«Selling Sex»-Macherinnen: 'Es kann freiwillig sein und es kann Spaß machen'
Mit «Selling Sex» wollen Marie C. König und Miriam Dehne die übliche Opferperspektive auf Sexarbeit verlassen. Im Interview sprechen sie über Escort als selbstbestimmte Arbeit, den Female Gaze, eigene Erfahrungen aus der Branche und darüber, warum die Serie weder moralisieren noch glorifizieren soll.
«Selling Sex» erzählt von Sexarbeit aus einer Perspektive, die im deutschen Fernsehen bislang kaum zu sehen war. Wann war Ihnen klar, dass genau jetzt der richtige Zeitpunkt für eine solche Serie ist?
Marie C. König: Die Idee dazu kam von den Produzentinnen Estella Suplit und Pauline Striebeck (Mia Wallace) schon im Sommer 2021- also vor 5 Jahren. „Damals“ war der Zeitpunkt schon gut, da das Thema mehr in den öffentlichen Diskurs kam und es noch keine deutschsprachige Serie gab, die sich mit dem Thema auseinandergesetzt hatte. In der Zwischenzeit gab es ja den tollen Oscar-Erfolg mit Anora und auch im DACH-Raum-Formate mit dem Thema Sexarbeit. Wir können uns also in ein kleines gemachtes Bett setzen und eine Perspektive auf Escort beisteuern.
Miriam Dehne: Dass es eine Offenheit gibt und einen anderen Umgang mit Sexwork sieht man auch bei Social Media. Influencerinnen wie Leah, eine spicy Pooldancerin, die unter dem Account @mitternachtsballerina sehr offen gegen die Stigmatisierung angeht. So kommt Sexwork in den Medien aus der Opfer - Erzählperspektive heraus. Uns war sehr wichtig aus einer weiblichen Perspektive zu erzählen.
Vor 27 Jahren sendete Sat.1 «Die rote Meile» und hatte damit über vier Millionen Zuschauer. Wie unterscheidet sich die Serie vom damaligen Privatfernsehen?
Marie C. König: Die Sendung kenne ich nicht, da war ich noch ein Kind.
Miriam Dehne: Ich habe damals schon für «Liebe Sünde» gedreht. Sat.1 und ProSieben haben um die 2000er herum einige gute Eigenproduktionen gemacht. Ich erinnere mich, dass die «Rote Meile» und auch «Der König von Sankt Pauli» typische Rotlichtmilieu-Stories waren. Sexwork war in filmischen Darstellungen eigentlich immer damit verbunden. In diesen Serien wurde das Milieu auch romantisiert, die ein bisschen „piefige“ Kiez-Family als Schutz vor rivalisierenden, bösen Männern. In der zweiten Staffel hieß es dann «Club der starken Frauen» – weil der Boss gestorben ist, und war tatsächlich auf Female Empowerment angelegt. Interessant: Als Regie war eine Frau dabei Ariane Zeller mit sechs Folgen (immerhin - von 39 Folgen glaube ich). Die größte Unterscheidung ist: Bei uns sind es selbstständige, wilde Frauen, die ihr Ding durchziehen und nicht in einem Umfeld mit Tradition „gefangen“ sind. Die Männer sind bei uns nicht Antagonisten und böse. Wir sind ein female Team mit authentischem Wissen, worum es geht.
Die Serie stellt die Frage, ob Sexarbeit für manche Frauen auch eine selbstbestimmte Entscheidung sein kann. Wie schwierig war es, dieses Spannungsfeld zwischen Empowerment und den offensichtlichen Risiken glaubwürdig abzubilden?
Marie C. König: Da ich selber zehn Jahre als Escort gearbeitet habe, vor und hinter den Kulissen in verschiedensten Agenturen und als Independent, stellte sich die Frage nach Glaubwürdigkeit nicht. Alle Figuren und alle Geschichten basieren auf echten Personen und echten Geschichten. Die offensichtlichen Risiken werden auch in der Serie thematisiert, aber nicht auf Zwang dramatisiert. Wir haben, trotz der gewollten Künstlichkeit der Serie, immer aus den Geschichten selber gedacht und dann geguckt, wo wir die Spannungsfelder abbilden.
