‚Unser Gehirn ist viel leistungsfähiger, als die meisten Menschen glauben‘

Gedächtnisweltmeister Boris Nikolai Konrad erklärt im Interview, warum Reporter und Moderatoren bei Live-Übertragungen ähnlichen Stressmechanismen ausgesetzt sind wie Spitzensportler, wie das Gehirn unter Druck arbeitet und welche mentalen Techniken helfen, auch in entscheidenden Sekunden einen kühlen Kopf zu bewahren.

Herr Dr. Konrad, wir sprechen oft über mentale Stärke bei Spielern – aber wie groß ist der Druck für Reporter und Moderatoren an der Seitenlinie wirklich?
Der Druck ist enorm und wird oft unterschätzt. Ein Reporter oder Moderator steht zwar nicht wie ein Spieler auf dem Platz, aber das Gehirn erlebt viele ähnliche Mechanismen. Millionen Menschen schauen zu, jede Formulierung ist live, Fehler lassen sich nicht zurückholen. Dazu kommt: Im Fernsehen oder Radio muss man gleichzeitig zuhören, analysieren, sprechen, reagieren und oft noch Informationen im Kopf behalten. Das ist kognitiv hochkomplex.

Neurowissenschaftlich spannend ist dabei vor allem die Geschwindigkeit. Unter Stress wird unser Denken oft enger. Der präfrontale Cortex, also der Bereich für Kontrolle und Struktur, arbeitet dann weniger effizient. Dafür ist die Amygdala mehr involviert, die uns eigentlich vor großen Gefahren schützen will. Genau deshalb passieren in Livesituationen manchmal Versprecher oder Blackouts, obwohl jemand fachlich hervorragend vorbereitet ist. Das kennt fast jeder. Man weiß etwas eigentlich sicher und plötzlich ist der Name weg.

Erfahrung hilft hier enorm. Das Gehirn lernt mit der Zeit: Diese Situation ist zwar wichtig, aber doch nicht lebensgefährlich. Dadurch sinkt die Stressreaktion, das bewusste Nachdenken klappt besser. Viele Profis entwickeln außerdem feste Routinen. Manche sortieren vor einer Liveschalte innerlich noch einmal drei Kernpunkte. Andere atmen bewusst langsamer oder nutzen kleine mentale Anker. Das klingt banal, hilft dem Gehirn aber, wieder in einen stabileren Zustand zu kommen.

Gerade bei Live-Übertragungen bleiben oft nur wenige Sekunden für Analysen. Wie gelingt es, Wissen in solchen Momenten punktgenau abzurufen?
Solcher Abruf entsteht nicht erst im Moment selbst. Unser Gehirn kann unter Druck nur auf das zugreifen, was vorher gut vernetzt und oft aktiviert wurde. Wer live analysiert, trainiert im Grunde ständig Mustererkennung. Man sieht eine Situation und das Gehirn gleicht sie blitzschnell mit ähnlichen Erfahrungen ab. Deshalb wirken gute Analysten oft spontan brillant, obwohl dahinter sehr viel Vorbereitung steckt.

In der Gedächtnisforschung wissen wir außerdem, dass Wissen stabiler abrufbar wird, wenn man es nicht nur konsumiert, sondern aktiv benutzt. Der sogenannte Testing-Effekt zeigt genau das. Wer sich regelmäßig selbst fragt: „Wie würde ich das erklären?“ oder „Was war hier entscheidend?“, trainiert die Abrufwege im Gehirn. Das gilt für Fußballanalysen genauso wie für Prüfungen oder Vorträge.

Unter Zeitdruck hilft außerdem Struktur. Unser Gehirn liebt Muster, in der Forschung auch Schema genannt. Viele erfahrene Kommentatoren oder Reporter ordnen Informationen unbewusst in Kategorien ein: Taktik, Körpersprache, Dynamik, Wechselwirkung. Dadurch müssen sie nicht jedes Detail neu zusammensetzen, sondern greifen auf vorbereitete mentale Strukturen zurück.

Welche mentalen Techniken helfen dabei, trotz Zeitdruck ruhig und klar zu sprechen?
Eine der wichtigsten Techniken ist tatsächlich Vorbereitung. Das klingt erstmal unspektakulär, aber das Gehirn liebt Vertrautheit. Wenn ich bestimmte Abläufe, Formulierungen oder Gedankengänge schon mehrfach durchgespielt habe, kosten sie unter Druck deutlich weniger Energie. Genau deshalb trainieren gute Moderatoren oder Kommentatoren nicht nur Inhalte, sondern auch Situationen. Jetzt kann man nicht jede Woche ein WM-Spiel moderieren, aber wie Spieler auch können sie sich mit älteren Spielen vorbereiten und über die Jahre gewinnen sie ohnehin an Erfahrung.

