Ines Reinisch: ‚Wenn die Wissenschaft nicht gehört wird, haben wir ein massives Problem‘
Mit «Salz und Wasser» begleitet Regisseurin und Kamerafrau Ines Reinisch eine Forschungsexpedition mit der „Polarstern“ in die Ostantarktis. Im Quotenmeter-Interview spricht sie über die gewaltigen Dimensionen des Eisschilds, die Menschen hinter der Klimaforschung und darüber, warum ihr Film nicht mit Alarmismus, sondern mit Beobachtung, Nähe und Verantwortung arbeitet.
Frau Reinisch, die Antarktis gilt für viele Menschen als einer der letzten wirklich unerreichbaren Orte der Erde. Was hat Sie persönlich an dieser Expedition am meisten gereizt?
Sicherlich war es die Kombination aus wissenschaftlicher Arbeit, dem Schiff, der legendären Polarstern, und der Ferne des Antarktischen Kontinents. Ich habe bereits einige Zeit in arktischen Gebieten verbracht und war somit sehr neugierig, wie es auf der anderen Seite der Erde aussieht. Das Eis, das Licht, die Tierwelt, die Temperaturen, wie ist es, vor Ort zu sein? Zumal es in die Ostantarktis ging. Sie ist das größte Eisschild der Welt. Dabei stelle man sich einmal komplett Australien vor und darauf vier Kilometer dickes Eis. Das ist die Ostantarktis, gigantisch.
Allerdings führte diese Expedition nicht nur in das Eis, sondern – und das fand ich besonders spannend – auch mitten auf den Südlichen Ozean in die wohl stürmischsten Breiten unserer Erde. Hier verläuft der Antarktische Zirkumpolarstrom, ein gewaltiger Meeresstrom, der stärkste auf unserem Planeten, um den kein Wassertropfen dieser Welt vorbeikommt. Alle verschiedenen Wassermassen dieser Erde sind dort zu finden. Wenn sich der Antarktische Zirkumpolarstrom in Warmzeiten südwärts verlagert, kann dann warmes Wasser aus dem Norden die ostantarktische Küste erreichen und dort eine gefährliche Schmelze der massiven Gletscher auslösen. Wenn die Ostantarktis komplett schmelzen würde, würde das einen globalen Meeresspiegelanstieg von bis zu 52 Metern bedeuten. Entsprechend wichtig ist es, sich intensiv mit den Veränderungen des Antarktischen Zirkumpolarstroms zu beschäftigen und zu untersuchen, wie sich diese Veränderungen auf die Ostantarktis, ihr Ökosystem sowie global auswirken. Dieser ganzheitliche Blick der EASI-2-Forschungsexpedition hat mich sehr interessiert. Zudem wollte ich wissen, was die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler antreibt, sich diesen komplexen Fragestellungen zu stellen und wie sie persönlich mit dem Wissen umgehen, welches sie durch ihre akribische Arbeit erlangen.
Eine weitere sehr große Motivation für diese Expedition war die Schiffsbesatzung der Polarstern. Mein Vater ist zur See gefahren, ebenso meine beiden Großväter und bis heute arbeiten einige Familienmitglieder im direkten Seefahrtkontext. In meiner Recherche zu «Salz und Wasser» ist mir aufgefallen, dass die Schiffsbesatzung der Polarstern in den bisherigen Filmen kaum eine Rolle spielt. Dabei ist sie es, die das Schiff und alles darauf am Laufen hält. Ohne die Schiffsbesatzung würde Polarstern weder den Hafen von Bremerhaven verlassen noch überhaupt die polaren Gebiete erreichen können. Ohne sie wäre es nicht möglich, wichtige Daten aus den extremen Polarregionen unserer Erde zu erhalten, die für die Klimaforschung und damit auch für uns alle extrem relevant sind. Die Schiffsbesatzung fährt ja nicht nur auf eine Expedition, sondern für sie sind diese Expeditionen auf Polarstern jahrelanger Berufsalltag. Was sind das für Menschen und was ist ihnen wichtig? Was bedeutet es, auf diesem besonderen Schiff zu arbeiten? Wie nehmen sie persönlich über all die Jahre die Veränderungen in den polaren Regionen wahr? Das hat mich sehr interessiert.