Viele Filme über Sexarbeit erzählen vor allem Opfergeschichten. Warum war es Ihnen wichtig, bewusst einen anderen Blick auf das Milieu zu werfen?
Marie C. König: Escort hat wenig mit dem „Milieu“ zu tun; auch wenn die Grenzen manchmal fließend scheinen, sind die Unterschiede doch groß. Es war uns wichtig keine Opfergeschichte zu zeigen, weil es ein Teil der Wahrheit ist (ein Teil, der sich natürlich dramaturgisch schlechter ausschlachten lässt, weil die Fallhöhe kleiner ist) und Sexarbeit nicht immer mit einem Opferstatus einhergeht. Auch wenn Escort der kleinste und privilegierteste Anteil der Sexarbeit ist, gibt es ihn- und ihn ihm Freude und Selbstbestimmtheit.
Miriam Dehne: Eigenartigerweise fühlen sich beim Thema Sexarbeit ausgerechnet Menschen, die keine Sexworker:innen sind, berufen, sich politisch einzusetzen und zu urteilen. Nur ein Beispiel: Von der Regierung wurde zur Verabschiedung eines neuen Prostitutionsgesetzes eine beratende Kommission zusammengestellt, ohne eine einzige Sexworker:in (nachzulesen beim a href=https://berufsverband-sexarbeit.de>Berufsverband Sexarbeit). Das ist entmündigend und auch etwas arrogant.
Nelly betrachtet Escort fast wie ein wirtschaftliches Geschäftsmodell und analysiert ihre Erfahrungen sogar wissenschaftlich. Welche gesellschaftlichen Fragen wollten Sie über diese ungewöhnliche Hauptfigur stellen?
Miriam Dehne: Dass Sexarbeit lukrativ sein kann, ist Teil der Realität und eine zentralen ökonomischen Motivation. «Selling Sex» fragt: Was passiert, wenn eine junge Frau merkt, dass ihr Körper, ihre Präsenz, ihre Performance und ihre Grenzen plötzlich einen Marktwert haben — und dass dieser Marktwert höher sein kann als in vielen sogenannten respektablen Jobs?
Und wer ist es, der entscheidet, wann ein Job respektabel ist oder nicht? Eine Transformation hin zu mehr Online-basierten, selbstbestimmten Arbeitsformen wird als zentraler Trend für die Zukunft beschrieben. Sexwork ist ein riesiger Markt, Hier werden jährliche Wachstumsraten von (CAGR) prognostiziert von 17 Prozent. Für Adult Entertainment z. B. geht es dabei um 706 Mrd. Dollar (2034). Nelly schreibt in ihrer Masterarbeit (Folge 6): Warte nicht auf die Erlaubnis, an einer Wirtschaft teilzunehmen, die nie für dich gemacht wurde. Genau das ist das Thema.
Marie C. König: Die Fragen, die sich alle jungen Menschen (im Kapitalismus) stellen: Was erfüllt mich? Was bringt mich weiter? Was bedeutet Arbeit? Und die allerprofanste: Wie verdiene ich Geld (mit dem, was ich anbieten kann)?
Die Serie verbindet Erotik, Humor, Drama und Gesellschaftskritik. Wie schwierig war es, die richtige Balance zu finden, ohne ins Moralisierende oder Voyeuristische abzurutschen?
Marie C. König: Da unsere persönlichen und künstlerischen Haltungen nicht an Moral, oder Voyeurismus interessiert sind, bestand diese Gefahr eigentlich ohnehin nicht wirklich. Natürlich haben wir uns trotzdem in den Entwicklungsprozessen und in der Auflösung immer wieder hinterfragt, ob wir dem treu bleiben.
