Die Kritiker: «Nix ist fix»

In einem Chalet in den Bergen werden alte Freundschaften auf die Probe gestellt. Das kann ja heiter werden im neuen ZDF-Montagsfilm.

Stab

Darsteller: Julia Koschitz,Brigitte Hobmeier, Felix Hellmann, Friederike Kempter, Maximiliian Brückner, Marcel Mohab
Schnitt: Amparo Mejias Aunon
Musik: Kai Tebbel
Kamera: Ahmed El Nagar
Buch: Dominique Lorenz
Regie: Natalie Spinell
Ein abgelegenes Chalet in den Bergen, eine Gruppe langjähriger Freunde, ein gemeinsames Wochenende als vermeintliche Auszeit vom Alltag – und dann stehen plötzlich drei Fremde im Wohnzimmer, die das Haus bereits besetzt haben und keinerlei Anstalten machen, wieder zu verschwinden: eine Ausgangssituation, die sofort Interesse weckt. Nicht zuletzt, weil sie zwei klassische Dramaturgien miteinander verbindet: das Kammerspiel und die Gesellschaftssatire. Natalie Spinells ZDF-Film «Nix ist fix» möchte genau daraus eine kluge Ensemblekomödie entwickeln, die über Eigentum, Freundschaft, politische Haltungen und die Brüchigkeit bürgerlicher Gewissheiten nachdenkt.

Schon der beschwerliche Aufstieg zum Chalet funktioniert als kleine Metapher auf jene emotionale Anstrengung, die den Figuren noch bevorsteht. Die Freunde schleppen nicht nur Rucksäcke mit sich herum, sondern auch jahrzehntelang gepflegte Rollenmuster. Jeder kennt den anderen scheinbar in- und auswendig. Genau deshalb genügt ein äußerer Störfaktor, um dieses sorgfältig austarierte Gefüge ins Wanken zu bringen.

Zunächst erfüllen drei Hausbesetzer diese Funktion: Alma, Vince und Tomek erscheinen weniger als klassische Antagonisten denn als Katalysatoren. Sie stellen Fragen, die niemand hören möchte, verweigern die vertrauten Spielregeln höflicher Mittelschichtskommunikation und zwingen die Gastgeber dazu, sich selbst zu erklären. Dass ausgerechnet die Eindringlinge bemerkenswert gelassen bleiben, während die eigentlichen Eigentümer zunehmend die Kontrolle verlieren, gehört zu den reizvollsten Umkehrungen des Films.

Gerade in diesen ersten Szenen entwickelt «Nix ist fix» eine angenehm trockene Komik. Die Absurdität der Situation wird nie übermäßig ausgespielt. Niemand schreit sofort, niemand greift vorschnell zur Gewalt. Stattdessen wird diskutiert, argumentiert und irgendwann sogar gemeinsam gegessen. Diese Beiläufigkeit verleiht der Ausgangslage eine eigentümliche Glaubwürdigkeit. Man spürt, dass Regisseurin Natalie Spinell weniger an einer eskalierenden Farce interessiert ist als an der Dynamik sozialer Gruppen.

Überhaupt gehört das Ensemble zu den größten Stärken des Films. Julia Koschitz verleiht ihrer Juliane eine stille Verunsicherung, die sich wohltuend von den lauteren Figuren abhebt. Brigitte Hobmeier gelingt es, den Schmerz ihrer ehemaligen Fernsehmoderatorin Ines nie bloß auszustellen, sondern stets mit einem Rest Würde zu verbinden. Besonders Marcel Mohab überzeugt als Harry, dessen permanente Witze immer deutlicher als Schutzmechanismus gegen das Scheitern sichtbar werden. Seine Figur gehört zu den wenigen, deren innere Widersprüche tatsächlich organisch wachsen.

Und doch beginnt «Nix ist fix» genau an diesem Punkt zu stolpern. Denn kaum hat der Film seine interessante Ausgangssituation etabliert, scheint er zunehmend Angst davor zu bekommen, sich auf einzelne Konflikte zu konzentrieren. Stattdessen eröffnet das Drehbuch von Dominique Lorenz beinahe im Minutentakt neue Themenfelder. Eigentum steht plötzlich neben Polyamorie, Klimaprotest neben sozialem Status, Krankheit neben Ehekrise, politischer Polarisierung, Untreue, Altersdiskriminierung und Sinnsuche. Für sich genommen sind all diese Motive durchaus interessant. Zusammen erzeugen sie jedoch den Eindruck einer Themenkonferenz, bei der jede Figur noch schnell eine zusätzliche gesellschaftliche Debatte vertreten soll.

Das ist schade, weil gerade die leiseren Momente deutlich besser funktionieren. Wenn Harrys Fassade langsam bröckelt oder Ines begreift, wie sehr ihr früheres Leben noch immer ihr Selbstbild bestimmt, entsteht eine emotionale Genauigkeit, die den lauteren Momenten oft fehlt. Zudem ist interessant, wie der Film mit seinen vermeintlichen Gegenspielern umgeht. Das polyamore Trio wird weder romantisiert noch dämonisiert. Gerade Alma entwickelt sich zu einer überraschend empathischen Figur, deren Gelassenheit den emotional überforderten Freunden zunehmend den Spiegel vorhält. Dass sich die moralischen Gewissheiten dabei mehrfach verschieben, gehört zu den stärkeren Einfällen des Films.

Allerdings fehlt «Nix ist fix» gegen Ende gerade der Mut zur Konsequenz. Nachdem über weite Strecken fundamentale Fragen nach Besitz, Freundschaft und Selbstverständnis aufgeworfen wurden, sucht der Film schließlich doch stärker die versöhnliche Geste, als seine vorherige Zuspitzung erwarten ließ. Das wirkt keineswegs unehrlich, aber etwas vorsichtiger, als der Stoff eigentlich sein müsste. Selbst in seiner gelegentlichen Überfrachtung bleibt «Nix ist fix» jedoch ein sympathischer Versuch, gesellschaftliche Gegenwartsdiagnosen nicht über Thesen, sondern über Menschen zu erzählen. Und das ist im deutschen Fernsehfilm noch immer keine Selbstverständlichkeit.

Der Film «Nix ist fix» wird am Montag, den 10. August um 20.15 Uhr im ZDF ausgestrahlt.
06.08.2026 11:20 Uhr  •  Oliver Alexander Kurz-URL: qmde.de/174275