Sie waren nicht nur Regisseurin, sondern auch Kamerafrau des Films «Salz und Wasser». Wie verändert das den Blick auf eine Geschichte, wenn man gleichzeitig erzählt und filmt?
Bisher habe ich nahezu immer gleichzeitig Regie und Kamera geführt und das gefällt mir auch sehr gut so. Man ist sehr nah am Geschehen dran und spürt bereits während der Kameraarbeit nach, wie sich der Film später anfühlen könnte. Zudem weiß ich bereits während der Regieführung, wie nah ich in den jeweiligen Momenten meinen Protagonistinnen und Protagonisten sowie der Szenerie sein möchte und kann dementsprechend die Kameraführung darauf einstellen. Jede Kameraeinstellung ist der Ausdruck eines Gedankens, also von etwas, was ich in dem Film vermitteln möchte. Deswegen geht für mich beides sehr gut Hand in Hand.
Die „Polarstern“ ist eine Legende der deutschen Forschung. Welche Bedeutung hatte dieses Schiff für die Dramaturgie Ihres Films?
Das Schiff dürfte eines der sehr wenigen sein, das in unserem Land wie auch international bekannt ist. Zudem werden mit Polarstern viele Emotionen wie Sehnsucht, Abenteuer und die Ernsthaftigkeit der wissenschaftlichen Arbeit verbunden. Wer sich mit Schifffahrt beschäftigt, weiß, was für ein besonderes und komplexes Schiff Polarstern ist. Als Forschungseisbrecher kann sie einerseits in die extremen polaren Gebiete fahren, andererseits durchfährt sie bei ihren Transitfahrten ebenso die Tropen. Ihr Einsatzbereich umfasst also alle Klimazonen auf dieser Erde, was sehr untypisch für einen Eisbrecher ist. Gleichzeitig muss sie besonders seegängig sein, um den Seegang auf dem offenen Ozean und entlang der Küsten zu trotzen. Außerdem versorgt sie die deutsche Forschungsstation Neumayer III in der Antarktis mit Kraftstoff und Proviant. Kräne, Winden, Labore, Kühlräume und noch vieles mehr stehen der Wissenschaft an Bord zur Verfügung, damit diese ihrer Arbeit nachgehen können. An Bord hatten wir das absolute Privileg, in Bereichen von Polarstern zu filmen, wo bisher noch kein Filmteam war. Allein deswegen lohnt es sich schon, «Salz und Wasser» im Kino anzuschauen, sie ist einfach ein sehr faszinierendes Schiff!
Wenn sie im Einsatz ist, leben für viele Wochen über 90 Menschen auf diesen 118 Metern Länge und 25 Metern Breite, mit allem, was dazu gehört. In jeglicher Form ist sie ein Mikrokosmos. Hier arbeiten verschiedenste Menschen mit unterschiedlichen Biographien, Hintergründen, Perspektiven und Verantwortungsbereichen zusammen, mit dem Ziel, dass ihre Expedition ein Erfolg wird und alle lebend wieder nach Hause kommen. Das kann man durchaus als Metapher für unseren Planeten sehen. Wir sitzen alle im selben Boot. Polarstern ist ein sehr sicheres Schiff, aber nicht unverwundbar. Die Sicherheit des Schiffes beruht auf dem sehr hohen Verantwortungsbewusstsein, dem Fachwissen, der Zusammenarbeit und Entscheidungskraft der Menschen, die auf und mit diesem Schiff arbeiten. Ihnen allen ist bewusst, dass ihre Entscheidungen ganz eindeutige Konsequenzen für die Sicherheit des Schiffes haben und sie die dabei gegebenen Grenzen nicht überschreiten dürfen, damit die Sicherheit für alle bewahrt bleibt. Als Menschheit haben wir bereits einen Großteil unserer planetarischen Grenzen überschritten und damit die Sicherheit unseres Planeten gefährdet. Wir wissen um die Konsequenzen und erleben sie bereits. Wenn wir unsere Verantwortung ernstnehmen und unsere Entschlusskraft für die Sicherheit des Lebens auf unserem Planeten einsetzen würden, wären wir schon einen großen Schritt weiter.
