‚Der Kampf um das Gelbe Trikot entbrennt nirgendwo stärker als im Hochgebirge‘
Mit einem Mannschaftszeitfahren startet die Tour de France 2026 so früh spektakulär wie lange nicht mehr. SR-Sportchef Uli Fritz ordnet die wichtigsten Neuerungen ein und blickt auf die Chancen der Favoriten.
Die Tour de France 2026 startet erstmals seit 1971 wieder mit einem Mannschaftszeitfahren. Warum hat sich die ASO für diese ungewöhnliche Rückkehr entschieden?
Es ist eine Rückkehr dieses Formats, das zuletzt 2019 am zweiten Tourtag auf dem Programm stand, damals in Brüssel. Aber es ist gleichzeitig eine Neuerung, denn dieses Mal hat die ASO entschieden, die Zeiten der einzelnen Fahrer zu messen. Die ASO hat das 2023 bei der Frühjahrsrundfahrt Paris-Nizza getestet. Wahrscheinlich bietet sich auch die außergewöhnliche Kulisse der Stadt Barcelona für einen solchen Wettbewerb an, bei dem sie über fast drei Stunden lang für sicher grandiose Fernsehbilder garantieren wird.
Erstmals erhält beim Teamzeitfahren jeder Fahrer seine tatsächliche Fahrzeit statt einer gemeinsamen Teamzeit. Welche Auswirkungen könnte das auf den Kampf um das Gelbe Trikot haben?
Damit beginnt gleich am ersten Tag der Kampf um das Tourpodium. Sicher spielt ein starkes Team eine wichtige Rolle, aber gerade der Schlussanstieg bietet den einzelnen Fahrern die Chance, wertvolle Sekunden zu gewinnen.
Mit 54.450 Höhenmetern zählt die Strecke zu den anspruchsvolleren Tour-Ausgaben der vergangenen Jahre. Wollte man die Rundfahrt bewusst stärker auf die Kletterer zuschneiden?
Die Tour ist in den vergangenen Jahren deutlich kürzer geworden, aber anspruchsvoller. Aus unserer Sicht solle also mehr Spektakel bieten, kurzweiliger als früher bei so manchen Flachetappen. Dies spricht per se immer für mehr Bergpassagen. Gleichzeitig bestimmt der Grand Départ auch ein wenig die Richtung. Von Katalonien nach Frankreich, da liegen die Pyrenäen nah. Und dann die Mittelgebirge (Zentralmassiv, Vogesen, Jura) in der dritten Woche die Alpen. Im kommenden Jahr mit dem Start auf der Insel geht es erstmal im flachen Norden Frankreichs weiter. Und dann entbrennt der Kampf um das Gelbe Trikot nirgendwo stärker als im Hochgebirge. Dort entstehen die ikonischen Bilder der Tour mit Zuschauerspalieren und permanenten Attacken.
Schon auf der dritten Etappe wartet eine Bergankunft in den Pyrenäen. Wird die Tour 2026 dadurch deutlich aggressiver beginnen als viele frühere Ausgaben?
Die erste Pyrenäenetappe ist eher etwas für bergfeste Ausreißer. Da türmen sich noch keine Bergriesen auf. Ähnlich war es 2023 nach dem Tourstart in Bilbao. Aber grundsätzlich bieten „Nicht-Flachetappen“ mehr Gelegenheiten für Attacken.
Viele Fans freuen sich vor allem auf die großen Alpen- und Pyrenäenetappen. Warum liegen die spektakulärsten Bergetappen traditionell oft an Wochenenden?
Die ASO hat da auch mehr Zuschauer am Berg, mehr Zuschauer vor den Fernsehgeräten.
Die Königsetappe mit Galibier, Croix de Fer und Alpe d’Huez findet an einem Samstag statt. Spielen TV-Quoten und Zuschauerinteresse bei der Etappenplanung eine Rolle?
Das vermuten wir. Die Tour muss sich zunehmender Konkurrenz auf dem internationalen Sportmarkt erwehren und die Marke als spektakulärstes Radsportevent der Welt pflegen. Das ist nicht verwerflich. Und dann wird eben eine solche Entscheidung plausibel.
Die Tour kehrt erneut nach Alpe d’Huez zurück und fährt sogar zwei Etappen mit Ziel dort. Was macht diesen Anstieg für Veranstalter und Fans so besonders?