Miriam Dehne: Wir haben im Writer’s Room, zusammen mit der dritten Autorin im Bund, Hannah Schopf, viel diskutiert. Aber in Voyeurismus und Moral abzurutschen, diese Gefahr bestand nie.
Marie C. König bringt eigene Erfahrungen aus der Escort-Branche mit, Miriam Dehne beschäftigt sich seit vielen Jahren filmisch mit Sexarbeit. Wie sehr hat dieses persönliche Wissen die Entwicklung der Serie geprägt?
Marie C. König: Sie sind untrennbar miteinander verknüpft.
Miriam Dehne: Uns kann man nicht sagen: Tse, tse, also, so ist das doch gar nicht …
Sie beschreiben die Serie als einen Blick von innen statt einen Blick auf das Milieu. Wie verändert dieser Perspektivwechsel die Art, wie Zuschauerinnen und Zuschauer Sexarbeit erleben?
Miriam Dehne: Es kann freiwillig sein und es kann Spaß machen.
Marie C. König: Hoffentlich schafft der Blick einen weiteren Schritt in Richtung Entstigmatisierung.
In Ihrer Regie- und Produzenten-Note sprechen Sie vom „Female Gaze“. Wie unterscheidet sich dieser Blick konkret von klassischen Darstellungen, die man aus Film und Fernsehen kennt?
Marie C. König: Der Female Gaze erzählt von innen heraus, nicht von außen drauf. Natürlich haben wir auch mit diesem Blick gespielt und sind teilweise bewusst in den männlichen Blick gewechselt, um Situationen aufzuladen, um sie dann brechen zu können.
Miriam Dehne: Female Gaze ist eine Haltung, die sich unweigerlich in der Bildsprache widerspiegelt. Emotionen haben Vorrang vor Aktion, die Erweiterbarkeit des Blicks also ein Verhindern von Anstarren schafft die Perspektive, "dabei" zu sein, anstatt die Erfahrungen der Figur zu übersehen. Dabei gilt es Gleichberechtigung zu erreichen, wenn Frauen und eben auch Männer sich frei zwischen der Position des Subjekts und des Objekts bewegen können, und niemand zum Objekt gemacht wird. Aber das heißt nicht, dass es nicht auch Hot sein kann!
Visuell soll «Selling Sex» glamourös, geheimnisvoll und gleichzeitig emotional realistisch wirken. Wie entstand diese Bildsprache und welche Rolle spielte dabei die Ästhetik moderner Serien wie «Euphoria»?
Marie C. König: Eine große Rolle - die Ästhetik von „Euphoria“ war bereits im ersten Regiekonzept von Miriam abgebildet. Die Bildsprache zu entwickeln ist eines der Dinge, die mir am meisten Spaß machen. Wir haben Bilder, Fotografien, alles Visuelle gesammelt, das uns gefallen und interessiert hat und dann setzt man die vielen Mosaike mit der Geschichte zusammen und entscheidet, wie es funktionieren soll.
Miriam Dehne: Emotionaler Realismus ist unsere Bildsprache. Die Emotion der Charaktere hat den stärksten Einfluss auf die Bildgestaltung und beeinflusset die Umgebung. Dazu gehören bewegte Kamera, lange Takes, ein dynamisches Licht, deutliche Farben und hyperrealistische Bilder. Der Look von Euphoria wurde zu einem großen Teil von Motiven der jungen Fotografin Petra Collins beeinflusst, die uns wiederum auch inspiriert hat. Dazu kamen die erotischen Arbeiten der Künstlerin Marilyn Minter, die z.B. sagt: I think the hardest thing for women is to eliminate shame. I always say that nobody has politically correct fantasies, and it's time for women to be the agent of images that give them pleasure and amusement. (Ich glaube, das Schwierigste für Frauen ist es, Schamgefühle zu überwinden. Ich sage immer, dass niemand politisch korrekte Fantasien hat, und es ist an der Zeit, dass Frauen selbst die Gestalterinnen von Bildern werden, die ihnen Freude und Vergnügen bereiten). Das Gewerbe wird nicht glorifiziert, aber einordbar gemacht, indem man nah bei den Personen bleibt und ihr Leben mit einem filmischen Glow umgibt, der den Zuschauer:innen das Gefühl gibt, etwas anderes, Geheimnisvolles zu sehen. Jedes Bild hat ein Geheimnis.