Im Mittelpunkt stehen Wissenschaftlerinnen, Wissenschaftler und die Schiffsbesatzung. Warum war es Ihnen wichtig zu zeigen, dass Forschung in der Antarktis immer Teamarbeit ist?
Wissenschaftlich zu arbeiten, bedeutet immer Teamarbeit. Denn auch, wenn die Hauptlast der Forschungsarbeit auf den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern liegt, sind es auch die vielen weiteren Menschen unterschiedlichster Disziplinen, die diese wissenschaftliche Arbeit ermöglichen. Beispielsweise die Personen, die in den Laboren arbeiten, die die Geräte warten und bedienen oder die sich um die gesamte Forschungsinfrastruktur kümmern. Sie alle arbeiten gemeinsam an dem Ziel, möglichst genaue Daten zu erhalten, um damit präzise Forschungsergebnisse zu erzielen.
In der Antarktis nimmt diese Teamarbeit nochmal ganz besondere Formen an, da die Sicherheit an Bord und während der Forschungsarbeiten auf dem antarktischen Kontinent an oberster Stelle steht. So weit von jeglicher Zivilisation entfernt kann jede unbedachte Entscheidung durchaus weitreichende Konsequenzen haben, wenn nicht sogar lebensbedrohliche Folgen nach sich ziehen. Somit liegt das Augenmerk noch viel mehr darauf, dass wirklich alle verantwortungsvoll, umsichtig und im Sinne der Gemeinschaft mit den jeweiligen Situationen und Anforderungen umgehen. Dabei liegt die Verantwortung für die Sicherheit des Schiffes und das Überleben auf den Schultern der Schiffsbesatzung, aber nochmals viel mehr beim Kapitän, in unserem Falle Kapitän Felix Lauber. Sein Wissen, seine jahrelange Erfahrung, sein Abwägungsvermögen und seine Risikoabschätzung bilden die Grundlage für alle Entscheidungen an Bord und das schließt die Entscheidung mit ein, ob aufgrund von Risikofaktoren wissenschaftliche Daten erhoben werden können oder nicht. Die Verantwortung über die präzise wissenschaftliche Arbeit liegt bei der Wissenschaft und im Speziellen bei der Expeditionsleitung, die während unserer Expedition mit viel Wissen, Menschenkenntnis, Bedacht und Zuverlässigkeit von Dr. Marcus Gutjahr übernommen wurde. Über Jahre werden diese Expeditionen von Forschungsseite aus geplant, die Forschungsfragen entwickelt, die einzusetzenden Methoden besprochen und miteinander abgestimmt, Forschungsgelder eingeworben sowie die wissenschaftlichen Teams zusammengestellt und koordiniert. An Bord von Polarstern bestimmt die Zusammenarbeit dieser beiden Welten, der Schiffsbesatzung und der Wissenschaft, den Erfolg einer Expedition. Wie Joscha aus der Decksbesatzung im Film sagt: „Wir arbeiten alle Hand in Hand hier.“ Es geht nur zusammen, und zwar umsichtig, verantwortungsvoll und mit gegenseitiger Wertschätzung. Das gilt letztendlich auch für uns alle als Weltengemeinschaft.
«Salz und Wasser» macht deutlich, dass hinter wissenschaftlichen Erkenntnissen oft jahrelange Arbeit, Geduld und persönliche Entbehrungen stehen. Hat sich Ihr Blick auf die Wissenschaft durch die Expedition verändert?
