Dr. Raphael Bender: ‚Spitzenmedizin ist keine One-Man-Show‘

«Die Lebensretter von Murnau – Einsatz am Limit» begleitet die Versorgung Schwerverletzter vom Rettungseinsatz bis zur Rehabilitation. Dr. Raphael Bender spricht über Entscheidungen unter enormem Druck, die Bedeutung von Teamarbeit und die Verantwortung, Patienten in besonders verletzlichen Momenten vor der Kamera zu schützen.

Herr Dr. Bender, die BG Unfallklinik Murnau behandelt Menschen in absoluten Ausnahmesituationen. Was bedeutet es für Sie persönlich, in einem der renommiertesten Traumazentren Europas zu arbeiten?
Das hohe Niveau der Medizin, die wir hier an der BG Unfallklinik Murnau leisten, ist etwas Besonderes. In diesem Umfeld zu arbeiten ist für mich als Notfallmediziner und Anästhesist natürlich erstrebenswert. Vor allem ist es aber der hohe Anspruch der Klinik an eine überdurchschnittliche Qualität und auch überdurchschnittliche Empathie ist ein großer Ansporn für mich. Das macht Spaß.

Die neue Staffel begleitet die Arbeit Ihres Teams vom Rettungshubschrauber bis in die
Rehabilitation. Was war Ihnen besonders wichtig, damit der Klinikalltag authentisch dargestellt wird?

Dieser weite Blick hinter die Kulissen. Die Arbeit mit den Patienten endet nicht im Schockraum, da kommt noch viel mehr, zeitlich wie auch fachlich. Das gehört alles zusammen und das zeigt die Staffel wieder sehr gut.

In der Anästhesie, Intensiv- und Schmerzmedizin müssen Entscheidungen oft innerhalb weniger Sekunden getroffen werden. Wie gelingt es, unter diesem enormen Druck einen klaren Kopf zu bewahren?
Das gelingt durch Training, Training, Training und durch ein tiefes Fachwissen. Hilfreich ist da natürlich auch, dass wir immer im Team arbeiten. Teamwork ist wichtig – sehr schwierige Entscheidungen muss man nur selten ganz allein treffen.

Viele Zuschauer sehen zum ersten Mal, wie komplex die Versorgung Schwerverletzter tatsächlich ist. Welche Missverständnisse über Ihre Arbeit räumt die Dokumentation Ihrer Meinung nach aus?
Die Komplexität des Systems Krankenhaus ist nicht zu unterschätzen. Sehr viele Kleinigkeiten und das Zusammenspiel unglaublich vieler Menschen machen am Ende den Erfolg für den Patienten aus. Es ist niemals eine One-Man-Show. Das ist meiner Meinung nach das größte Missverständnis und für viele ist diese reale Darstellung sicher überraschend.

Die Reihe zeigt nicht nur medizinische Abläufe, sondern auch die Menschen hinter den Berufen. Wie leicht oder schwer fällt es Ihnen, ein Kamerateam so nah an Ihren Arbeitsalltag heranzulassen?
Das ist gar nicht so einfach. Eine Kamera und zusätzliche Personen verändern den normalen Ablauf und das kann im Extremfall sogar stören. Oder reicht, dass einer der Beteiligten sich unwohl fühlt. Für uns ist immer die allererste Voraussetzung, dass die Dreharbeiten für den Patient in Ordnung sind. Und natürlich darf unsere Arbeit nicht behindert werden. Das war bei den Dreharbeiten auch nicht der Fall. Professionalität hilft dann, die Kamera zu vergessen.

Gerade in der Intensivmedizin erlebt man regelmäßig Schicksale, die emotional sehr belastend sind. Wie wichtig ist der Zusammenhalt im Team, um solche Erfahrungen zu verarbeiten?
Immens wichtig. Nicht nur der Erfolg, auch die unangenehmen Erlebnisse, traurigen Verläufe und Misserfolge werden gemeinsam erlebt und gemeistert. Ohne den Zusammenhalt wäre das dauerhaft nicht gesund auszuhalten.