Alpe d’Huez war 1952 die erste Bergankunft der Tour. Danach dauerte es aber bis in die 1970er Jahre, ehe die Tour zurückkehrte. Vor allem die Holländer machten den Berg zu einem Mekka für Radsportfans; in den 1980er Jahren gewannen dort mehrmals niederländische Radsportler. Der Name wurde zum Mythos. Es gibt sicher schwerere Anstiege im Hochgebirge. Aber keiner hat so schöne Kurven (21), in denen sich die Fans ballen. Wie sagte einst ein holländischer Fan am Rande der Strecke: „ein Tur ohne Alpe d’Huez ist kein Tur.“
In den vergangenen Jahren wurde immer wieder diskutiert, ob die Tour zu sehr auf kurze, explosive Bergetappen setzt. Wie bewerten Sie die Mischung aus langen und kurzen Etappen 2026?
Es gibt 2026 nur eine Etappe mit mehr als 200 Kilometern Länge. Die Tendenz geht schon länger zu kürzeren und damit explosiveren Etappen. Der Fahrstil der Radprofis hat sich gewandelt. Es wird früher attackiert, weil es eben nicht mehr so lange geht. Dazwischen braucht es aber eben auch ein paar längere Abschnitte, um Strecke zu machen und den Charakter einer «Tour de France» zu wahren. Die Tour insgesamt ist in den vergangenen Jahren deutlich attraktiver geworden.
Die Rundfahrt startet in Barcelona und damit zum dritten Mal in Spanien. Welche Bedeutung haben solche Auslandsstarts heute für die Tour de France?
Diese Auslandsstarts geben der Marke «Tour de France» ein internationales Flair und verbreitern naturgemäß die mögliche Zahl der Bewerberstädte und -regionen. Und sie zeugen aus unserer Sicht von der Bedeutung der Tour im internationalen Sportkalender.
Nächstes Jahr startet die Tour sogar im Edinburgh. Haben Sie Angst, dass die ersten Etappen vielleicht auch in Asien gefahren werden?
Es gab schon vor 30 Jahren die Idee, einmal in einem der französischen Überseegebiete zu starten, in der Karibik etwa (Martinique) oder im französischsprachigen Kanada. Aber das scheitert bis heute an der Logistik. Der Giro d’Italia startete vor einigen Jahren in Israel. Denkbar ist es, aber doch bis dato wenig wahrscheinlich.
Die Schlussetappe führt erneut über den Montmartre in Paris. Hat diese Änderung die traditionelle Champs-Élysées-Etappe aus Ihrer Sicht aufgewertet?
Die fantastischen Bilder von der olympischen Radstrecke 2024 haben gezeigt, dass Paris noch mehr bietet als ohnehin schon für die klassische Schlussetappe. Im vergangenen Jahr hatte die Schlussetappe mit dem Montmartre die höchste Einschaltquote. Schon dies spricht für eine klare Aufwertung. In diesem Jahr führt der Parcours auf einer flacheren Strecke vom Montmartre zurück auf die Champs-Elysées, so dass die Sprinter wieder bessere Chancen haben.
Mit der Tour de France Femmes wächst auch das Interesse am Frauenradsport. Wie wichtig ist die Frauen-Tour inzwischen für die Gesamtmarke Tour de France?
Spätestens mit dem Sieg der Französin Pauline Ferrand-Prévot im vergangenen Sommer ist die Tour de France Femmes im Interesse der Fans an die Seite der Männertour gerückt. Die Schlussetappe der TdFF hatte die höchste Einschaltquote des ganzen Radsportsommers in Frankreich. Dort wird nicht mehr zwischen «Tour de France» und «TdFFemmes» unterschieden, beides wird als Teil eines Gesamtlabels wahrgenommen.
Die Tour de France Femmes findet direkt im Anschluss an die Männer-Rundfahrt statt. Sehen Sie darin die ideale Lösung oder wäre eine stärkere Eigenständigkeit des Frauenrennens langfristig sinnvoller?
Die Lösung wie in diesem Sommer – Start am Wochenende nach der Männertour – halte ich für gut. Der Hochsommer gehört in Frankreich der Tour, ähnlich wie in Deutschland. Ein Verschieben weiter nach hinten oder nach vorne würde dem Wettbewerb aus unserer Sicht nicht guttun.
Danke für Ihre Einschätzung!
Die Tour de France startet am Samstag, 4. Juli, um 17 Uhr im Ersten.