Durch mein Studium der Ökologischen Landwirtschaft an der Universität Kassel und viel filmischer Arbeit im Bereich der Wissenschaftskommunikation habe ich bereits sehr viel Kontakt mit der Forschung gehabt. Somit ist mir das naturwissenschaftliche Arbeiten alles andere als fremd. Diesbezüglich hat sich für mich nicht so viel verändert, auch nicht, welchen hohen persönlichen Einsatz die jeweiligen Forschungsarbeiten erfordern können. Was sich allerdings verändert hat, ist die Erkenntnis, welche Dimension es hat, wenn diese für uns alle wichtige wissenschaftliche Arbeit und deren Ergebnisse von der Politik und Öffentlichkeit nicht wahrgenommen werden.
Die Polar- und Meeresforschung liefert sehr wichtige Daten und Ergebnisse für die Klimaforschung, welche wiederum für andere Bereiche von großer Bedeutung sind. Beispielsweise müssen wir essen, um zu überleben und hierfür brauchen wir verlässliche Handlungsmöglichkeiten, um unsere Ernährung zu sichern. In der Ökolandbauforschung werden in direkter Zusammenarbeit mit der ökolandwirtschaftlichen Praxis Methoden entwickelt, die es uns ermöglichen, trotz der veränderten Klimabedingungen Nahrungsmittel zu erzeugen, ohne dabei die Ökosysteme noch weiter zu schädigen, sondern sie vielmehr aufzubauen, ihre Vielfalt zu stützen und zu stärken. Allerdings ist die Ökolandbauforschung massiv unterfinanziert, obwohl das dort generierte Wissen und die daraus entwickelten Handlungsmöglichkeiten die Punkte sind, die langfristig unser Überleben sichern können.
Auf der Polarstern-Expedition wurden „nur“ die Proben für die anschließende, intensive und mitunter jahrelange Auswertung in den verschiedenen, internationalen Forschungsinstitution an Land gesammelt. Aber dieses mit einer unglaublichen Akribie und einem mit sehr hohem Verantwortungsbewusstsein von jeder Person an Bord. Auch von diesen Daten und den daraus entstehenden Forschungsergebnissen hängt die Präzision unserer Entscheidungsmöglichkeiten und damit unsere aller Zukunft ab.
Wenn die Wissenschaft nicht gehört wird, weder von der Politik noch von der Öffentlichkeit, haben wir ein massives Problem. Und wie groß dieses Problem ist, hat mir der ostantarktische Denman-Gletscher mehr als vor Augen geführt. Diese Dimension erschlägt einen.
Die Ostantarktis wirkt auf den ersten Blick wie eine lebensfeindliche Eiswüste. Welche Momente haben Ihnen gezeigt, dass dort trotzdem eine faszinierende Welt existiert?
Es waren die Momente, die ich an Deck verbracht habe. Es ist unglaublich, das Leben, die Vögel, Wale, Robben und Pinguine zu sehen. Diese unfassbare Fülle an Farben und Formationen des Eises. Den Klang dieses sehr besonderen Ortes wahrzunehmen. Es macht einen Unterschied, ob man diese beeindruckende Szenerie durch den Sucher der Kamera sieht oder mit eigenen Augen, so, wie es Manuel so schön im Film beschreibt. Diese faszinierende Eislandschaft ist ja nur für uns lebensfeindlich. Wenn man die Tierwelt sieht, fühlt man sich als Mensch sehr klein. Was bilden wir uns ein, so viel höher als diese Geschöpfe entwickelt zu sein? Das Gegenteil ist der Fall. Diese Tiere können dort überleben. Wir nicht. Wir klammern uns an Technik und haben unseren Ursprung vergessen. Als Homo Sapiens wird man dort sehr demütig und das vollkommen zu Recht.
Der mögliche Meeresspiegelanstieg von bis zu 52 Metern gehört zu den dramatischsten Szenarien des Films. Wie gelingt es, eine solche Dimension verständlich zu machen, ohne in Alarmismus zu verfallen?
