Die Kritiker: «Inspector Ikmen»

Erfrischend konventionell: Das ZDF bringt ab Sonntagabend die Serie «Inspector Ikmen» ins deutsche Fernsehen.

Istanbul ist in «Inspector Ikmen» nicht bloß Schauplatz, sondern eine Art zweiter Ermittler. Die Stadt liegt zwischen Europa und Asien, zwischen Tradition und Moderne, zwischen säkularer Öffentlichkeit und religiös geprägten Milieus, zwischen touristischer Hochglanzfassade und den weniger repräsentativen Vierteln dahinter. Eine Leiche am Meer, ein Hotelier aus der besseren Gesellschaft, eine streng patriarchalische Familie, ein Drogennetzwerk und ein Ermittler, der seine Stadt offenbar kennt wie andere Menschen ihre eigene Wohnung: Viel mehr Zutaten braucht ein klassischer Kriminalfall eigentlich nicht.

Und doch ist gerade die klassische Qualität von «Inspector Ikmen – Tod in Istanbul» zunächst seine größte Stärke. Die britisch-amerikanisch-türkische Serie, die nach den Romanen der britischen Autorin Barbara Nadel entstand, versucht nicht, das Krimigenre neu zu erfinden. Sie setzt stattdessen auf Atmosphäre, starke Figuren und den vertrauten Reiz eines Ermittlers, der hinter den offensichtlichen Antworten noch eine zweite Wahrheit vermutet. Das Ergebnis ist in den ersten beiden Folgen keineswegs spektakulär, aber erfreulich solide – und vor allem getragen von einem Hauptdarsteller, der seiner Figur eine Präsenz verleiht, die weit über das hinausgeht, was das Drehbuch allein hergeben würde.

Haluk Bilginer ist als Çetin Ikmen die eigentliche Attraktion der Serie. Der 1954 in Izmir geborene Schauspieler, der unter anderem mehrere Jahre in Großbritannien tätig war, spielt diesen Inspector nicht als exzentrisches Genie und auch nicht als verbitterten Einzelgänger. Ikmen ist älter, erfahren und auffallend geduldig. Seine Autorität entsteht nicht daraus, dass er der Klügste im Raum sein muss, sondern daraus, dass er bereit ist, länger zuzuhören als alle anderen. Das ist wohltuend.

Denn gerade Fernsehkrimis haben sich in den vergangenen Jahren daran gewöhnt, ihre Ermittler mit möglichst markanten persönlichen Macken auszustatten. Schlaflosigkeit, Alkohol, Trauma, eine übergroße Genialität – irgendetwas muss die Hauptfigur schließlich unverwechselbar machen. Ikmen braucht derlei Tricks nicht. Seine Unverwechselbarkeit liegt in einer gewissen gütigen Härte. Er kann freundlich sein, ohne nachgiebig zu werden, und streng, ohne grausam zu wirken. Bilginer findet dafür einen Tonfall, der seine Figur angenehm menschlich erscheinen lässt.

Der erste Fall beginnt mit dem Tod der jungen Gözde Seren, deren Leiche auf einem Friedhof nahe dem Meer gefunden wird. Schnell zeigt sich, dass sie nicht nur erschlagen wurde, sondern bereits zuvor Opfer von Gewalt geworden war. Die Ermittlungen führen in ihre Familie, zu ihrem Verlobten und schließlich in das Istanbuler Drogenmilieu. Gleichzeitig steht die Frage im Raum, ob Gözde tatsächlich wegen ihres Wunsches getötet wurde, die Türkei zu verlassen und nach Kanada auszuwandern.

Das ist ein Stoff, der leicht in sehr schematische Bahnen geraten könnte. Die strenge Familie, der dominante Vater, die junge Frau mit Auswanderungsplänen und ein wohlhabender Verlobter mit einer dubiosen Vergangenheit bilden zunächst fast zu sauber die Verdächtigenliste eines klassischen Fernsehkrimis. «Inspector Ikmen» legt seine Figuren jedoch nicht sofort auf eine einzige Erklärung fest. Ikmen sucht nicht einfach nach dem Täter, sondern nach einer Erklärung, die auch psychologisch Bestand hat. Das klingt unspektakulär, ist aber eine ziemlich gute Definition dessen, was eine gelungene Ermittlerfigur ausmachen kann.

«Inspector Ikmen» muss nicht bei jeder Gelegenheit beweisen, wie dunkel und komplex Fernsehen inzwischen geworden ist. Die Serie erzählt einen Mordfall, entwickelt Verdächtige, führt Spuren zusammen und lässt ihren Ermittler zuhören, beobachten und kombinieren. Das mag zunächst konventionell wirken. In einer Fernsehlandschaft, in der Krimiserien ihre eigene Genrezugehörigkeit gelegentlich fast peinlich finden, besitzt diese Konventionalität aber sogar etwas Erfrischendes. Ikmen braucht keine spektakuläre Vergangenheit, keine künstlichen Marotten und keine permanenten Schockeffekte – sondern nur genug Zeit, um die Menschen zu beobachten.

Die Serie «Inspector Ikmen» wird im ZDF ab Sonntag, den 23. August um 22.15 Uhr ausgestrahlt.
22.08.2026 11:20 Uhr  •  Oliver Alexander Kurz-URL: qmde.de/174799