Felix Hellmann: ‚Humor öffnet das Herz für die Tragik dahinter‘
In «Nix ist fix» spielt Felix Hellmann einen Mann, der sein bisheriges Leben radikal infrage stellt. Im Interview spricht er über politische Überzeugungen, brüchige Freundschaften und den Humor hinter gesellschaftlichen Konflikten.
Herr Hellmann, «Nix ist fix» beginnt wie eine leichte Urlaubsgeschichte und entwickelt sich schnell zu einer intensiven Auseinandersetzung über Freundschaft, Politik und gesellschaftliche Werte. Was hat Sie an diesem Stoff besonders gereizt?
Genau diese Mischung. Die Vielzahl an Themen über die man nachdenken kann, um mir am Ende die Fragen beantworten zu können: Wie (kapitalistisch) will ich heutzutage leben, was ist mir wichtig? Was macht Freundschaft aus? Was erzähle ich meinen Kindern? Wie authentisch kann ich sein und bin ich mir selbst gegenüber?
Sie spielen Edwin, dessen politische Überzeugungen letztlich sogar zur Trennung von seiner Frau Ines geführt haben. Wie würden Sie diese Figur beschreiben?
Es hat sich viel angestaut in Edwin. Er hat lange „mitgemacht“, bis er jetzt an einem Punkt steht, an dem er sagt: ich kann und will mich nicht mehr selbst belügen - mit allen Konsequenzen. Ich will (im Verlag) keine Unwahrheiten mehr verbreiten. Ich will nicht mehr so tun, als ob das alles so in Ordnung wäre. Ich will mich nicht mehr mit meiner Frau identifizieren, die inzwischen meines Erachtens das Gegenteil von dem lebt, wo ich eigentlich denke hin zu wollen. Ich will - endlich wieder - authentisch werden und leben. Ich will mich wieder spüren, in meinen Überzeugungen. Das alle passiert sehr plötzlich und Radikal und stößt alle Beteiligten vor den Kopf, inklusive Edwin selbst.
Edwin gerät im Verlauf des Abends emotional immer stärker unter Druck und erleidet schließlich beinahe einen Nervenzusammenbruch. Wie haben Sie sich auf diese sehr intensive Entwicklung vorbereitet?
Als Basis mit starken inneren Bildern, zu denen ich persönlichen Bezug habe. Zum Beispiel, der Vorstellung, dass die eigenen Kinder einen als Lügner entlarven und man sich diese Wahrheit in der Mitte seines Lebens mal eingestehen muss, wenn man die Kurve noch kriegen will. Man kann nicht die Veränderung predigen, aber einfach immer so weiter machen wie bisher. Die Erkenntnis sich selbst über Jahre belogen zu haben, finde ich persönlich tragisch. Dabei suche ich immer wieder die eigene Überforderung, durch die Tragik gleichzeitig komisch werden kann. Bei solchen Rollen arbeite ich auch wahnsinnig gerne mit Sigrid Andersson zusammen. Sie war an großen Hollywoodsets und hat unzählige Ideen, wie man einen solchen, emotionalen Bogen geschickt aufbaut, der in der Intensität präzise und zugleich wiederholbar bleiben muss. Das reicht von wackelnden Gänseblümchen auf den Schultern über eisblaue Sonnen im Herzen bis zu wegfliegenden Körperteilen. Da ist eigentlich alles möglich und das Schönste ist: es macht, selbst in emotional aufreibenden Szenen, irren Spaß und gleichzeitig bleibt die Situation immer wieder neu. Ich liebe das. Es ist eine tolle kreative Auseinandersetzung bei der man sich der Figuren Psychologie über den Körper nähert und am Ende beides verbindet.
Der Film zeigt, wie unterschiedlich Menschen auf neue Lebensentwürfe reagieren. Glauben Sie, dass Edwin vor allem mit den Hausbesetzern ringt oder vielmehr mit sich selbst?
Ich glaube die Hausbesetzer erlösen ihn beinahe. Endlich hat er einen lebendigen Beweis für seine Theorien, denen weder Ines noch seine Freunde noch folgen können. Er ringt mit sich und der Welt, der er etwas entgegensetzen muss. Jetzt. In aller Radikalität. Da kommen ihm die Besetzer wie gerufen, weshalb er ja auch, aus Sicht seiner Freunde, zum „Überläufer“ wird.
Viele Konflikte entstehen aus Gesprächen am Esstisch und nicht aus spektakulären Aktionen. Was macht solche dialoglastigen Szenen für Schauspieler besonders spannend?
Die Dynamik, die in solchen Szenen steckt. Da komme ich mir vor wie bei Woody Allen. Die Figuren reden sich um Kopf und Kragen und es wird nicht besser, sondern immer schlimmer. Da kann man sich, in solch einem Ensemble, wunderbar nach oben schrauben und inspirieren. Es gibt dabei kaum äußere Begrenzungen, die das Spiel beeinträchtigen, wie das Wetter oder das stressige Motiv. Es geht rein um die Haltungen der Figuren, die man den ganzen Tag aufeinander krachen lassen kann. Das ist für mich der Beruf. Mit Natalie Spinell hatten wir dazu eine Regisseurin, die einen auch immer weiter in die Emotion hinein treibt, um immer wieder an eine Grenze zu kommen.
