Wiebke Lühmann: ‚Mutig sein heißt, es trotzdem zu tun‘
20.000 Kilometer, 430 Tage und zahlreiche Begegnungen: Wiebke Lühmann und Regisseurin Caro Engel sprechen über «Same Sun», persönliche Grenzen und ein anderes Bild Afrikas.
Frau Lühmann, von Freiburg bis zum Kap der Guten Hoffnung sind es rund 20.000 Kilometer. Gab es einen Moment vor der Abreise, in dem Sie ernsthaft überlegt haben, die Reise doch nicht anzutreten?
Vor der Reise, also knapp ein halbes Jahr vorher, habe ich mich von meinem damaligen Partner getrennt. Wir wollten die Reise zusammen machen. Doch dann kam alles anders und ich wusste ich nicht, ob ich die Reise alleine packen würde. Aber mit der Zeit wurde mir klar, dass ich meinen Traum der Reise nicht aufgeben will und dass ich trotzdem schauen will, wie weit ich komme. Heute weiß ich, dass man sich nie 100 Prozent bereit fühlt. Mutig sein heißt, es trotzdem zu tun.
Viele Reisefilme erzählen von spektakulären Landschaften. Ihr Film wirkt gleichzeitig sehr persönlich. Wann haben Sie gemerkt, dass die eigentliche Geschichte vielleicht weniger auf der Straße als in Ihrem Inneren stattfindet?
Es ist beides. Hinterher ist mir klar geworden, dass diese Reise viel tiefer war als ich unterwegs oft dachte. Dass es nicht die Landschaften sind, die dich verändern, sondern die Begegnungen. Dass es nicht die Kilometer sind, die dich stärker machen, sondern die eigenen Ängste, die man loslässt. Dass es nicht nur darum geht, die Reise körperlich durchzustehen, sondern auch mental an ihr zu wachsen.
Nach rund 15.000 Kilometern beschreiben Sie einen Punkt, an dem die Freude am Reisen plötzlich verschwunden war. Was war schwieriger: weiterzufahren oder sich dieses Gefühl einzugestehen?
Letzteres. Das Gefühl anzunehmen. Ich musste mir eingestehen, dass ich über meine Grenzen hinaus gegangen war, nachdem ich eine Art Nervenzusammenbruch hatte. Ich wusste keinen Weg mehr weiter. Ich wollte nach Hause. Das hatte ich vorher noch nie auf Reisen. Dann doch weiterzumachen war nur möglich, weil ich mir genau das eingestanden habe und zum ersten Mal auf dieser Tour wirklich auch zugelassen habe, schwach sein zu dürfen.
Afrika wird in europäischen Medien oft durch Krisen, Konflikte oder Armut dargestellt. Welche Bilder und Erfahrungen haben Ihre eigenen Vorstellungen während der Reise am stärksten verändert?
Insbesondere die spontanen Begegnungen mit anderen Menschen, die mich oft in ihr Herz, vielleicht sogar in ihr Haus und in ihr Dorf aufgenommen haben. Gastfreundschaft und Dorfgemeinschaft werden in vielen Regionen sehr gelebt und immer wieder habe ich mich wie in einer Tochter-, Schwester-, oder Enkelinnenrolle gefühlt. Die Verbindung zwischen uns Menschen ist universal und kann auch innerhalb kürzester Zeit entstehen. Meine Erfahrungen haben immer wieder die Erkenntnis genährt, dass unsere Gemeinsamkeiten als Menschen viel größer sind als unsere Unterschiede.
Sie waren 430 Tage unterwegs. Wie verändert eine solche Reise den Blick auf Zeit, Leistung und Erfolg?
Es verändert sich vor allem das Gefühl für Relationen: Afrika ist riesig. Und es lässt sich nicht zusammenfassen, reduzieren oder in eine Schublade stecken. Von 54 afrikanischen Ländern habe ich 18 gesehen. Und alle in ihrer Vielseitigkeit unbeschreiblich.
Zeit ist etwas, was wir uns nehmen müssen. Leistung ist etwas, das wir selbst definieren können. Und das Gefühl von Erfolg entsteht nicht aus dem Äußeren, sondern mehr aus dem Inneren: Am Kap anzukommen war einer meiner größten “Erfolge”, aber das macht nicht automatisch glücklich (oder per sé erfolgreich). Dazu gehört viel mehr als nur Radfahren.
Frau Engel, wann war Ihnen klar, dass aus dieser Fahrradreise ein Kinofilm werden könnte und nicht nur ein klassisches Reise-Tagebuch?
Spätestens im Januar 2023, als Wiebke gerade am Anfang ihrer Reise in Marokko war.
Ich war sie für Dreharbeiten besuchen und wir haben Filmförderung beantragt (– die leider abgelehnt wurde, aber die Nachricht haben wir erst im März bekommen) Ab da war wirklich klar, dass wir einen Kinofilm machen wollen und werden – egal ob mit oder ohne Förderung. Ich hatte von Anfang an großes Vertrauen, dass wir unseren Weg auch mit Hindernissen gehen werden.
Der Film trägt den Titel «Same Sun». Was bedeutet dieser Gedanke für Sie persönlich und für die Geschichte, die Sie erzählen wollten?
