Die Kritiker: «Nord bei Nordwest – Das dritte Grab»

In seiner neuen Folge wird die etablierte Krimi-Reihe ungewohnt düster. Verträgt sich das mit ihrem erzählerischen Grundgerüst?

Stab

Darsteller: Hinnerk Schönemann, Jana Klinge, Marleen Lohse, Arnd Klawitter, Oda Thormeyer, Christian Beermann, Dagmar Leesch
Musik: Stefan Hansen
Kamera: Philip Jestädt
Drehbuch: Niels Holle
Regie: Greta Benkelmann
Auf einem Friedhof ist die Vorstellung vom lebendig Begrabenwerden vielleicht weniger überraschend als anderswo. Und doch liegt in diesem Bild etwas, das erstaunlich gut zu «Nord bei Nordwest» passt: Denn auch die neue Episode der inzwischen fest etablierten ARD-Krimireihe bewegt sich zwischen Bekanntem und Unheimlichem, zwischen gemütlicher Provinzkomödie und existenzieller Bedrohung. Man weiß ungefähr, wo man sich befindet – und bekommt trotzdem gelegentlich das Gefühl, dass unter der vertrauten Oberfläche etwas begraben liegt, das besser dort geblieben wäre.

Der neue Fall beginnt mit einem Mann, dessen Leiche auf dem Friedhof gefunden wird. Offenbar wurde er lebendig begraben. Schnell wird klar, dass es nicht bei einem einzelnen Opfer bleiben soll. Denn den Friedhofsverwalter und seine alte Bekannte verbindet ein düsteres Geheimnis, und beide müssen nun fürchten, dass der Täter noch weitere Gräber für Menschen reserviert hat, die mit dieser Geschichte zu tun haben.

Damit bewegt sich Drehbuchautor Niels Holle zunächst auf vertrautem Krimigelände: Ein Verbrechen der Gegenwart führt zurück zu einer Schuld aus der Vergangenheit, alte Beziehungen werden neu bewertet, scheinbar harmlose Figuren entwickeln plötzlich eine dunklere Biografie. «Nord bei Nordwest» hat solche Konstruktionen schon häufiger genutzt. «Das dritte Grab» setzt die Symbolik des Friedhofs, des verborgenen Vergangenen dabei nicht immer so intensiv ein, wie es der Stoff an sich ermöglichen würde. Der Kriminalfall bleibt über weite Strecken somit stärker von seiner Mechanik bestimmt als von einer wirklichen Auseinandersetzung mit Schuld, Erinnerung oder Verdrängung.

Denn im Zentrum der Reihe stehen weiterhin Hauke Jacobs und Hannah Wagner. Hinnerk Schönemann spielt Hauke auch diesmal wieder reduziert-zurückhaltend, wobei diese Anti-Heldenhaftigkeit eine der großen Stärken von «Nord bei Nordwest» bleibt. Jana Klinge ergänzt ihn derweil als Hannah Wagner mit einer direkteren, energischeren Spielweise, während Marleen Lohse als Jule Christiansen ebenfalls ihre eigenen einnehmenden Momente bekommt, auch wenn ihre Nebenhandlung eher wie ein bewusst gesetzter Kontrapunkt zum düsteren Kriminalfall wirkt.

Manchmal wirkt der neue Eintrag dieser an sich eher leichtfüßigen Reihe dabei, als könne er sich nicht ganz entscheiden, wie viel Komik er seinem eigentlich ziemlich düsteren Stoff zumuten möchte. Die skurrilen Figuren und kleinen Nebenhandlungen sorgen zwar für die notwendige Entlastung, nehmen dem Kriminalfall stellenweise aber auch etwas von seiner Bedrohlichkeit. «Das dritte Grab» schwankt deshalb oftmals höchst unentschlossen zwischen morbidem Thriller und vertrauter Schwanitz-Gemütlichkeit. Beides ist für sich interessant, doch zusammengenommen entsteht nicht immer jene besondere Balance, die die besseren Folgen der Reihe auszeichnet.

Die Inszenierung von Greta Benkelmann und die Kameraarbeit von Philip Jestädt verstehen derweil durchwegs, wie wichtig Atmosphäre für «Nord bei Nordwest» ist. Schwanitz bleibt ein Ort, der gleichzeitig idyllisch und latent bedrohlich wirkt. Selbst der Friedhof erscheint hier nicht als bloße Krimikulisse, sondern als Erweiterung dieser eigentümlichen Welt, in der jeder jeden kennt und deshalb theoretisch auch jeder etwas verbergen könnte – eine Geschichte, in der in jedem Fall noch deutlich mehr Potenzial geschlummert hätte, das jedoch leider im Verborgenen bleiben muss.

Der Film «Nord bei Nordwest – Das dritte Grab» wird am Donnerstag, den 27. August um 20.15 Uhr im Ersten ausgestrahlt.
25.08.2026 11:20 Uhr  •  Oliver Alexander Kurz-URL: qmde.de/174839