Christina Große: ‚Liebe passiert Menschen jeden Alters‘
In «Bloß nicht Liebe» will Viola eigentlich nichts mehr von der Liebe wissen – doch das Universum hat andere Pläne. Christina Große spricht über das Vergnügen am Scheitern, Komik mit dramatischem Unterbau und darüber, warum facettenreiche Liebesgeschichten für Frauen über 50 noch immer viel zu selten sind.
Frau Große, Viola hat nach mehreren Enttäuschungen beschlossen: Schluss mit der Liebe. Was hat Sie an einer Frau gereizt, die ausgerechnet in einem „Herzkino“-Film «Bloß nicht Liebe» eigentlich gar keine Liebesgeschichte mehr erleben möchte?
Ja, das ist ein Widerspruch, den ich beim ersten Lesen schon mochte. Wobei natürlich auch von Anfang an klar ist, dass das nicht funktionieren wird, weil wir ja einen „Herzkino“-Film machen. Aber wie meine Figur Viola irren und scheitern darf, hinfallen und aufstehen und sich dadurch wieder selbst findet und vielleicht doch eine neue Beziehung eingeht, fühlte sich schon beim ersten Lesen nach einer wunderbaren Herausforderung an. Sie ist oft so herrlich ungefiltert und direkt, hat in den meisten Fällen ihr Herz auf der Zunge, also ganz klar „Herzkino“.
Viola wirkt selbstbewusst und erfolgreich, hat aber gleichzeitig eine große Angst davor, erneut verletzt zu werden. Wie haben Sie diese beiden Seiten der Figur miteinander verbunden?
Das ist eine sehr schöne spielerische Aufgabe, solche Gegensätze ausloten zu können. Es gibt unterschiedliche Varianten: Mal kann ich ganz das eine spielen, um es im nächsten Moment komplett zu brechen und genau die andere Seite zu zeigen.
Mal übertönt die eine Seite die andere, läuft aber trotzdem spürbar parallel mit. Dann gibt die andere wieder den Ton an … trennen und vermischen … der Möglichkeiten sind viele, und Viola ist eine Frau, die viel sein darf. Welch ein Luxus für mich als Schauspielerin.
Nach dem Besuch bei einem Wahrsager begegnen Viola plötzlich überall potenzielle Männer. Wie viel Spaß hat Ihnen dieses beinahe spielerische Motiv gemacht, dass sich scheinbar das gesamte Universum gegen ihren Single-Plan verschworen hat?
Riesigen Spaß, und ich hoffe sehr, dass sich dieser, unser Spaß, den wir als Team alle hatten, auch auf die ZuschauerInnen übertragen wird. Alle im Team haben mit großer Hingabe und Engagement unsere Arbeit ganz wunderbar unterstützt.
Viola begegnet mit Benno und Justus zwei sehr unterschiedlichen Männern. Was unterscheidet für Sie die beiden Beziehungen, die sich daraus entwickeln?
Ich formuliere das jetzt mal sehr abstrakt, um nicht zu viel zu spoilern. Die eine Variante ist als Variante erst einmal gar nicht erkennbar und entpuppt sich nur sehr langsam. Die andere ist ganz offensichtlich eine Möglichkeit, und je ernsthafter es sich entwickelt, desto weniger wird es vorstellbar.
Mit Tim Bergmann und Heino Ferch stehen Ihnen zwei sehr erfahrene Kollegen gegenüber. Wie unterschiedlich war das Zusammenspiel mit den beiden?
Was den „Erfahrungsschatz“ angeht, sind wir drei ja alle gleich reich. Deshalb war es mit beiden ein großes Vergnügen, sich auf die Suche nach den verschiedenen spielerischen Möglichkeiten innerhalb der Szenen zu begeben. Sich zusammen auch einmal irren zu dürfen, finde ich ja immer eine große Chance bei solch einer Suche. SpielerInnen mit viel Erfahrung sind da oft mutiger.
Der Film erzählt eine romantische Geschichte mit einer Frau, die bereits einiges erlebt hat und nicht darauf wartet, dass ein Mann ihr Leben vervollständigt. Ist das für Sie eine zeitgemäßere Form der klassischen Liebeskomödie?
Ich finde es wunderbar, dass es eine Frau in meinem Alter ist, die das alles erleben darf. Es ist einfach an der Zeit, dass es solch facettenreiche Rollen für Frauen in meinem oder gern auch noch „höherem“ Alter gibt und hoffentlich noch viele mehr.
Gleichzeitig versucht Viola, ihrer Tochter Leni Ratschläge für deren Beziehung zu geben. Warum erkennt man bei anderen Menschen manchmal sehr viel schneller, was falsch läuft, als im eigenen Leben?