Das Kap der guten Hoffnung und Deutschland liegen beide fast auf dem gleichen Längengrad - heißt, es gibt und gab auf der gesamten Route nur minimale Zeitverschiebung. Wenn ich oder Wiebkes Zwillingsschwester Rebekka, die auch eine Rolle im Film spielt, in die Sonne geschaut haben, dann wussten wir, dass sie bei Wiebke auch genauso scheint. Die Sonne ist also ein physisches, verbindendes Element, das so eine Kraft hat. Im Übertragenden Sinne ist dieser Fakt eine wunderschöne und sehr simple Erinnerung daran, dass wir alle unter derselben Sonne leben und Menschen sind. Was nicht heißt, dass wir die gleichen Privilegien, Freiheiten und schon gar nicht den gleichen Frieden haben. Deswegen erinnern wir mit dem Titel «Same Sun» an Menschlichkeit, die wir in einer technologisierten Welt Schritt für Schritt verlernen.
Wie schwierig war es, aus mehr als einem Jahr voller Erlebnisse eine 82-minütige Dramaturgie zu entwickeln? Welche Geschichten mussten am Ende draußen bleiben?
105 Stunden Material zu sichten und zu schneiden ist natürlich aufwändig, deswegen haben wir uns im Schnittprozess Verstärkung der Düsseldorfer Filmproduktion El Flamingo geholt.
Für uns lag der Fokus hier klar auf der emotionalen Perspektive. Da ich Wiebke durch unsere enge Freundschaft schon so viele Jahre begleite, habe ich natürlich eine besondere Bindung zu ihr und ihrer Gefühlswelt. Die wollten wir gemeinsam auf die Leinwand bringen, weswegen wir alles, was thematisch nicht damit zu tun hatte, rigoros rausgeschmissen haben. Technische oder gesellschaftliche Informationen kommen deswegen nur weniger vor, weil sie vom Wesentlichen ablenken würden (können aber im Buch nachgelesen werden). Das war definitiv eine mutige Entscheidung, denn der Film soll nicht erklären, sondern die Menschen wirklich mitreißen und fühlen lassen.
Die Reise führt durch 22 Länder. Gab es eine Begegnung mit einem Menschen, die beispielhaft für das steht, was Sie aus Afrika mitgenommen haben?
Im Atlasgebirge in Marokko haben wir bei Zayna übernachtet - sie hat uns in ihren provisorischen Container eingeladen, da ihr Haus ca. 6 Monate vorher bei einem Erdbeben zur Hälfte zertrümmert wurde. Sie hat es uns trotzdem mit viel Stolz gezeigt, selbst auf dem Boden geschlafen, damit wir es bequem haben und am nächsten Tag sogar in ihrer vom Erbeben verschonten Küche marokkanisches Essen gekocht.
Viele Abenteuerfilme feiern das Alleinsein und die Unabhängigkeit. Ihr Film kommt offenbar zu einem anderen Schluss. Warum wurde ausgerechnet die Abhängigkeit von anderen Menschen zu einer der wichtigsten Erkenntnisse?
Weil wir nicht allein auf der Welt sind. Und weil wir Menschen soziale Wesen sind, die rein faktisch nicht allein überleben können. Wir brauchen Kontakt zu anderen Menschen genauso wie die Luft zum Atmen. Ich habe das Gefühl, dass wir das in unserer individualisierten Zeit immer mehr vergessen und vermisse das Gemeinschaftsgefühl. Wiebkes Reise war kein Alleingang und sie hätte ohne den Kontakt zu anderen Menschen nicht weit kommen können. Viele Menschen mit denen ich über Wiebkes Vorhaben erzählt habe, hatten extrem viele Vorurteile über Länder und andere Menschen, die sie weder selbst gesehen und noch gekannt haben. Dabei liegt doch genau darin die Magie: Keine Angst vor anderen zu haben und schon gar nicht vor unseren Mitmenschen. Sich ab das Fremde und Neue einzulassen bietet manchmal so viel mehr, als wir uns vorstellen können. Das ist für mich der wahre Mut und Abenteuerlust.
Während der Reise gab es Sandstürme, technische Probleme, Erschöpfung und Zweifel. Wie wichtig war es Ihnen, auch die unbequemen und weniger romantischen Seiten eines solchen Abenteuers zu zeigen?
Sehr. Alles andere wäre nicht ehrlich und authentisch.
Nach einer solchen Dokumentation bekommen Zuschauer oft das Gefühl, sie müssten auch eine solche Reise unternehmen. Würden Sie die Kinogänger dazu ermutigen oder eher abhalten wollen?
Haha. Gute Frage! Ich persönlich habe die Reise ja nicht gemacht, daher kann ich sie auch nicht empfehlen. Was ich aber kann ist den Menschen Mut zu machen, ihr ganz eigenes Abenteuer zu finden. Dafür braucht es nicht immer die waghalsigste Idee, ein Fahrrad oder die exotischste Kulisse. Vielleicht beginnen manche Abenteuer ja sogar jetzt im Alltag: Mal eine ungewohnte Route zu Arbeit nehmen, einer Person schreiben, an die man immer wieder denkt oder ein Konzertticket zu buchen. Jedes Abenteuer beginnt mit dem ersten Schritt, für den man gar nicht so bereit sein muss, wie man immer denkt.
Vielen Dank für Ihre Zeit!
«Same Sun – Mit dem Fahrrad durch Afrika» ist ab Donnerstag, 3. September, in den deutschen Kinos zu sehen.