‚Auch dank der mentalen Befreiung von Paris zählt Zverev zum engsten Favoritenkreis‘
Carlos Alcaraz fehlt verletzt, Jannik Sinner reist als Titelverteidiger an und Alexander Zverev geht nach seinem ersten Grand-Slam-Sieg mit neuem Selbstvertrauen ins Turnier: Wimbledon 2026 verspricht Spannung auf und neben dem Centre Court. Prime-Video-Moderator Jonas Friedrich ordnet die sportliche Lage ein und erklärt, warum das traditionsreichste Tennisturnier der Welt auch im Streaming-Zeitalter nichts von seiner Faszination verloren hat.
Auf was freuen Sie sich als Experte bei Wimbledon für Prime Video am meisten?
Natürlich auf unsere Prime Video Crew. Auf ein großartiges Miteinander mit den Menschen vor wie hinter der Kamera. Und natürlich auf „Tennis in an English Garden.“
Tennis war in Deutschland lange vor allem über das lineare Fernsehen präsent. Welche Chancen und Risiken sehen Sie darin, dass Wimbledon nun ausschließlich über einen Streamingdienst zu sehen ist?
Ist das nicht eine etwas überholte Diskussion? Meine bedingt tech-affine Mutter wird bald 70 und navigiert sicher durch diverse Streams. Drum sehe ich nur Vorteile: wir können viel mehr zeigen, in großer Vielfalt und das auch noch zeitsouverän.
Prime Video hat sich in den vergangenen Jahren mit der Champions League und anderen Sportrechten etabliert. Was muss eine Wimbledon-Übertragung heute bieten, um sich von klassischen TV-Sendern abzuheben?
Auf die Gefahr hin, befangen zu sein: ich finde, dass wir bei Prime Video schon seit Jahren eine klare Handschrift haben. Ein Topteam vor der Kamera wie an den Mikros. Eine eigene Bildsprache und eine große Freude am Miteinander.
Wenn Sie sich für die Übertragung etwas wünschen könnten: Welche Elemente, Experten oder technischen Innovationen würden Wimbledon für die Zuschauer noch attraktiver machen?
Für den Moment bin ich wunschlos glücklich. Ein ferner Traum wäre eine immersive Centre-Court-Experience a’la Sphere in Las Vegas. Möglich für Sportsbars oder sogar fürs Wohnzimmer.
Wimbledon gilt für viele Spieler noch immer als das prestigeträchtigste Turnier der Welt. Was macht den besonderen Reiz dieses Grand Slams aus Ihrer Sicht bis heute aus?
Die vielen liebenswerten Schrulligkeit des Turniers. Und ich mag die basisdemokratische Zugänglichkeit: Wimbledon ist ein Upper-Class-Event, bei dem man sich aber auch in eine Schlange stellen kann, um für überschaubares Geld ein Ticket zu bekommen.
Mit Carlos Alcaraz fehlt einer der größten Stars des Sports verletzungsbedingt. Wie stark verändert seine Absage die sportliche Ausgangslage des Turniers?
Natürlich fehlt mit ihm einer der größten Spieler unserer Zeit. Zugleich: es erhöht die Chance auf einen „neuen“ Wimbledon-Champ. Und bei Alcaraz ist mal eines sicher: er hat noch viele, viele Wimbledon-Siege vor sich.
Jannik Sinner reist als Titelverteidiger an. Ist er für Sie auch der Topfavorit auf den Titel oder sehen Sie andere Spieler mindestens auf Augenhöhe?
Das kann außer ihm niemand verlässlich sagen. In welchem körperlichen Zustand wird er sein? Frisch, erholt, 100% schmerzfrei? Sollte das so sein, wäre er der Topfavorit.
Alexander Zverev geht als Nummer zwei der Setzliste ins Turnier. Wie bewerten Sie seine Chancen auf dem Rasen von Wimbledon?
Letztes Jahr habe ich ihn ein wenig freudlos und ohne „Spielwitz“ wahrgenommen. Das hat sich 2026 schwer verändert. Auch dank der mentalen Befreiung von Paris zählt er zum engsten Favoritenkreis. Er kann jeden schlagen, auch auf Rasen.
Zverev hat in Paris seinen ersten Grand-Slam-Titel gewonnen. Kann ein solcher Erfolg auch mental etwas für Wimbledon verändern?
Zu hundert Prozent ja. Er muss niemandem mehr etwas beweisen.
Welche deutschen Spielerinnen und Spieler trauen Sie sich bei diesem Turnier besonders zu – vielleicht auch abseits der ganz großen Namen?
So leid es mir tut, man kann es von niemandem erwarten. Nur hoffen. Beispielsweise auf Laura Siegemund und einen erneut fantastischen Run in die zweite Woche.
Wimbledon ist traditionell das wichtigste Rasenturnier der Welt. Warum stellt gerade dieser Belag selbst für absolute Weltklassespieler noch immer eine besondere Herausforderung dar?
Unser Prime-Experte Michael Stich würde jetzt einwenden: früher war’s extremer. Aber auch heute ist Rasentennis durch den flachen Absprung etwas ganz Eigenes. Zudem nur für einen kurzen Zeitraum der Saison.
Das Preisgeld steigt um 20 Prozent auf mehr als 74 Millionen Euro. Ist das eine angemessene Reaktion auf die Diskussionen der vergangenen Monate oder wird die Debatte damit nicht enden?
Für die Spielerinnen und Spieler ist das ein Teilerfolg. Aber immer noch weit weg von der Kernforderung einer echten Umsatzbeteiligung. Kurzum: der Konflikt ist noch lange nicht befriedet.
Die Tour hat in den vergangenen Jahren viele neue Stars hervorgebracht. Erleben wir aktuell eine neue goldene Ära des Herrentennis nach den Jahren von Federer, Nadal und Djokovic?
Exakt, wir sind mittendrin. Die große Frage lautet: kann jemand die Lücke zu Alcaraz & Sinner schließen? Am ehesten Alexander Zverev, perspektivisch Joao Fonseca oder Ben Shelton.
Bei den Frauen gab es zuletzt immer wieder Überraschungssiegerinnen. Rechnen Sie auch 2026 mit einem offenen Turnier oder sehen Sie klare Favoritinnen?
Als halbwegs erfahrener Wimbledon-Begleiter muss man feststellen: eine Siegerin ist nicht zu prognostizieren. Und im Zweifel kommt sie aus Tschechien.
Vielen Dank für Ihre Zeit!
Die Wimbledon Championships 2026 starten am 29. Juni.