Ganz einfach: es ist wie es ist. Da braucht es keinen Alarmismus, aber vielleicht die Einsicht, dass die Menschheit etwas angestoßen hat, was ein sehr komplexes System ins Wanken gebracht hat. Der Planet wird sich sehr langfristig auf die neuen Gegebenheiten ausgelöst durch unsere hohen CO2-Emissionen in die Atmosphäre einstellen, allerdings sehr zu unserem Nachteil. Ökosysteme werden sich verändern, sich anpassen, aber ob der Mensch es soweit schafft, ist fraglich. Es ist wie es ist. Da hilft keine Panik, sondern was wir brauchen, ist Entschlusskraft, diese Aufgabe als globale Gemeinschaft in Ruhe und Frieden gemeinsam anzugehen und zu bewältigen. Nehmen wir alle unsere Verantwortung und unsere Handlungsmöglichkeiten ernst, können wir noch etwas schaffen. Ansonsten nicht.
Die Expedition beschäftigt sich mit hochkomplexen wissenschaftlichen Fragen. Wie schwierig war die Balance zwischen wissenschaftlicher Genauigkeit und einer emotionalen Kinoerzählung?
Tatsächlich war es nicht leicht, zu entscheiden, welche wissenschaftlichen Informationen in den Film mit aufgenommen und wie detailreich sie erläutert werden. Wie gewichtet man was? Wissenschaftlich hat diese EASI-2-Expedition sehr viel mehr zu bieten, als im Film zu sehen ist und es lohnt sich sehr, den finalen Expeditionsbericht unserer PS140-Ausfahrt zu lesen, der kostenlos und downloadbar online zu finden ist. Während des Filmschnitts habe ich immer wieder versucht, den Film aus der Perspektive des Publikums zu sehen und gleichzeitig meinem eigenen Gefühl zu folgen. Zudem haben Freunde von mir sehr gute Rückmeldungen darüber geben können, was funktioniert und was nicht.
Mir war von Anfang an klar, dass ich keine klassische Wissenschaftsdoku drehen und umsetzen möchte, sondern das Potential eines Kinodokumentarfilmes nutze, um Wissenschaft anders zu erzählen. Die Leinwand und der Kinoton funktioniert komplett anders als Fernsehen. Man kann dem Publikum mehr Zeit einräumen, sich wirklich in die Situation einzufinden. Die Bilder können länger stehen, denn wenn das Publikum verstanden hat, dass es sich die Bilder tatsächlich auch anschauen und sich auf der Leinwand umschauen darf, dann tut es das auch. In der Tonmischung war es mir sehr wichtig, dass das alles so klingt, wie es tatsächlich klang. Es ist die akustische Atmosphäre, die das Publikum emotional an einen Ort bringt und ihnen das Gefühl vermittelt, wo sie gerade sind. Ob auf der Brücke von Polarstern, wo es zwar sehr ruhig ist, aber irgendwo immer irgendetwas knarzt, die Lüftung, die überall auf dem Schiff zu hören ist, das massive Brummen der Schiffsmotoren im Maschinenraum, welches einen direkt durch die Knochen geht, der Klang des Eises, welches am Stahlbauch von Polarstern zerbricht, das stetige Surren der Winden auf dem Arbeitsdeck, die die verschiedenen Forschungsgeräte zum Meeresboden hinablassen oder heraufziehen. Da braucht es keine Musik. Die dafür sehr bewusst gesetzten Musiksequenzen geben dem Publikum Zeit zum Reflektieren. Wenn ich dem Publikum die Zeit und den Raum gebe, nicht nur zu verstehen, sondern auch zu fühlen, und den Zuschauerinnen und Zuschauern die Möglichkeit gebe, selber neugierig auf diese erstaunlichen Menschen zu werden, und sie dieser Neugier nachgehen, verbinden sie sich auf eine sehr persönliche, tiefe Weise mit ihnen und dem Geschehen auf der Leinwand. Somit ist meine Art, von Wissenschaft zu erzählen, sehr anders als das klassische Wissenschaftsdoku-Format und genau das war von Anfang an mein Ziel. Und es tut gut, anhand der bisherigen Rückmeldungen zu «Salz und Wasser» zu erleben, dass sich meine filmdokumentarischen Entscheidungen gelohnt haben.
