Eine der aufwendigsten Netflix-Serien des Jahres kommt aus Japan und Südkorea. Sie wirkt seltsam eigenwillig - und vielleicht ist genau das ihre Stärke.

Ein Mann verwandelt sich in eine giftige Gaswolke und tötet seine Opfer von innen heraus. Wer diesen Satz zum ersten Mal hört, dürfte entweder begeistert nicken oder sofort das Weite suchen. «Human Vapor» verlangt seinem Publikum von Beginn an eine gewisse Bereitschaft ab, sich auf eine Prämisse einzulassen, die irgendwo zwischen klassischem japanischem Tokusatsu-Kino, düsterem Science-Fiction-Thriller und südkoreanischem Verschwörungsdrama angesiedelt ist. Dass ausgerechnet diese ungewöhnliche Mischung zu einer der aufwendigsten asiatischen Netflix-Produktionen des Jahres geworden ist, macht neugierig. Am Ende bleibt allerdings ein zwiespältiger Eindruck zurück: «Human Vapor» ist eine Serie voller cleverer Ideen, die aber nicht immer weiß, welche davon sie eigentlich erzählen möchte.
Die Serie basiert lose auf dem gleichnamigen japanischen Science-Fiction-Klassiker aus dem Jahr 1960. Für Drehbuch und Konzeption zeichnet unter anderem Yeon Sang-ho verantwortlich, dessen Arbeiten wie «Train to Busan» gezeigt haben, wie geschickt er gesellschaftliche Themen mit fantastischen Elementen verbinden kann. Regie führte Shinzo Katayama, der den Stoff deutlich ernster anlegt, als die absurde Grundidee zunächst vermuten lässt.
Der Einstieg gelingt noch durchaus beeindruckend. Während einer Live-Fernsehsendung stirbt ein Wissenschaftler auf groteske Weise vor laufenden Kameras. Kurz zuvor hüllt ihn eine geheimnisvolle Wolke ein, die in seinen Körper eindringt. Wenige Sekunden später explodiert der Mann buchstäblich. Schon hier wird also deutlich: «Human Vapor» will kein gewöhnlicher Krimi werden. Parallel führt die Serie den suspendierten Ermittler Kenji Okamoto und die Fernsehjournalistin Kyoko Kono ein, deren gemeinsame Vergangenheit mindestens ebenso viele Fragen aufwirft wie der eigentliche Mordfall.

Gerade in dieser ersten Episode entwickelt «Human Vapor» noch einen bemerkenswerten Sog, denn die Verbindung aus Polizeithriller, Mystery und Science-Fiction funktioniert überraschend gut. Die Vorstellung eines Mörders, der jede Wand durchdringen und praktisch überall auftauchen kann, besitzt selbstredend eine unmittelbare Bedrohlichkeit. Gleichzeitig gelingt es der Serie, ihre fantastische Prämisse erstaunlich nüchtern zu inszenieren. Statt übertriebener Comic-Ästhetik setzt sie auf eine beinahe dokumentarische Ernsthaftigkeit. Das verleiht vielen Szenen eine eigentümliche Intensität. Visuell bewegt sich «Human Vapor» auf einem Niveau, das man im Serienbereich nur selten sieht, denn die visuellen Effekte verleihen der titelgebenden Gasgestalt eine beeindruckende physische Präsenz. Die Verwandlungen wirken weder billig noch künstlich, sondern tatsächlich bedrohlich.
Allerdings leidet «Human Vapor» spätestens ab der dritten Episode unter seiner eigenen Ambition: Denn je weiter die Handlung voranschreitet, desto mehr neue Ebenen kommen hinzu. Plötzlich geht es um geheime Verschwörungen, Internet-Influencer, organisierte Kriminalität, Familiengeschichten und gesellschaftliche Traumata. Für sich genommen sind viele dieser Ideen durchaus interessant und auch im Kontext sinnvoll. Doch der ursprüngliche Thriller um den unaufhaltsamen Mörder verliert dadurch zunehmend an Klarheit.

Während die erste Episode noch mit gekonnter Präzision Spannung aufbaut, beginnt sich die Serie später immer wieder in Nebenhandlungen zu verlieren. Manche Figuren verschwinden zu lange aus dem Blickfeld, andere werden überraschend wichtig, ohne dass ihre Entwicklung ausreichend vorbereitet wäre. Man spürt förmlich, wie viel die Autoren erzählen wollten – und wie schwer es ihnen fällt, all diese Einfälle zu einem wirklich geschlossenen Ganzen zu verbinden.
Gleichzeitig kann die Mythologie rund um den Human Vapor nicht jede Frage überzeugend beantworten. Das Geheimnis um seine Fähigkeiten besitzt anfangs eine faszinierende Rätselhaftigkeit. Doch je mehr Erklärungen die Serie liefert, desto gewöhnlicher wirkt manches davon. Nicht jede Enthüllung ist bei weitem so spannend wie das Mysterium, das ihr vorausging.
So pendelt «Human Vapor» bis zum Schluss zwischen großer Science-Fiction, Verschwörungsthriller und Charakterdrama, ohne sich jemals ganz für eine Richtung zu entscheiden. Das Ergebnis ist am Ende ebenso faszinierend wie unausgegoren. Doch gerade in seiner Unvollkommenheit besitzt «Human Vapor» eine seltsame Eigenwilligkeit, die man im internationalen Streaming-Angebot inzwischen viel zu selten findet.
Die japanisch-südkoreanische Serie «Human Vapor» ist im Streaming-Angebot von Netflix zu finden.