Pixelpunkt: «Cataclismo» lässt Festungsbauer kreativ werden

«Cataclismo» verbindet Echtzeitstrategie, Tower Defense und einen erstaunlich freien Burgenbau, bei dem jede Mauer tatsächlich aus einzelnen Bauteilen entsteht.

Eine mächtige Festungsmauer ist in Strategiespielen normalerweise schnell errichtet: Gebäude auswählen, auf den Boden setzen und einige Sekunden warten. «Cataclismo» hält von dieser Vereinfachung wenig. Beim Strategiespiel von Digital Sun entstehen die Verteidigungsanlagen tatsächlich Stein für Stein. Spieler ziehen nicht einfach eine fertige Mauer hoch, sondern konstruieren selbst Türme, Treppen, Plattformen und Verteidigungsstellungen. Das fühlt sich manchmal fast wie ein mittelalterlicher LEGO-Baukasten an – nur dass die fertige Konstruktion anschließend von einer Horde unheimlicher Kreaturen auf ihre Belastbarkeit geprüft wird.

«Cataclismo» erschien nach einer Early-Access-Phase am 20. März 2025 als Vollversion. Entwickelt wurde das Spiel von Digital Sun, das zuvor unter anderem mit «Moonlighter» bekannt wurde, während Hooded Horse als Publisher fungiert. Auf Steam fällt das Urteil der Spielerschaft insgesamt sehr positiv aus. Das ist durchaus nachvollziehbar, denn schon die ungewöhnliche Verbindung verschiedener Genres verleiht dem Titel einen hohen Wiedererkennungswert.

Die Welt von «Cataclismo» hat ihre besten Zeiten längst hinter sich. Eine Katastrophe hat große Teile der Zivilisation vernichtet und einen gefährlichen Nebel hinterlassen. Aus diesem treten die sogenannten Horrors hervor, die den letzten Menschen nach dem Leben trachten. Spieler übernehmen deshalb die Verantwortung für befestigte Außenposten, die verhindern sollen, dass die Kreaturen bis zu den letzten sicheren Gebieten der Menschheit vordringen. Tagsüber wird gebaut, gesammelt und erkundet. Wenn die Nacht hereinbricht, zeigt sich anschließend, ob die eigene Konstruktion wirklich etwas taugt.

Das außergewöhnliche Bausystem ist dabei eindeutig der Star. Mauern bestehen aus einzelnen Elementen, die nahezu beliebig zusammengesetzt werden können. Holz ermöglicht schnelle und vergleichsweise günstige Konstruktionen, während Stein deutlich widerstandsfähigere Verteidigungsanlagen erlaubt. Wer möchte, errichtet einfache Schutzwälle. Kreativere Spieler können dagegen komplexe Burgen mit hohen Türmen, mehreren Verteidigungsebenen, Treppen und befestigten Schusspositionen bauen. PC-Gamer bezeichnete gerade diese Baukomponente als herausragenden Teil des Spiels.

Dabei geht es keineswegs nur darum, besonders schöne Burgen zu entwerfen. Die Architektur hat unmittelbare Auswirkungen auf den Kampf. Höhenunterschiede können den eigenen Einheiten Vorteile verschaffen, Engstellen lassen sich gezielt absichern und erhöhte Plattformen ermöglichen bessere Schusspositionen. Gleichzeitig müssen Soldaten ihre Einsatzorte überhaupt erreichen können. Wer einen beeindruckenden Turm baut, aber keine sinnvolle Treppe einplant, hat zwar ein schönes Bauwerk geschaffen, militärisch allerdings wenig gewonnen.

Noch interessanter wird die Angelegenheit durch die strukturelle Stabilität. Konstruktionen können unter den Angriffen der Horrors zusammenbrechen. Stützende Elemente und tragende Säulen sind deshalb nicht bloß Dekoration. Stürzt ein Teil der Festung ein, können sowohl Feinde als auch eigene Soldaten unter den Trümmern begraben werden. Das ermöglicht sogar bewusst riskante Konstruktionen, bei denen ein Einsturz als letzte Verteidigung gegen eine größere Gegnergruppe dienen kann.

Während des Tages bleibt genügend Arbeit. Holz und Stein müssen beschafft, wirtschaftliche Gebäude errichtet und neue Einheiten ausgebildet werden. Außerdem lohnt sich die Erkundung der Umgebung, denn zusätzliche Ressourcen sind notwendig, um die Verteidigung immer weiter auszubauen. Natürliche Gegebenheiten spielen dabei eine wichtige Rolle. Hügel, Sümpfe oder Ruinen können nicht einfach aus dem Weg geräumt werden, weshalb sich die eigene Festung an die jeweilige Karte anpassen muss. Gerade dadurch entstehen immer wieder neue taktische Situationen.

