Sandra Fitowski: ‚Eine tägliche Serie hat etwas ganz Eigenes‘

Seit 20 Jahren läuft «Alles was zählt». Producerin Sandra Fitowski spricht über sinkende lineare Quoten, RTL+, neue Erzählformen, Social Media und die Zukunft der Daily.

Frau Fitowski, «Alles was zählt» feiert in diesem Jahr sein 20-jähriges Bestehen. Wenn Sie auf diese zwei Jahrzehnte zurückblicken: Was macht Sie persönlich am stolzesten?
Für mich ist dieses Jubiläum auch persönlich etwas ganz Besonderes. Ich schaue «Alles was zählt» tatsächlich seit dem ersten Tag. Dass ich die Serie jetzt als Producerin zu ihrem 20-jährigen Jubiläum begleiten und mitgestalten darf, ist deshalb schon etwas Besonderes. Am meisten freut mich, dass «Alles was zählt» nach 20 Jahren immer noch eine eigene Identität hat. Sie hat sich verändert, neue Figuren und Themen zugelassen und auch Phasen erlebt, in denen wir Dinge neu denken mussten. Aber trotzdem gibt es diesen Kern, bei dem man sofort weiß: Das ist «Alles was zählt».

Dass Menschen nach so langer Zeit immer noch mit unseren Figuren mitfiebern, freut mich auch für das Team, dass seit 20 Jahren mit voller Leidenschaft an dieser Serie arbeitet.

Eine tägliche Serie muss sich ständig neu erfinden, ohne ihre Identität zu verlieren. Wie gelingt dieser Balanceakt bei «Alles was zählt»?
Indem man beides ernst nimmt: die DNA der Serie und den Mut zur Veränderung.

Eine Serie, die 20 Jahre läuft, kann man nicht mehr genauso erzählen wie im ersten Jahr. Die Welt verändert sich, das Publikum verändert sich und auch unsere Figuren. Für mich ist es wichtig, dass Veränderungen nicht aufgesetzt wirken. Wenn etwas Neues entsteht, sollte es sich trotzdem so anfühlen, als könnte es genau in dieser Welt passieren. Das Publikum darf überrascht werden und im besten Fall denken, das gehörte schon immer dazu.

Die Serie hat sich immer wieder an gesellschaftliche Themen wie mentale Gesundheit, Diversität oder Patchwork-Familien gewagt. Wie entscheiden Sie, welche Themen den Weg in die Drehbücher finden?
Bei uns steht eigentlich immer die Figur am Anfang. Wir suchen nicht nach einem gesellschaftlichen Thema und überlegen dann, welche Figur dazu passt. Wir fragen eher: Was könnte dieser Figur passieren? Welcher Konflikt können wir daraus ableiten? Und wie gelingt es uns gleichzeitig damit zu unterhalten? Wenn daraus ein gesellschaftlich relevantes Thema entsteht, umso besser. Aber die Figur muss glaubwürdig bleiben. Gerade bei sensiblen Themen haben wir eine besondere Verantwortung.

Das Sport-Milieu war von Anfang an das Alleinstellungsmerkmal von «Alles was zählt». Welche Bedeutung hat dieser Aspekt heute noch für die Serie?
Es ist tatsächlich das Alleinstellungsmerkmal dieser Serie. Sport, insbesondere das Eiskunstlaufen.

Das Schöne am Sport ist, dass er Konflikte sehr unmittelbar erlebbar macht. Die Logline oder das Versprechen der Serie ist: „Kämpfe für deinen Traum – Lebe deinen Traum!“ Jemand kann gewinnen oder verlieren. Jemand kann sich verletzen. Jemand muss sich entscheiden, wie weit er für seinen Traum gehen möchte. Aber wir dürfen den Sport nicht nur benutzen, weil eine Kür schön aussieht oder ein Wettkampf spannend ist. Der Sport muss etwas mit unseren Figuren machen. Wenn eine Eis-Meisterschaft plötzlich über eine Beziehung entscheidet, wenn eine Verletzung einen Lebenstraum zerstört oder jemand nach einem Scheitern wieder aufstehen muss, dann wird Sport zu einer emotionalen Geschichte und erzählt etwas über den Menschen dahinter. Das ist für mich der Grund, warum dieses Thema nach 20 Jahren immer noch funktioniert.

