Ein Film, der Urlaubsatmosphäre mit Geschichte verwechselt: Ein Ex-Paar fährt nach Italien...
Stab
Darsteller: Regula Grauwiller, Robert Schupp, Janek Rieke, Emelie Kundrun, Levis Kachel, Henry Horn
Schnitt: Marco Pav D'Auria, Güner Heinzel
Musik: Dieter Schleip
Kamera: Vladimir Subotic, Simon Farmakas
Buch: Birgit Maiwald
Regie: Jophi RiesDie Insel Elba leuchtet in der Nachmittagssonne. Das Meer glitzert. Kleine Häfen schmiegen sich an die Küste. Es sind Bilder, die Fernweh wecken sollen. Nach wenigen Minuten von «Ein Sommer auf Elba» ertappt man sich allerdings bei einem anderen Gedanken: Wie schade, dass ausgerechnet dieser Film dort spielt.
Denn Jophi Ries’ Beitrag zur langlebigen ZDF-Reihe „Ein Sommer in …“ demonstriert nahezu exemplarisch, wie wenig eine schöne Kulisse allein retten kann. Denn «Ein Sommer auf Elba» ist von der ersten Minute an ein schier erschreckend belangloser Film, wo fast jede Figur, jeder Konflikt und jede Wendung so vorhersehbar wirkt, dass man das Gefühl hat, nicht einen Film zu sehen, sondern seine mühselige algorithmische Zusammenfassung.
Die Handlung erzählt sich fast von selbst: Maja, gespielt von Regula Grauwiller, fährt trotz Scheidung weiterhin gemeinsam mit ihrem Ex-Mann Thorsten und ihren beiden Söhnen in den Urlaub. Die Idee dahinter ist nachvollziehbar: Man möchte für die Kinder ein Stück Familiengefühl bewahren. Dass dieses Vorhaben in der Realität komplizierter ausfällt als gedacht, wäre ein durchaus interessantes Thema gewesen. Schließlich steckt darin die Frage, wie Familien nach einer Trennung funktionieren können und welche Erwartungen Menschen aneinander haben, wenn die eigentliche Beziehung längst beendet ist.
Doch «Ein Sommer auf Elba» interessiert sich erstaunlich wenig für diese Fragen. Statt die Konflikte ernsthaft auszuloten, reduziert sie das Drehbuch von Birgit Maiwald auf ein Niveau, das selten über Küchenpsychologie hinausgeht. Maja möchte Gemeinschaft, die anderen wollen ihre Ruhe. Thorsten denkt an die Arbeit. Die Söhne hängen am Smartphone. Daraus entwickelt der Film einen Konflikt, der zwar ständig behauptet wird, aber kaum jemals echte emotionale Glaubwürdigkeit entwickelt.
Besonders problematisch ist dabei die Hauptfigur selbst. Maja soll offenbar als sympathische Frau erscheinen, die endlich einmal an sich denkt und aus den festgefahrenen Familienstrukturen ausbricht. Tatsächlich wirkt ihr Verhalten über weite Strecken aber eher impulsiv als emotional nachvollziehbar. Denn als sie ihre Familie kurzerhand verlässt, um mit dem charmanten Lorenzo Zeit zu verbringen, entsteht keine Befreiungsgeschichte, sondern vor allem Irritation. Der Film möchte diesen Schritt als Selbstfindung inszenieren, übersieht dabei aber, dass die Figur emotional erstaunlich unausgereift erscheint. Statt Mitgefühl empfindet man häufig bloß Verwunderung.
Hinzu kommt, dass Lorenzo, gespielt von Robert Schupp, stark wie die personifizierte Fantasie eines Fernsehfilm-Drehbuchs wirkt. Er betreibt einen idyllischen Glamping-Platz, ist verständnisvoll, attraktiv, humorvoll und praktisch frei von erkennbaren Schwächen. Jede Szene mit ihm wirkt von Anfang an so eindeutig auf romantische Erlösung programmiert, dass jede Form von Spannung im Keim erstickt wird. Man weiß praktisch beim ersten Auftritt, welche Funktion diese Figur erfüllen soll.
Überhaupt leidet «Ein Sommer auf Elba» massiv unter seiner Vorhersehbarkeit. Kaum ein Handlungsstrang entwickelt sich anders, als man es bereits nach einer Viertelstunde erwartet. Die Teenager lernen etwas über Familie. Der Ex-Mann erkennt seine Fehler. Die Protagonistin entdeckt neue Perspektiven. Die Insel heilt emotionale Wunden. Jeder Konflikt bewegt sich exakt entlang der Schienen, die das Genre seit Jahren verlegt hat.
Dabei wäre gegen Konventionen grundsätzlich nichts einzuwenden. Viele gute Unterhaltungsfilme arbeiten mit bekannten Mustern. Entscheidend ist, ob sie diesen Mustern neue Nuancen abgewinnen können. Genau daran scheitert «Ein Sommer auf Elba» jedoch fast vollständig. Die Figuren bleiben eindimensional, die Dialoge wirken oft wie aus einem Ratgeber für zwischenmenschliche Kommunikation übernommen, und die Konflikte lösen sich mit einer Bequemlichkeit auf, die beinahe schon unfreiwillig komisch wirkt.

Auch inszenatorisch bleibt der Film bemerkenswert blass. Die Kamera von Vladimir Subotic und Simon Farmakas liefert erwartungsgemäß hübsche Postkartenmotive der Insel, doch die Bilder erzählen selten mehr als ihre touristische Funktion. Elba erscheint nicht als lebendiger Ort mit eigener Identität, sondern als austauschbare Sehnsuchtskulisse. Man könnte große Teile der Handlung vermutlich an die Adria, nach Mallorca oder an einen beliebigen anderen Ferienort verlegen, ohne dass sich wesentlich etwas ändern würde.
Am Ende hinterlässt «Ein Sommer auf Elba» vor allem das Gefühl einer vertanen Gelegenheit. Aus einer Geschichte über moderne Familienmodelle, Entfremdung und persönliche Neuorientierung hätte durchaus ein kluger, leichter Sommerfilm entstehen können. Stattdessen begnügt sich diese Produktion mit den einfachsten Antworten auf die interessantesten Fragen. Dabei verwechselt sie stets Harmonie mit Tiefe, Romantik mit Charakterentwicklung und Urlaubsatmosphäre mit Erzählung.
Der Film «Ein Sommer auf Elba» wird am Sonntag, den 7. Juni um 20.15 Uhr im ZDF ausgestrahlt.