Dann helfen kleine Routinen enorm. Viele Profis haben vor einer Livesituation ganz bewusste Abläufe. Einmal tief durchatmen, einen festen Punkt anschauen, innerlich den ersten Satz aktivieren. Das wirkt deshalb so gut, weil Routinen dem Gehirn Sicherheit geben. Umgedreht kann es auch ein Problem sein: Wenn sich Routinen eingeschlichen haben, die mir nicht bewusst sind. Für den Reporter, wenn dann Sprachbilder immer wieder gebracht werden, obwohl man sich eigentlich davon verabschieden wollte. Routine spart Energie, und gerade unter Druck rutschen wir daher schnell in Automatismen.

Reporter sind permanent von Lärm, Emotionen und äußeren Reizen umgeben. Wie kann man diese Störfaktoren gezielt ausblenden?
Unser Gehirn kann sowieso nie alles gleichzeitig bewusst verarbeiten. Daher wird bei uns allen der Großteil der Informationen die die Sinne ins Gehirn liefern unbewusst ausgefiltert. Sie tragen vermutlich gerade eine Hose, das heißt die Nervenzellen der Beine melden die ganze Zeit, da ist was auf der Haut. Aber das ändert sich nicht, es wird uns nicht bewusst. Außer wir rufen es im Sinne einer Achtsamkeitsübung ab. Dann nehmen wir es wahr.

Stadion kommt natürlich viel mehr über die Sinne an: Da brüllt jemand neben Ihnen ins Mikrofon, hinter Ihnen springt ein Fan mit Bierbecher durchs Bild und gleichzeitig sollen Sie noch taktisch analysieren, warum der Linksverteidiger gerade zu spät rausgerückt ist. Das Gehirn muss also viel stärker filtern. Genau das ist Aufmerksamkeit, Fokus. Das unrelevante Ausblenden. Auch hier hilft vor allem Erfahrung und Übung. Ich bin kein Reporter, aber habe z.B. für meine Gedächtnismeisterschaften öfter in lauten Cafés oder vollen Zügen trainiert, genau aus dem Grund. Wäre eigentlich mal interessant für mich, ob Reporter das auch tun. Das Gehirn jedenfalls lernt: Der Lärm gehört hier dazu, gefährlich ist hier eigentlich nur das offene Mikrofon.

Gibt es konkrete Routinen, mit denen sich Moderatoren auf solche kurzen Live-Momente vorbereiten können?
Ich habe mich tatsächlich mit einzelnen Reportern und Moderatoren darüber unterhalten, wie sie mit Livesituationen umgehen. Aber ehrlich gesagt kenne ich da weniger spektakuläre Geheimtechniken als man vielleicht denkt. Viele Routinen sind erstaunlich simpel. Gerade das funktioniert fürs Gehirn oft am besten.

Ein Klassiker ist: die ersten Sätze schon vorher im Kopf haben. Das Gehirn mag Anfänge. Wenn der Einstieg sitzt, läuft der Rest oft viel entspannter. Andere achten bewusst auf die Atmung oder machen kurz vor der Schalte etwas ganz Banales, etwa noch mal ein Glas Wasser einschenken. Klingt wenig beeindruckend, hilft dem Gehirn aber enorm, nicht in den „Oh Gott, jetzt live!“-Modus zu rutschen.

Wie wichtig ist es, Informationen im Vorfeld so zu strukturieren, dass sie unter Druck schnell abrufbar sind?
Extrem wichtig. Unser Gehirn speichert Informationen nicht wie ein Computer ordentlich in Ordnern ab. Eher wie eine Wohnung, in der man Dinge schneller findet, wenn sie einen festen Platz haben. Unter Druck merkt man sofort, ob Wissen gut strukturiert ist oder nur irgendwie „da oben herumliegt“. In der Forschung gibt es die „Skilled Memory Theory“ von K. Anders Ericsson, also eine Theorie zu außergewöhnlichen Gedächtnisleistungen von Experten. Und da sind neben Übung auch Abrufstrukturen zentral.

Genau deshalb arbeiten viele Profis mit klaren mentalen Strukturen, teilweise sogar unbewusst. Also nicht hundert Einzelinformationen merken, sondern Zusammenhänge. Im Fußball vielleicht: Taktik, Schlüsselspieler, Dynamik im Spiel. Dadurch muss das Gehirn im Live-Moment nicht alles neu zusammensuchen.