Rund um das Jubiläum kehrt Sabine Lisicki erneut als Gaststar zurück. Wie wichtig sind prominente Gastauftritte für eine Daily Soap und können sie auch neue Zuschauer anlocken?
Ich mag Gastauftritte besonders dann, wenn sie nicht nach einem Gastauftritt aussehen. Sabine Lisicki passt für mich deshalb so gut zu «Alles was zählt», weil sie nicht einfach irgendein prominenter Name ist. Sie bringt ihre eigene Erfahrung aus dem Leistungssport mit und hat gleichzeitig eine persönliche Verbindung zu unserer Serie. Sie ist seit dem ersten Tag Fan. Natürlich erzeugt ein bekannter Name Aufmerksamkeit. Und wenn dadurch jemand neugierig wird und zum ersten Mal bei «AWZ» einschaltet, freut uns das sehr.

Viele langjährige Fans verbinden „Alles was zählt“ vor allem mit Figuren wie Simone oder Richard Steinkamp. Wie schwierig ist es, neue Charaktere zu etablieren, die denselben Stellenwert erreichen?
Man kann eine Figur nicht künstlich zur neuen Simone oder zu einem neuen Richard machen. Diese Figuren haben über viele Jahre eine Geschichte mit dem Publikum aufgebaut. Die Zuschauer:innen kennen ihre Beziehungen, ihre Fehler und ihre Entwicklung. Das kann man nicht einfach ersetzen. Neue Figuren müssen deshalb ihre eigenen Wege finden. Sie brauchen eine klare Persönlichkeit und Konflikte und vor allem Beziehungen zu Figuren, die das Publikum bereits kennt. Und ich finde es sogar wichtig, dass neue Figuren nicht sofort von allen geliebt werden. Eine Figur soll auch polarisieren. Sie muss Fehler machen dürfen, daraus lernen, um uns dann zu überraschen.

Wenn wir dann merken, dass Zuschauer:innen anfangen, über diese Figur zu diskutieren und unbedingt wissen wollen, wie es mit ihr weitergeht, dann haben wir schon viel erreicht.

Trotz 20 Jahren Erfolg kämpft «Alles was zählt» seit längerer Zeit mit deutlich niedrigeren Einschaltquoten als in früheren Jahren. Wie bewerten Sie diese Entwicklung: Ist das vor allem ein genereller Wandel der Fernsehnutzung oder sehen Sie auch hausgemachte Gründe?
Natürlich analysieren wir unsere Quoten. In den letzten Jahren entscheidend hinzugekommen sind die Abrufzahlen auf RTL+, sowie die konvergenten Quoten. Hier schneidet «Alles was zählt» im Vergleich zu anderen starken Programmmarken sehr gut ab. Die daraus resultierende rückläufige lineare Reichweite ist tatsächlich eine Folge des generellen Wandels der Fernsehnutzung.

Wir ruhen uns natürlich auf diesem Erfolg nicht aus, sondern versuchen jeden Tag dieses Programm weiter zu verbessern, nicht stehen zu bleiben und für die ein oder andere Überraschung zu sorgen.

Gleichzeitig stellt sich die Frage, ob die Vorabveröffentlichung bei RTL+ dem linearen Programm Zuschauer entzieht. Ist das ein Preis, den man bewusst in Kauf nimmt, oder beschäftigen Sie sich intern intensiv mit diesem Spannungsfeld?
Das ist für mich kein Spannungsfeld, sondern das eine ergänzt sinnvoll das andere. Wer es in seinem persönlichen Tagesablauf nicht schafft die Serie zu schauen, kann sie sich zu einem anderen Zeitpunkt online abrufen und sich somit seine persönliche Dosis «Alles was zählt» zusammenzustellen.

Während Streaming-Plattformen oft kürzere Staffeln und aufwendigere Produktionen anbieten, produziert «Alles was zählt» fast täglich neue Folgen. Wie verändert dieser Wettbewerb Ihre Arbeit?
Streaming hat die Erwartungen des Publikums verändert. Zuschauer:innen erwarten heute oft ein hohes Tempo, starke Bilder und Geschichten, in die sie sehr schnell hineingezogen werden. Das fordert uns heraus und das finde ich auch gut! Ich bin aber der Meinung, dass eine tägliche Serie etwas ganz Eigenes hat. Unsere Stärke ist es gerade, dass wir viel mehr Zeit mit unseren Figuren haben. Eine Beziehung kann sich bei uns über Monate entwickeln. Eine Figur kann einen Fehler machen und Wochen später mit den Konsequenzen leben. Das Publikum begleitet diese Entwicklung. Diese langfristige Bindung an die Figuren, an die Serie, an diese Marke, ist etwas, was mancher Streamer gerne in seinem Portfolio hätte.