Von außen auf eine Situation schauen zu können, ist immer umfassender, als wenn ich mich selber in der Situation befinde. Nach dem Motto: Im Nebel sehe ich meine eigene Hand nicht mehr. Aber kann ich von außen auf den Nebel schauen, kann ich genau beschreiben, von wo bis wo er reicht und wann es vorbei ist.
Viola stört sich auch am deutlichen Altersunterschied zwischen ihrer Tochter und Danilo. Können Sie ihre Skepsis nachvollziehen, oder muss sie an dieser Stelle lernen, ihrer Tochter stärker zu vertrauen?
Wäre der Altersunterschied umgedreht, fände ich ihn angemessener 😉 und hätte als Mutter sicher weniger dagegen. Nein, Violas Argumentation kann ich gut folgen. Aber die Frage ist: Ist es gut, ihrer Tochter da so reinzureden? Ich verstehe Viola, aber ja, das ist ja immer die große Frage im Eltern-Kind-Verhältnis: Wo mische ich mich ein, wo habe ich einfach Vertrauen, was muss gesagt werden und was nicht? Es ist immer ein Balanceakt … und auch da gehören Scheitern und Irren dazu und sind meiner Meinung nach oft hilfreich. Lieber ansprechen ist meine Devise und dann, falls es sich als falsch erweist, sich entschuldigen können.
Hinter der Komödie steckt die Frage, ob man sich aus Angst vor Enttäuschungen irgendwann selbst vom Leben ausschließt. War das für Sie der eigentliche Kern der Geschichte?
Ja, das ist eine Frage, aber genauso auch: Bin ich alleine glücklicher oder bin ich in einer Beziehung glücklicher?
«Bloß nicht Liebe» lebt stark von Situationskomik und den teilweise absurden Begegnungen Violas. Was ist schwieriger zu spielen: eine große dramatische Szene oder Komik, die möglichst selbstverständlich wirken soll?
Das ist doch eigentlich allgemein bekannt, oder? Natürlich ist die Komödie schwieriger. Wichtig dabei ist: Unter einer guten Komödie MUSS ein Drama liegen. In dieser Beziehung mochte ich das Drehbuch von Dominique Lorenz auch besonders. Es gibt wirkliche Konflikte, und Viola Berger hat wirklichen Schmerz erlebt.
Sie sind regelmäßig in Krimis und Dramen zu sehen. Was können Sie in einer romantischen Komödie wie «Bloß nicht Liebe» schauspielerisch ausleben, wofür in ernsteren Stoffen weniger Raum bleibt?
Das steht im engen Zusammenhang mit der Beantwortung der ersten Frage: Dazu gab es für mich einfach so unendlich viel Verschiedenes zu spielen, so wunderbare Wechsel der Haltungen, der Gedanken, der Stimmungen und das oft mit viel Tempo. Das hat mir riesigen Spaß gemacht und natürlich all der Zeitlupenspaß … Gespräche mit dem Universum und all das Irren und Scheitern … Solch eine Rolle ist für mich als Spielerin ein Geschenk und eine andere Herausforderung als eine Rolle in einem Krimi oder in einem Drama. Aber Spaß machen mir alle meine Rollen, und ich empfinde es genauso als Geschenk, dass ich mich schon in so vielen unterschiedlichen Rollen ausprobieren konnte. Ich erlaube mir an dieser Stelle, an die wunderbare Serie «Das Institut – Oase des Scheiterns» zu erinnern … oder «Der kleine Mann». Komödie gehörte schon immer dazu, zum Glück.
Am Ende muss Viola weniger entscheiden, welcher Mann der Richtige ist, als vielmehr, wie sie selbst künftig leben möchte. Was würden Sie sich wünschen, was Zuschauerinnen und Zuschauer aus ihrer Geschichte mitnehmen?
Also, ich hoffe, dass die Zuschauerinnen und Zuschauer Spaß daran haben, Violas Wirrungen und Irrungen zu folgen, und sich unterhalten fühlen. Dass sie sehen: Ah, Liebe passiert Menschen jeden Alters und ist nicht nur das Privileg der unter 50-Jährigen … Dass sie sich vielleicht in dem einen oder anderen Moment wiedererkennen, dass sie es genießen, viel früher als Viola zu erkennen, für wen sie sich entscheidet, Lust aufs Scheitern als Voraussetzung für neue Erkenntnisse bekommen, mal für 90 Minuten all das so wenig Lustige unserer Zeit vielleicht ausblenden oder vergessen können … etwas Leichtigkeit für den Start in die neue Woche …
Vielen Dank für Ihre Zeit!
Das ZDF strahlt «Bloß nicht Liebe» am Sonntag, den 13. September, um 20.15 Uhr aus. Der Film ist seit 21. August in der ZDFmediathek.