Das gibt dann auch Platz für die Inhalte, die keinen Zusammenhang haben. Die Namen der Spieler von Curaçao, von denen auch für den Experten viele neu sind, die müssen halt als Einzelinhalt gelernt werden. Und zwar so gut, dass der Abruf live wenig Mühe kostet. Manche nutzen da die gleichen Merktechniken wie ich im Gedächtnissport. Zudem arbeiten sie ja auch nicht alleine, sondern kriegen Statistiken, Daten oder Einblendungen zugespielt. Wenn das Grundschema passt, kann das super ergänzt werden. Fehlt es, wäre das im ungünstigen Fall der Tropfen, der Fass zum Überlaufen bringt und dann klappt erstmal gar nichts.

Wir können das mit einer Küche vergleichen: Wenn Sie beim Kochen erst überlegen müssen, wo eigentlich das Messer liegt, wird das Essen stressig. Wenn alles seinen Platz hat, können Sie sich auf ein neues Rezept konzentrieren. So arbeitet auch unser Gedächtnis.

Viele Situationen entstehen spontan – etwa bei überraschenden Spielverläufen. Wie trainiert man Flexibilität im Kopf?
Gute Improvisation entsteht meistens nicht so spontan, wie wir denken. Im Impro-Theater sieht man das wunderbar. Die Schauspieler bekommen spontan neue Wörter oder völlig absurde Situationen zugerufen und wirken dabei unglaublich flexibel. Aber dahinter stecken klare Regeln, trainierte Muster und oft auch vorbereitete Elemente, die modular kombiniert werden. Sonst wäre das Chaos, nicht Kreativität.

Bei Reportern ist es sehr ähnlich. Wer spontan auf einen überraschenden Spielverlauf reagieren will, braucht im Kopf erst einmal stabile Strukturen. Wie wir gerade schon besprochen haben: Wenn das Grundgerüst sitzt, bleibt überhaupt erst Platz für Neues. In meinem Buch „Mehr Platz im Gehirn“ schreibe ich: „Struktur und Ordnung entspannen dann, wenn alles seinen festen Platz hat.“ Genau das gilt hier auch. Struktur macht das Gehirn nicht starr, sondern flexibel.

Und diese Flexibilität kann man trainieren. Eine einfache Übung ist zum Beispiel, sich bewusst kleine mentale Variationen auszudenken. Also nicht immer denselben Weg zur Arbeit nehmen oder beim Lesen eines Artikels kurz überlegen: „Wie würde ich das jemand anderem erklären?“ Das zwingt das Gehirn, flexibel zwischen Perspektiven zu wechseln.

Und wer meint, er sei nicht schlagfertig oder die beste Idee kommt mir immer erst später, kann man anfangen die zu sammeln. Oder als Reporterbeispiel, wenn im Spiel unerwartet eine Taube aufs Feld fliegt, oder in Mexiko vielleicht ein Roadrunner, verpasse ich vielleicht die Chance für einen geilen Spruch. Kann ich mich drüber ärgern, oder nach dem Spiel doch noch fünf Sprüche ausdenken, die überzeugt hätten und so das Hirn trainieren, das beim nächsten unerwarteten Erlebnis die Ideen noch schneller und spontaner kommt.

Welche Rolle spielt Erfahrung im Vergleich zu gezieltem mentalem Training?
Das ist kein Widerspruch, im Gegenteil: Erst zusammen wird es richtig stark. Erfahrung liefert dem Gehirn reale Situationen und Muster. Mentales Training hilft dabei, diese Erfahrungen zu strukturieren, schneller abrufbar zu machen und auch auf neue Situationen zu übertragen.

Kann man sich auf Stresssituationen wie Live-Schalten oder schnelle Analysen gezielt „trainieren“ – ähnlich wie ein Sportler?
Ja, absolut. Genau wie wir gerade schon besprochen haben, lernt das Gehirn durch Wiederholung und realistische Vorbereitung. Für das Gehirn macht es einen riesigen Unterschied, ob eine Situation komplett neu wirkt oder schon ein bisschen vertraut. Deshalb trainieren gute Reporter, Moderatoren oder Sportler nicht nur Inhalte, sondern auch Drucksituationen. Und man kann das Gehirn tatsächlich gezielt beruhigen. Atmung ist sehr wichtig um die Amygdala, also unser emotionales Alarmsystem, herunterzufahren. Langsamer ausatmen hilft erstaunlich gut. Das signalisiert dem Gehirn: Keine Gefahr, alles unter Kontrolle.

