Wofür steht ProSieben eigentlich noch?

Sinkende Marktanteile, gescheiterte Programmoffensiven und immer weniger eigene Fernsehereignisse: Der Sender sucht unter Hannes Hiller nach einer neuen Identität, ohne sie bislang gefunden zu haben.

In der vergangenen Fernsehsaison führte das ProSieben-Eigengewächs Hannes Hiller den in Unterföhring ansässigen Sender ProSieben. Während sein Vorgänger Daniel Rosemann noch eine Agenda verfolgte und mit Formaten wie «Zervakis & Opdenhövel» eine Handschrift formen wollte, hat Hiller scheinbar kein erfolgreiches Konzept mehr.

Im Oktober 2025 startete die neue Vorabendserie «Die Cooking Academy» mit lediglich 0,12 Millionen Fernsehzuschauern. Eine Preview im Anschluss an «The Voice in Germany» hatte einige Tage zuvor noch 0,48 Millionen. Es ist schon seltsam, dass Hiller die Show startete, obwohl die Fakten seit Jahren auf den Tisch liegen: Mit «Die Simpsons» und «Galileo» hat ProSieben einen von Männer gesehenen Vorabend. Warum man zum wiederholten Male nach «Mallorca – Suche nach dem Paradies» und «Lotta in Love» die Programmfarbe auf weiblich umstellen wollte, war nicht nachvollziehbar. Zudem ist das weibliche Umfeld deutlich umkämpfter. Eine Fernsehserie allerdings mit so wenig Zuschauern starten zu lassen, das war schon eine Kampfansage für absolutes Fehlmanagement.

Die Serie war eine deutsche Adaption der französischen Serie «Ici tout commence», die Free-TV-Sender TF1 in Frankreich zunächst über drei Millionen Zuschauer holte. Die halbstündige Produktion entstand in der Corona-Pandemie und passte hervorragend zu den Schutzkonzept, dass die Herstellung in einem Internat auf einem abgelegenen Schloss von Vorteil ist. Selbst nach mehreren hundert Folgen erreichte die Serie noch über zweieinhalb Million Zuschauer. Mit der französischen Serie, die zeitweise auch noch in der Entwicklungshölle befand, deren Produktion sich um ein Jahr verzögerte, werkelte Hiller auch noch an den Hauptnachrichten um. Die «:newstime» wurde ohne Kampagnen auf 18.30 Uhr verlegt, nach der «Die Cooking Academy»-Absetzung folgte eine kommentarlose Rückabwicklung des Informationsprogramm.

Das Informationsprogramm abseits von «:newstime» und «Galileo» ist in der Primetime weiter schwach. Zuletzt setzte man im Oktober/November 2025 sowie im März 2026 auf Dokumentationen von Linda Zervakis, Thilo Mischke und Jenke von Wilmsdorff, doch deren Inhalte bleiben nicht haften. Es war wieder die Ukraine-Dokumentation der Florida TV, die am Donnerstagabend Schlagzeilen schrieb. Diese war auch nur im Programm vertreten, weil die Herausforderer «Joko & Klaas gegen ProSieben» gewann. Die Produktionsfirma Florida stellt für Das Erste und die ARD ohnehin schon Informationsprogramme her, es gibt keinen sachlichen Grund, dass die Berliner Firma nicht auch eine regelmäßige Sendung für ProSieben herstellen könnte. Die Quoten der Mischke & Co.-Dokumentationen waren zum Teil auch noch so schlecht, dass das gesamte Engagement überdacht werden muss.

Auch die Zusammenarbeit zwischen ProSieben und Florida hat Baustellen: Die Shows «Joko & Klaas gegen ProSieben», «Wer stiehlt mir die Show?» und «Ein gutes Quiz (mit hoher Gewinnsumme)» sind auserzählt. Zuletzt zogen die Werte von «Experte für Alles» leicht an, aber Klaas Heufer-Umlauf ist mit seiner wöchentlichen Ironie-Sendung noch nicht über den Berg. Bei ProSieben muss man sich ohnehin derzeit fragen, ob Heufer-Umlauf und Joachim Winterscheidt mit den Quoten des Senders heruntergezogen werden oder ob das gesamte Interesse einfach nachlässt.

Sebastian Pufpaff und sein «TV total» funktionieren, jedoch wurden Specials wie «Turmspringen» und «WOK WM» wohl aus Kostengründen eingestellt. Auch zur FIFA-Weltmeisterschaft wurde keine «Autoball-WM» aufgeführt, obwohl das verlässliche Events im Abendprogramm waren. Mit Heidi Klum und «Germany’s Next Topmodel» hat man verlässliche Reichweiten, die aufgrund des verwässerten Markenkerns sukzessiv sinken – doch noch schauen die Menschen zu. Die Entwicklung zeigt, dass ProSieben zwar weiterhin über starke Marken verfügt, gleichzeitig aber immer weniger neue Impulse setzt.

Die logische Erklärung wäre endlich wieder in das Programm zu investieren. Das sollten allerdings nicht billige Joyn-Realitys wie «Die Realitystar Academy» und «The Race» sein, sondern wirklich Originals. Doch das Programm besteht immer noch aus den Bibliotheken von Disney und Warner Bros., deren Inhalte überall abrufbar sind. «The Big Bang Theory» läuft seit einem Jahrzehnt ab 15.30 Uhr und soll «taff» anschieben, was es allerdings nicht kann. Die Serie gibt es bei fast jedem Streamingdienst im Angebot. Die Blockbuster am Abend sind Action-Superhelden-Filme der zwei Studios.

Es wird doch auf der gesamten Welt mehr als zehn Sitcoms geben, die ProSieben am Nachmittag ausstrahlen kann. Beim „kleinen“ Bruder Kabel Eins sieht man es ja, dass es zum Teil funktioniert: Die Paramount-Serien wie «Bull» sind nur bei Joyn und Paramount+ abrufbar, die Zuschauer vor dem Fernseher sind auch älter. Der frühere ProSiebenSat.1-Chef Thomas Ebeling musste für seine Einschätzung gehen, die Zuschauer seien im Grunde faul, doch an dieser Aussage steckt immer noch viel Wahrheit.

ProSieben erreichte in der vergangenen TV-Saison nur noch 2,7 Prozent Marktanteil, innerhalb von zwei Jahren weitere 0,5 Prozentpunkte weg. Bei den 14- bis 49-Jährigen baute man innerhalb von 24 Monaten von 7,5 auf 6,8 Prozent ab. Das Publikum möchte nicht für alte Serien in Dauerschleife zahlen, wenn ein HD-Abo genauso viel kostet wie die Werbeversion von Disney+. Was ProSieben vor zwei Jahrzehnten einmal war, hat Netflix schon vor zehn Jahren abgelöst. Nur: In Unterföhring wollen die Personen dies nicht wahrhaben. Weder ist Joyn eine attraktie Plattform, noch macht Fernsehen schauen bei ProSieben Spaß und die Kommunikationsarbeit ist für ein solches Unternehmen übel. Netflix promotet seine Serien und Shows hervorragend, hat für Journalisten ein Preview-Channel innerhalb der normalen Netflix-App und nervt selbst im Werbe-Tarif nicht so mit Werbung. Keine Gute Unterhaltung, man lebt nicht mehr „We love to Entertain you“, ProSieben ist so attraktiv wie MTV einst mit seinen Jamba-Werbespots.
11.07.2026 12:50 Uhr  •  Fabian Riedner Kurz-URL: qmde.de/173190