Während Ihrer Reise waren Sie über Wochen auf engem Raum mit Crew und Forschenden zusammen. Welche Begegnung oder Geschichte hat Sie besonders bewegt?
Es waren sehr viele Begegnungen, die mich bewegt haben und egal, welche ich nun herausgreife, waren es noch so viele mehr. Und es waren insbesondere die Momente, mit denen ich nicht gerechnet habe, wie beispielsweise das Gespräch mit Falko von der Decksbesatzung im Windenleitstand. Das war noch ziemlich am Anfang der Expedition und es ging um die verschiedenen Arbeitsabläufe an Deck und generell das Leben als Seemann. Falko kannte mich zu diesem Zeitpunkt noch kaum. Und dann erzählte er aus dem Nichts heraus von dem Tod seiner Mutter. Er wusste, dass die Kamera lief. Als Regie musste ich weiter funktionieren, mir kamen aber direkt die Tränen. Seine Offenheit und der Schmerz haben mich tief getroffen. Ich versuchte, die Tränen vor ihm zu verbergen und ich weiß nicht, ob er es wahrgenommen hat. Wahrscheinlich schon und das ist auch ok so. Er sprach aus, was diese Menschen wirklich auf sich nehmen, um auf Polarstern zu arbeiten. Das verdient Respekt.
Der Film wurde beim Blue Water Film Festival für seine Bildgestaltung ausgezeichnet. Wie herausfordernd war es, die Schönheit und gleichzeitig die Härte der Antarktis filmisch einzufangen?
Ich hatte das Glück, für sehr viele Jahre in meinem Kommunikationsdesign-Studium von einem sehr guten Wahrnehmungspsychologen ausgebildet worden zu sein. Das, was ich von ihm lernen durfte, trägt meine Arbeit bis heute. In jeder Vorlesung sowie davor und danach beschäftigten wir uns mit der Frage, warum wir etwas gefilmt haben und was wir genau damit aussagen möchten. Wir trainierten jahrelang die direkte, präzise Analyse des Zusammenhangs von dem, was wir aussagen wollen mit dem, was wir tun. Anhand der Frage „Warum“ entscheidet sich das „Wie“. Somit ist jede Kameraeinstellung – wenn man sie ernst nimmt – eine sehr bewusste Entscheidung und Reflektion des eigenen Gedankens, der immer im filmischen Kontext steht. Dabei geht es nicht nur um die Kameraführung, sondern insbesondere auch um das, was einen Film maßgeblich bestimmt: Der Ton. Die Schönheit der Antarktis lässt sich im Bild grandios darstellen. Dieses unglaublich schöne Licht, die Weite, diese fast schon surreal anmutenden Landschaften, die aber tatsächlich auf unserem Planeten existieren. Im wahren Leben hat das, was wir sehen, aber immer auch einen Klang. Auch absolute Stille gehört dazu. Dieser Klang einer jeden Sekunde unseres Lebens bestimmt maßgeblich, was wir fühlen. Emotional können wir uns gegen akustische Eindrücke nicht wehren. Sie wirken direkt und sofort. Die Härte der Antarktis, diese Verwundbarkeit, die man als Mensch in dieser für uns lebensfeindlichen Umgebung spürt, hört man. Die Einsamkeit. Der von den rauen Oberflächen des Eises verschluckte Klang, der einen zweifellos versichert, dass dort wirklich nichts ist, was einen überleben lässt, wenn man zurückgelassen werden würde. Es war mir extrem wichtig, dass der akustische Eindruck im Film genauso ist, wie es vor Ort war. Ja, man sieht die Bilder, aber man spürt den Klang. In Kombination mit der gezeigten zeitlichen Länge des Bildes, ist das die Aussage.