Ein zweiter Trick ist, den Fokus bewusst nach außen zu richten. Also nicht denken: „Hoffentlich verspreche ich mich nicht“, sondern: „Was will ich gerade verständlich machen?“ Das klingt klein, verändert aber die Aktivität im Gehirn!

Wie geht man damit um, wenn man sich vor laufender Kamera verspricht oder den Faden verliert?
Heute freuen sich manche wahrscheinlich erstmal, weil der Versprecher viral geht und plötzlich neue Instagram-Follower bringt. Aber im Ernst: Das Entscheidende ist meistens gar nicht der Fehler selbst, sondern wie man danach reagiert. Unser Gehirn bewertet kleine Patzer oft viel dramatischer als das Publikum. Sobald man anfängt zu denken: „Oh nein, jetzt bloß keinen zweiten Fehler machen“, bindet die Aufmerksamkeit und macht alles eher schwieriger. Deshalb hilft es enorm, Fehler nicht als Katastrophe zu interpretieren, sondern als normalen Teil von Live-Situationen.

Profis lernen mit der Zeit: ruhig bleiben, kurz korrigieren, wenn wirklich nötig, weitermachen, als wenn nichts war. Das Gehirn stabilisiert sich dann viel schneller wieder. Und ehrlich gesagt wirken Menschen oft sogar sympathischer, wenn sie nicht komplett perfekt funktionieren. Das gilt im Fernsehen genauso wie im Alltag. Und wenn man gerade ganz hängt, kurz Mikro aus, durchatmen, Schluck Wasser. Oder den Co-Kommentatoren eben als Wort lassen, wenn einer da ist.

Welche Unterschiede gibt es mental zwischen Moderation im Studio und direkter Arbeit am Spielfeldrand?
Der Unterschied ist enorm. Im Studio ist vieles kontrolliert, am Spielfeldrand herrscht eher kontrolliertes Chaos. Dort muss das Gehirn permanent entscheiden: Was ist gerade wichtig und was kann ich ausblenden? Ich habe Andrea Kaiser einmal einige Wochen für die ZDF-Show «Deutschlands Superhirn» trainiert. Aber auch das hat ihr natürlich nicht geholfen, als ihr Jahr später live ein Ball an den Kopf geflogen ist, während des Interviews am Spielfeldrand. Manche Reize sind schlicht zu plötzlich und zu stark, da übernimmt das Gehirn sofort komplett die Aufmerksamkeit.
Auch in weniger starken Ausnahmefällen muss am Spielfeldrand muss das Drumherum mehr wahrgenommen werden. Läuft da gerade ein potentieller Gesprächspartner vorbei? Was passiert um mich rum? Da kann in der Kommentatoren-Box oder im Studio bewusster gearbeitet und mehr ausgeblendet werden.

Wenn Sie einen zentralen Tipp für Reporter und Moderatoren bei der WM geben müssten: Was hilft am meisten, um in entscheidenden Sekunden zu performen?
Die langweilige Antwort wäre natürlich: Vorbereitung. Aber natürlich wissen das Profis längst, sonst wären sie nicht bei einer WM. Deshalb vielleicht eher ein Tipp, den viele noch unterschätzen: Visualisierung. Das nutzen Spitzensportler vor allem im Individualsport, funktioniert aber genauso für Reporter oder Moderatoreninnen. Das Gehirn kann erstaunlich gut durch intensiv vorgestellte Situationen „mittrainieren“. Wer also vor einer Liveschalte kurz gedanklich durchgeht: Wie starte ich? Was passiert, wenn es hektisch wird? Wie reagiere ich ruhig, nimmt dem Gehirn einen Teil der Überraschung. Und das dann nicht nur als Konzept, sondern so bildhaft wie möglich? Wie guckt Nagelsmann, wenn sein Stürmer den Ball versenkt? Wo wird das Weltbild hin schalten, wenn ein Flitzer über den Platz rennt?

Und aus dem Gedächtnistraining kennen wir noch etwas Wichtiges: Bilder und Emotionen machen Inhalte eben auch viel stabiler abrufbar. Wer Informationen, wie Namen, Statistiken und Fakten nicht nur trocken lernen, sondern mit kleinen Geschichten oder inneren Bildern verknüpft, kann sie unter Druck oft viel leichter abrufen. Genau das hilft dann in diesen entscheidenden Sekunden live auf Sendung.

Vielen Dank für die Informationen!

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16.06.2026 12:59 Uhr  •  Fabian Riedner Kurz-URL: qmde.de/172527