eine Berichterstattung direkt aus den Regionen ermöglicht. Durch die gemeinsame Wahlsendung am 20. September für Das Erste, den rbb und den NDR setzen wir die vorhandenen Ressourcen besonders effizient und kostenbewusst ein.
Vielen Dank für Ihre Zeit!