Klaus Steinbacher: ‚Ein bisschen Zuversicht können wir heute gut gebrauchen‘
In «München Beats» treffen die Aufbruchsstimmung der 1990er-Jahre, Techno-Kultur und familiäre Erwartungen aufeinander. Klaus Steinbacher spricht über kulturelle Freiräume, die Zusammenarbeit mit Tobias Moretti und Sophie von Kessel und darüber, warum die Geschichte auch heute erstaunlich aktuell ist.
Herr Steinbacher, «München Beats» spielt in einer Zeit des Umbruchs zwischen Dorfleben, Industriekrise und Techno-Kultur. Was hat Sie an dieser Mischung besonders gereizt?
Mich hat fasziniert, wie die Serie die unterschiedliche Themen miteinander verbindet. Diese Mischung macht die Geschichte lebendig. Und es geht dabei nicht nur um eine bestimmte Zeit, sondern um die Menschen, die ihren Platz in einer sich verändernden Welt suchen.
Ihr Charakter Marius stellt sich gegen die Pläne seines Vaters und kämpft für einen Kulturort statt eines Immobilienprojekts. Was treibt ihn dabei an?
Marius möchte etwas Eigenes schaffen. Er ist in einer sehr erfolgreichen Unternehmerfamilie aufgewachsen und hat das Gefühl, sich beweisen zu müssen. Mit dem Vorhaben, aus der alten Fabrik des Vaters einen Ort für Partys, Kunst und Begegnung zu machen, kann er endlich für etwas einstehen, das wirklich seinen eigenen Überzeugungen entspricht. Es geht ihm eben nicht nur um den größtmöglichen Erfolg, sondern um die Frage, welche Zukunft er selbst gestalten möchte.
Die Serie spielt in den 1990er-Jahren, als Techno für viele Menschen ein Symbol von Freiheit und Aufbruch war. Welche Erinnerungen oder Bilder verbinden Sie persönlich mit dieser Zeit?
Ich war damals selbst noch ein Kind und kenne die 90er vor allem aus Erzählungen, Filmen und Büchern. Was mich an dieser Zeit fasziniert, ist die Aufbruchsstimmung, die den 90ern oft rückblickend zugeteilt wird. Dieses Lebensgefühl Lind die Zuversicht spielen auch in unserer Serie eine wichtige Rolle.
Marius stammt aus einer wohlhabenden Unternehmerfamilie, sucht aber seinen eigenen Weg. Wie groß ist der Konflikt zwischen familiären Erwartungen und persönlicher Überzeugung?
Er liebt seine Familie und möchte von seinen Eltern gesehen werden. Gleichzeitig spürt er, dass er nicht einfach den vom Vater vorgegebenen Weg gehen will. Er versucht, seinen eigenen Platz zu finden, möchte die Verbindung zu seiner Familie aber nicht verlieren. Genau dieses Spannungsfeld macht die Figur für mich besonders.
Im Zentrum steht die Idee, aus einer alten Fabrik einen Ort für Kunst, Musik und Gemeinschaft zu machen. Warum berührt dieses Thema auch heute noch?
Weil Menschen solche Orte brauchen - Orte, an denen unterschiedliche Menschen zusammenkommen und etwas Gemeinsames schaffen. Und sei es „nur", dass sie
gemeinsam Party machen. Es stellt sich immer wieder die Frage, welchen Raum wir Kunst, Kultur und Begegnung geben wollen. Deshalb fühlt sich die Geschichte auch heute sehr aktuell an. • •
Die Beziehung zwischen Marius und seinem Vater Theo scheint ein Kern der Geschichte zu sein. Wie würden Sie dieses Vater-Sohn-Verhältnis beschreiben?
Es ist eine Beziehung voller Missverständnisse, aber auch Liebe. Theo stellt hohe Erwartungen an seinen Sohn und möchte ihn auf seine Weise auf das Leben vorbereiten. Gleichzeitig gelingt es ihm nicht, Marius die nötige Sicherheit und Anerkennung zu geben. Beide wollen eigentlich zueinander finden, sprechen aber oft unterschiedliche Sprachen.
Tobias Moretti und Sophie von Kessel spielen Ihre Eltern. Wie war die Zusammenarbeit mit diesen erfahrenen Schauspielkollegen?
Es war ein Geschenk, mit Sophie und Tobias zu arbeiten. Schon die Leseprobe mit den beiden habe ich sehr genossen. Sie haben eine große Offenheit für die gemeinsame Arbeit und es hat mir Spaß gemacht, zusammen so manche Szene zu „knacken". Ich habe mich immer ernst genommen gefühlt und konnte viel beobachten und lernen.
Die Serie verbindet Liebesgeschichte, Familiendrama und Zeitporträt. Was macht «München Beats» aus Ihrer Sicht besonders?