Die Serie zeigt ganz unterschiedliche Figuren – von erfahrenen Escorts über Callboys bis hin zu einer trans Frau. Warum war Ihnen diese Vielfalt innerhalb der Branche so wichtig?
Marie C. König: Diese Vielfalt ist Realität. Wir haben nichts dazuerfunden, um auf Krampf divers zu sein. Jede Figur basiert wie gesagt auf mindestens einer echten Person.
Miriam Dehne: Zum Beispiel die Story um den Charakter Bonnie, Nellys bester Freundin, basiert die erotische Story auf Erlebtem von Hannah Schopf, unserer Co-Autorin.
«Selling Sex» verzichtet bewusst auf einfache Antworten. Gab es während der Entwicklung Diskussionen darüber, wie weit man bei bestimmten Themen oder Szenen gehen kann?
Marie C. König: Es ging immer darum, die Antworten möglichst offen zu lassen, da es eine eindeutige, allumfassende Wahrheit nicht gibt. Diskussionen darüber, wie weit man gehen darf, gab es in dem Sinne nicht. Was die Sexszenen betrifft - da gibt es natürlich konkrete Vorgaben vom Sender und der FSK.
Miriam Dehne: Ja, was man sehen darf und was nicht. Auch gibt es Boundaries der Schauspieler:innen. Ich persönlich finde Nacktheit z.B. gar nicht so vorrangig, mir geht es darum, Leidenschaft oder eine erotische Spannung zu zeigen. Da kann man trotz FSK sehr weit gehen. Wir hatten eine tolle Intimacy Coordinatorin Philine Janssen am Set.
Die Geschichte stellt immer wieder die Frage: Was wird eigentlich verkauft – der Körper, Zeit, Aufmerksamkeit oder vielleicht sogar eine inszenierte Persönlichkeit? Hat sich Ihre eigene Antwort darauf während der Arbeit an der Serie verändert?
Marie C. König: Nein, ich habe durch die Arbeit an der Serie keine neuen Erkenntnisse über Escort und Sexkauf/verkauf erlangt. Als wir in die Drehbücher gingen, war meine Zeit als Escort und damit meine Meinung darüber, abgeschlossen. Die Antwort: man verkauft bei jeder Arbeit auf dieser Welt in irgendeiner Form seinen Körper, Zeit und Aufmerksamkeit. Was Escort da wesentlich unterscheidet, ist diese inszenierte Persönlichkeit, die das Gefühl von Nähe vermittelt. Die Illusion eines Dates, einer Verführung. Man verkauft seine süßesten, zurechtgemachten Softskills im sozialen Umgang.
Mit nur sechs Folgen erzählen Sie einen sehr dichten Entwicklungsprozess. Welche Geschichte oder Figur fiel Ihnen besonders schwer, zugunsten der Dramaturgie außen vor zu lassen?
Marie C. König: Wir hingen immer sehr an Dolly und hätten ihr gerne noch mehr Raum für ihre Geschichte gegeben.
Miriam Dehne: Ja, Dolly (Sasha Maria von Halbach), Transgender-Lady, kam zu kurz. Sie ist sehr authentisch und hat ihre eigenen Erfahrungen eingebracht. Sie hat selbst Jahre als Domina gearbeitet und ist die Einzige im Cast, die nicht Schauspielerin ist. Aber als Sasha beim Casting war, wussten wir sofort: Sie ist Dolly. Wir hatten sie erst als Beraterin für den Writer’s Room engagiert und daraus entstand ihre Figur.
Danke für das spannende Interview!
«Selling Sex» ist ab 28. August in der ARD Mediathek zum Abruf bereit. Das Erste strahlt die Serie am 28. August ab 23.50 Uhr aus.