Dailys galten lange als fester Bestandteil des Fernsehalltags. Heute konkurrieren sie mit Social Media, Streaming und Kurzvideos. Was muss «Alles was zählt» tun, um auch jüngere Zielgruppen dauerhaft zu erreichen? Was denken Sie über horizontale Videos für Social Media?
Wir sind mittendrin. Für mich beginnt das deshalb bei den Figuren und den Geschichten, die wir schon erzählen. Die erste Liebe, Leistungssport, Familiengeschichten, der Einstieg ins Berufsleben, queere Geschichten… Diese greifen wir dann auch im Bereich Social Media auf. Social Media soll aber nicht nur Werbung für unsere Folgen sein. Ich finde es spannend, was wir dort zusätzlich zu unseren Geschichten erzählen können. Wichtig ist, dass man es an die jeweilige Plattform anpasst. Zusätzlich beschäftigen wir uns aktuell auch viel mit Verticals. Horizontale Videos sind für uns auch eine Formatverlängerung für Leute, die unterwegs sind und unsere Serie auch in handytauglichen Formaten sehen können. Für mich ist die entscheidende Frage deshalb: Auf welcher Plattform kann was am besten stattfinden?

In den vergangenen Jahren gab es immer wieder größere inhaltliche Neuausrichtungen und personelle Veränderungen. Wann ist der richtige Zeitpunkt gekommen, eine Serie bewusst neu zu denken und wo darf man die Stammzuschauer nicht verlieren?
Wir merken recht schnell, wenn Figuren oder Konstellationen nicht mehr so funktionieren oder die gleiche Kraft entwickelt haben, wie wir es vor längerer Zeit mal geplant haben. Dann ändern wir es sehr schnell oder passen es konsequent an. Das ist bei einer Serie, die 20 Jahre läuft, eigentlich ganz normal. Das heißt aber nicht, dass man alles verändern muss. Stammzuschauer:innen müssen spüren: Das ist weiterhin ihre Serie. Wir müssen also das schützen, was die Serie besonders macht. Und manchmal bedeutet das sogar, dass man etwas verändern muss, um genau diese Identität zu erhalten.

Wenn Sie auf die kommenden Jahre blicken: Gibt es erzählerische oder technische Entwicklungen, die Sie bei «Alles was zählt» unbedingt noch umsetzen möchten?
Wir haben vor etwa einem Jahr unser komplettes Kamerasystem umgestellt. Unsere Kameras können sich heute frei durch die Sets bewegen. Dadurch entstehen andere Möglichkeiten in der Inszenierung und Bildsprache. Wir können näher an den Figuren sein und viel dynamischer erzählen. Erzählerisch würde ich noch stärker damit spielen, wie wir Geschichten erzählen können und uns auch mal trauen, Geschichten zu erzählen, die man von einer täglichen Serie vielleicht nicht erwartet. Und natürlich wird auch KI unsere Branche verändern. Damit setzen wir uns intensiv auseinander und schauen uns sehr genau an, welche Möglichkeiten sich daraus für unsere Arbeit ergeben.

Zum Abschluss ein Blick nach vorn: Glauben Sie, dass «Alles was zählt» auch sein 30-jähriges Jubiläum feiern wird – und was muss aus Ihrer Sicht passieren, damit die Serie in zehn Jahren noch genauso relevant ist wie heute?
Ich würde mich sehr freuen, wenn wir das 30-jährige Jubiläum feiern und natürlich wäre es großartig, wenn ich dann noch Teil dieser Serie wäre. Ich wünsche mir sehr, dass es «AWZ» auch in zehn Jahren noch gibt. Aber wir können heute nicht wissen, wie Fernsehen und Streaming dann aussehen werden. Was wir beeinflussen können, ist, wie wir mit Veränderungen umgehen. Gleichzeitig dürfen wir nicht vergessen, was «AWZ» im Kern ausmacht. Was bleiben muss, ist das Gefühl, dass Menschen sich in unseren Figuren wiederfinden, mit ihnen lachen, leiden und mitfiebern können. Wenn wir es schaffen, dass die Zuschauer:innen auch in zehn Jahren noch wissen wollen, wie es mit unseren Figuren weitergeht, dann haben wir alles richtig gemacht.

Danke für Ihre Zeit!

RTL strahlt «Alles was zählt» werktäglich um 19.05 Uhr aus. Die Folgen sind vorab bei RTL Passion und bei RTL+ zu sehen.
31.08.2026 12:20 Uhr  •  Fabian Riedner Kurz-URL: qmde.de/174983