Mit Brigitte Hobmeier spielen Sie ein Paar, das trotz gemeinsamer Vergangenheit kaum noch einen gemeinsamen Blick auf die Welt hat. Wie wichtig war die Zusammenarbeit mit ihr für die Glaubwürdigkeit dieser Beziehung?
Da die Figuren sehr klar beschrieben waren, bildeten zwei große Leseproben schon eine super Grundlage. Brigitte gab Ines zudem eine tieftragische Seite, was unserem Konflikt eine noch größere Dimension und Authentizität gab.
«Nix ist fix» wirft Fragen nach Eigentum, Freiheit und gesellschaftlichem Zusammenleben auf, ohne einfache Antworten zu liefern. War Ihnen diese Offenheit beim Erzählen wichtig?
Wir haben das Buch in diesem Fall nicht geschrieben, aber die Vielzahl der Themen fand ich sehr reizvoll. Es geht eben nicht nur um das eine, sondern es ist ein kleines Kaleidoskop über Zwischenmenschlichkeit. Antworten zu liefern geht ja sowieso nicht bei diesen Themen und finde ich persönlich auch weniger spannend als Fragen zu stellen. Am Ende des Films gibt es eine Reihe von Fragen, die man sich bei einem Glas Wein sehr gut gegenseitig stellen könnte, finde ich, um seine Freundschaften mal richtig schön auf die Probe zu stellen.
Trotz der ernsten Themen bleibt der Film immer wieder humorvoll. Warum eignet sich gerade Humor, um gesellschaftliche Konflikte sichtbar zu machen?
Humor eignet sich sehr gut, um das Herz für die Tragik dahinter zu öffnen. Diesen Satz habe ich mal bei meiner Frau aufgeschnappt und er trifft m.E. sehr gut zu. Es macht mir persönlich mehr Spaß über ernste Themen zu sprechen, oder sie zu konsumieren, wenn ein Film mir eine Grundlage mit Augenzwinkern liefert. Warum genau das so ist bei mir, weiß ich nicht. Vielleicht weil man das alles und sich selber nicht immer so ernst nehmen sollte. Ist ja sowieso nur alles ein „Fliegenschiss im Universum“.
Das Ensemble besteht aus sehr unterschiedlichen Figuren und Persönlichkeiten. Wie haben Sie die Arbeit mit diesem großen Cast erlebt?
Intensiv und auf hohem Niveau. Jeder hatte, bei diesen diskussionswürdigen Themen, jeweils eine starke Meinung, hat für seine Rolle und deren Haltung gekämpft. Das ganze auf meist etwa 20qm über mehrere Wochen auszuagieren bietet reichlich Zündstoff und hat im positiven Sinn ziemlich viel Power. Ich hoffe das vermittelt sich beim schauen. Ich habe von jeder Figur Lieblingsmomente oder -sätze wie zum Beispiel von Harry: „Keiner von euch hat eine Küche von mir. Vielleicht ein Zeichen.“ Oder von Paula: „Hör auf meine Traurigkeit zu relativieren“. Da gibt es viele Beispiele und solche Sätze bleiben nur hängen, wenn sie auf den Punkt gespielt sind.
Regisseurin Natalie Spinell verbindet Kammerspiel, Komödie und Drama. Wie haben Sie ihren Inszenierungsstil während der Dreharbeiten erlebt?
Emotion und Authentizität stehen bei ihr im Zentrum. Auch oder gerade bei der Komödie. So kann sich der Humor über die Haltung der Figuren transportieren die aufeinander knallen und man geht als Spieler nicht eine komödiantischen Spielweise auf den Leim. Sie inszeniert dabei punktuell auch Varianten, damit man im Schnitt noch Weichen stellen und entscheiden kann, wie sich der Humor am besten transportiert. Gleichzeitig ist sie ein absoluter Teamplayer, was ich sehr schätze. Jede Person am Set ist ihr gleich wichtig, jedes Rädchen trägt dazu bei, dass die Maschine laufen kann.
Edwin gehört zu den Figuren, die im Laufe des Abends besonders viel über sich selbst preisgeben. Hat sich Ihr Blick auf ihn während der Dreharbeiten verändert?
Absolut. Er handelt und redet nicht nur. Das finde ich wichtig und konsequent. Immer nur reden bringt nichts. Aber mit Handeln eckt man leichter an, das erfordert deutlich mehr Mut. Auch aus dem Blickwinkel seiner Generation raus zu treten und den der jüngeren einzunehmen finde ich inspirierend. Seine eigene Haltung an den Pranger zu stellen, nicht immer die der anderen. Vielleicht ist man ja selber doch nicht immer der Weisheit letzter Schluss. Wenn man selber Kinder hat wird einem das bewusst, abgesehen davon muss man ins Handeln kommen, etwas vorleben. Nicht unbedingt so wie Edwin es tut vielleicht, aber ich finde man kann sich durchaus eine Scheibe von ihm abschneiden, wenn es darum geht nicht „einfach immer so weiter zu machen“, weil es das Bequemste ist.
Danke für Ihre Zeit!
«Nix ist fix» ist am Montag, den 10. August, um 20.15 Uhr im ZDF zu sehen. Der Film kann bereits seit 1. August gestreamt werden.