Viele Dokumentarfilme über die Klimakrise arbeiten mit drastischen Bildern und Warnungen. Ihr Film setzt stärker auf Beobachtung und Staunen. War das eine bewusste Entscheidung?
Ja, auf jeden Fall. Denn letztendlich handelt «Salz und Wasser» von dem Thema der Verantwortung. Es gibt einen großen Unterschied zwischen „Verstehen“ und „Begreifen“. Das Verstehen findet sehr kognitiv, also im Kopf statt. Wie oft denken wir, „Oh ja, das habe ich jetzt verstanden!“ Eine Stunde später ist es wieder weg und man fragt sich „Wie war das jetzt nochmal?“ Das Wort „Begreifen“ sagt es eigentlich schon: Berührt man einen Gegenstand, „be-greift“ man ihn im wahrsten Sinne des Wortes und erhält damit eine weitere Informationsdimension, nämlich die, wie sich dieser Gegenstand anfühlt. Diese Information bleibt, ob es nun die gefährliche Hitze einer Herdplatte ist oder die gemütliche Wärme einer Wolldecke. Wirklich begreifen kann ich nur etwas, was ich nicht nur kognitiv, also mit dem Kopf-Verständnis aufgefasst habe, sondern wenn ich es mit einer Emotion verbinde. Bei meinen Dokumentarfilmen versuche ich, dem Publikum für das Entwickeln der eigenen Empfindungen so viel Raum wie möglich zu geben und das durch die Kombination von Bild und Ton. Dazu gehört auch, dass das Publikum eigenständig beobachten darf. Das kann es durch eine langsamere Schnittfrequenz und die Größe des Bildes auf der Kinoleinwand. Dabei stoße ich sie indirekt immer wieder mit der Frage an „Wie wäre es für Dich in dieser Situation? Wie würdest Du Dich in dieser Situation entscheiden?“ Das empfinde ich als einen absoluten Grundsatz des filmdokumentarischen Arbeitens, dem Publikum diese Entscheidungsmöglichkeit zu lassen. Mitzugehen oder nicht. Wenn mir jemand Raum und Entscheidungsfreiheit gibt, merke ich, dass mir vertraut wird und ich ernst genommen werde. Dann gehe ich auch sehr gerne in den Dialog und möchte mehr wissen. Es ist mir sehr wichtig, dass sich das Publikum zu jeder Zeit ernstgenommen fühlt und auch, wenn ich diesen Film sehr persönlich erzähle, es jederzeit entscheiden kann, mit meinen Gedanken mitzugehen oder nicht. Es ist der Dialog und das gegenseitige Ernstnehmen, das wichtig ist. Nicht nur im Film. Sondern eigentlich immer.
Unser Interview findet Ende Juni statt, Temperaturen steigen auf 40° Grad im Schatten. Sollten wir uns auch in kühleren Zeiten daran erinnern, dass eine Klimakrise vorhanden ist?
Ja, und es lohnt sich, diesbezüglich neugierig zu sein! Wir leben doch in einem Land der guten Ideen und des spannenden Tüftlergeistes und ich bin mir sehr sicher, dass es bereits sehr viele richtig gute Ideen gibt, wie wir unsere Lage verbessern können! Egal von wem, egal welchen Alters, egal, in welcher sozialen Situation und egal welchen Hintergrunds. Wenn eine Person eine Idee hat, die uns voranbringen kann, sollte man ihr zuhören und sie fördern, sie mit anderen vernetzen und die Idee ausarbeiten, damit sie eingesetzt werden kann. Dabei muss es keine große Idee sein, auch die kleinen sind relevant und bringen in der Menge das Ergebnis. Das bringt uns alle voran!
Vielen Dank für Ihre Zeit!
«Salz und Wasser» startet am Donnerstag, 20. August, in den deutschen Kinos.