Moderne Medizin ist heute hoch spezialisiert. Wie viele unterschiedliche Fachbereiche müssen in Murnau zusammenarbeiten, damit schwer verletzte Patientinnen und Patienten optimal versorgt werden können?
Schwerstverletzte Patienten werden ja häufig über mehrere Wochen bei uns behandelt. In dieser Zeit sind – grob geschätzt - ein Dutzend Fachabteilungen an der Versorgung eines einzelnen Patienten beteiligt. Da kommen wir schnell auf rund 100 Mitarbeiter, die hier beteiligt sind. Pflegekräfte, Ärzte, Therapeuten, Berater…wie gesagt: Spitzenmedizin ist keine One-Man-Show.

Schmerzmedizin spielt oft eine größere Rolle, als Außenstehende vermuten. Welche Bedeutung hat eine gute Schmerztherapie für die Genesung nach schweren
Verletzungen?

Eine gute Schmerzmedizin spielt eine enorm große Rolle. Die Ureigenste ärztliche Aufgabe ist Linderung von Schmerzen. Wenn man sich das bewusst macht, wird die Bedeutung der Schmerzmedizin sofort klar. Ein Patient, der starke Schmerzen hat, kann sich auf kein Gespräch und auch auf keine Therapie konzentrieren. Das gelingt nur, wenn er zumindest schmerzarm und im besten Fall schmerzfrei ist. Eine gute Schmerztherapie von Beginn an verhindert auch psychische Probleme und eine Chronifizierung von Schmerzen im Verlauf.

Die Dokumentation zeigt Menschen in extrem verletzlichen Momenten. Welche
Verantwortung trägt ein Krankenhaus, wenn es seine Arbeit für ein Fernsehpublikum öffnet?

Die Privatsphäre der Patienten und das uneingeschränkte Vertrauen in uns als Ärzte und Pfleger ist das absolut höchste Gut. Voyeurismus hat hier nichts zu suchen und wir würden Dreharbeiten sofort beenden, wenn hier eine Schwelle überschritten wird. Das Kamerateam ist hier aber extrem feinfühlig und wir sind immer im engen Austausch.

Hat die Begleitung durch das Filmteam auch Ihren eigenen Blick auf Ihre tägliche Arbeit verändert?
Ja, auch wir haben alle etwas dazugelernt über Kolleginnen und Kollegen, andere Fachbereiche und die Dinge, die außerhalb des eigenen Horizonts passieren. Mir selbst gegenüber bin ich tatsächlich auch
sehr kritisch…

Die Versorgung endet nicht mit einer erfolgreichen Operation. Warum wird die oft monatelange Rehabilitation in der öffentlichen Wahrnehmung häufig unterschätzt?
Dieser Bereich ist immens wichtig, oft aber wenig spektakulär, sogar zähfließend. Fortschritte werden im Genesungsverlauf immer kleiner und somit auch schlechter erkennbar. Rehabilitation braucht Geduld, Zeit und Durchhaltevermögen.

Viele junge Menschen interessieren sich für medizinische Berufe, schrecken aber vor den Belastungen zurück. Kann eine Reihe wie «Die Lebensretter von Murnau» dazu beitragen, ein realistisches Bild des Berufs zu vermitteln?
Ich denke schon. Realistisch ist ja, dass die Rahmenbedingungen besonders und anspruchsvoll sind. Wir sind 24/7 bereit. Das bedeutet viel Arbeit, auch nachts, am Wochenende und an Feiertagen. Auf der anderen Seite wird aber auch deutlich, wie abwechslungsreich, sinnstiftend und wertvoll die Arbeit in der Medizin ist.

Trotz aller Routine gibt es sicher Einsätze, die man nie vergisst. Was zeichnet einen Fall aus, der einem auch Jahre später noch im Gedächtnis bleibt?
Das kann ganz unterschiedlich sein. Viele prägende Erlebnisse hatte ich in diversen Auslandseinsätzen in Afghanistan. Da denke ich zum Beispiel an das Karfreitagsgefecht in Kunduz 2010….; in Erinnerung bleiben aber auch schöne Verläufe mit einem besseren Ausgang als erwartet, gerade wenn ich diesen Menschen dann über lange Zeit begleiten konnte.

Danke für Ihre Zeit!

«Die Lebensretter von Murnau – Einsatz am Limit» ist ab Mittwoch, 2. September, um 19.25 Uhr zu sehen. Die Episoden sind seit 28. August in der ZDFmediathek abrufbar.
01.09.2026 12:03 Uhr  •  Fabian Riedner Kurz-URL: qmde.de/175082