Die Serie erzählt von gesellschaftlichen Veränderungen, verliert dabei aber nie die Menschen aus dem Blick. Es gibt viele phantastische Nebenfiguren, von denen ich beim Zuschauen gar nicht genug sehen konnte. Und dann ist da noch unsere Hauptfigur Linda. Gespielt von der großartigen Jule Hermann, strahlt diese Figur eine solche Lebensfreude aus, dass es ansteckend ist.
Marius verliebt sich ausgerechnet in Linda, die aus einer ganz anderen Welt kommt. Was fasziniert ihn an ihr?
Marius bewundert ihre Leidenschaft und ihre Entschlossenheit. Linda weiß sehr genau, was sie will, und verfolgt ihren Traum mit großer Konsequenz. Diese Entschiedenheit beeindruckt ihn. Gleichzeitig entwickeln die beiden eine gemeinsame Vision, für die sie bereit sind, alles zu geben. Das verbindet sie auf eine besondere Weise.
Techno war in den 1990er-Jahren mehr als Musik - für viele war es eine Lebenseinstellung. Wie wichtig ist dieser kulturelle Hintergrund für die Serie?
Er ist wichtig, weil er für den Geist dieser Zeit steht. Techno war nicht nur Musik, sondern Ausdruck eines Lebensgefühls. Es ging um Freiheit, Gemeinschaft und
darum, neue Räume zu schaffen. Genau diese Themen spiegeln sich auch in der Geschichte unserer Figuren wider.
Mussten Sie sich für die Rolle mit der damaligen Club- und Technoszene beschäftigen? Welche Entdeckungen haben Sie dabei gemacht?
Besonders beeindruckt hat mich die. Geschichte der Münchner Clubszene und der Menschen, die sie geprägt haben. Je mehr ich darüber erfahren habe, desto mehr habe ich verstanden, mit welcher Energie und Leidenschaft damals neue kulturelle Räume entstanden sind. Man spürt, dass dort Menschen am Werk waren, die an ihre Ideen geglaubt haben. Wolfgang Nöth war so ein Mensch und die fiktive Figur Harald Prell - verkörpert vom wunderbaren Tim Seyfi - erzählt in unserer Serie zum Teil auch seine Geschichte. Nöth hat das Ultraschall am ehemaligen Flughafen Riem ins Leben gerufen und danach den Kunstpark Ost mit aufgebaut. Ich bin mir sicher, er war eine sehr umtriebige und spannende Persönlichkeit und ich hätte gerne mal in einem seiner Clubs gefeiert.
Viele junge Menschen suchen auch heute nach Freiräumen für Kultur und Kreativität. Macht das «München Beats» zu einer überraschend aktuellen Serie?
Absolut. Obwohl die Serie in den 90ern spielt, beschäftigt sie sich mit Fragen, die heute genauso relevant sind. Wo finden junge Menschen Raum für Kreativität und Partys? Wie können solche Orte erhalten oder neu geschaffen werden? Das sind Themen, die uns heute wieder, oder immer noch begleiten.
Die Serie erzählt von Menschen, die gegen wirtschaftliche Zwänge und gesellschaftliche Erwartungen ankämpfen. Ist das für Sie der eigentliche Kern der Geschichte?
Viele Figuren in «München Beats» stehen vor der Entscheidung, ob sie den einfachen öder den für sie richtigen Weg gehen. Es geht um Mut und darum, für etwas einzustehen, an das man glaubt. Das macht die Geschichte zeitlos.
Gedreht wurde in und um München. Wie stark prägt die Stadt die Atmosphäre der Serie?
München ist in diesem Fall mehr als nur Kulisse. In dieser Stadt treffen Tradition und Moderne, Wirtschaft und Kultur, Stadt und Umland vielleicht spürbarer aufeinander als anderswo. Dass ausgerechnet in dieser Stadt in den 90ern das größte Techno-Party-Areal Europas war, finde ich wirklich lustig.
Wenn Zuschauer nach vier Folgen etwas über die 1990er-Jahre mitnehmen sollen: Was würden Sie sich wünschen, dass sie über diese Zeit und ihren besonderen Geist verstehen?
Ich würde mir wünschen, dass sich die Aufbruchsstimmung der Zeit und unserer Figuren transportiert. Dieses Gefühl, dass positive Veränderungen möglich sind. Ein bisschen Zuversicht und den Mut, unsere Zukunft selbst mitzugestalten, das können wir heute gut gebrauchen.
Danke für Ihre Zeit!
«München Beats» ist seit 7. August in der ZDFmediathek abrufbar. Die lineare Ausstrahlung erfolgt am Mittwoch, 26. August, und Donnerstag, 27. August, jeweils um 20.15 Uhr.