Sobald die Dunkelheit hereinbricht, verändert sich das Spielgefühl. Dann strömen die Horrors in großer Zahl auf die Befestigungen zu und aus dem gemütlichen Burgenbau wird Tower Defense. Bogenschützen, Kanoniere und andere Einheiten müssen sinnvoll auf den Mauern verteilt werden. Fallen einzelne Verteidigungsbereiche, gilt es schnell zu reagieren und Soldaten neu zu positionieren. Die Angreifer werden im Verlauf immer gefährlicher, sodass eine Konstruktion, die einige Nächte problemlos überstanden hat, irgendwann plötzlich an ihre Grenzen geraten kann.

Gerade dieser Wechsel erzeugt einen besonderen Reiz. Tagsüber plant man in Ruhe die vermeintlich perfekte Festung und ist von der eigenen architektonischen Genialität überzeugt. Wenige Minuten später entdeckt eine Horde ausgerechnet jene kleine Schwachstelle, die man übersehen hat. Wenn anschließend Teile der Mauer zusammenbrechen und die Verteidiger hektisch zurückgezogen werden müssen, entstehen die besten Geschichten des Spiels.

Hilfreich ist deshalb das Blaupausen-System. Gelungene Konstruktionen müssen nicht jedes Mal komplett neu gebaut werden, sondern können gespeichert und erneut eingesetzt werden. Über den Steam Workshop lassen sich zudem Baupläne anderer Spieler verwenden und eigene Kreationen mit der Community teilen. Auch selbst erstellte Karten können ausgetauscht werden. Dadurch wächst «Cataclismo» über seine eigentliche Kampagne hinaus.



Ohnehin bietet das Spiel deutlich mehr als die erzählte Einzelspieler-Kampagne. Neben handgefertigten Gefechtskarten existiert ein Endlosmodus mit prozedural erzeugten Landschaften und immer gefährlicheren Angriffswellen. Hinzu kommt ein Karteneditor. Wer sich vor allem für das Bausystem interessiert, kann sich zudem im Sandbox-Modus austoben. Gerade diese alternativen Spielweisen sind wichtig, weil die kreative Konstruktion eigener Festungen langfristig stärker motiviert als die eigentliche Geschichte. Auch PC-Gamer sah die zusätzlichen Modi als entscheidend für die längerfristige Beschäftigung mit dem Titel.

Die große Freiheit besitzt allerdings ihren Preis. Wer jede Treppe, Plattform und Mauer selbst zusammensetzt, verbringt entsprechend viel Zeit mit dem Bau. Gerade umfangreiche Festungen können dadurch zur Geduldsprobe werden. Dass inzwischen ganze Konstruktionen recycelt und beschädigte Bereiche komfortabler wiederaufgebaut werden können, entschärft dieses Problem deutlich. Trotzdem richtet sich «Cataclismo» eher an Spieler, die Freude daran haben, an ihren Verteidigungsanlagen zu tüfteln, als an Menschen, die möglichst schnell die nächste Schlacht erleben möchten.

Die Mischung erinnert an verschiedene bekannte Strategiespiele, ohne wie eine einfache Kopie zu wirken. Der Tag-Nacht-Rhythmus und die heranstürmenden Gegnerhorden lassen an «They Are Billions» denken, klassische Echtzeitstrategie steckt in Ressourcenverwaltung und Truppenführung, während das modulare Bausystem beinahe wie ein digitales LEGO-Set funktioniert. Gerade diese letzte Komponente sorgt dafür, dass «Cataclismo» eine eigene Identität besitzt.

Digital Sun hat damit aus einer eigentlich simplen Tower-Defense-Idee ein bemerkenswert kreatives Strategiespiel gebaut. Die größte Freude entsteht nicht unbedingt dadurch, eine Angriffswelle zu besiegen. Sie entsteht bereits einige Minuten vorher, wenn aus einigen Holz- und Steinblöcken langsam eine gewaltige Festung wächst und man überzeugt ist, diesmal wirklich an alles gedacht zu haben. Wenn die Horrors anschließend doch irgendwo durchbrechen, bleibt wenigstens eine Erkenntnis: Die nächste Burg wird besser. Stein für Stein.
14.09.2026 12:06 Uhr  •  Benjamin Wagner Kurz-URL: qmde.de/174786