‚Die Fernbedienung ist eine unschlagbare Erfindung. Besser als alles andere.‘

Medienpionier Roger Schawinski spricht im Interview über die Zukunft des klassischen Fernsehens, die rasante Entwicklung von Künstlicher Intelligenz und die gesellschaftlichen Folgen einer zunehmend atomisierten Medienwelt. Außerdem blickt der frühere Sat.1-Geschäftsführer auf Harald Schmidt, die Krise der Medienbranche und sein neues Buch über das Älterwerden zurück.

In Ihrem Buch schreiben Sie sehr offen über das Älterwerden, über Wandel und gesellschaftliche Umbrüche. Haben Sie das Gefühl, dass auch die Medienbranche heute an einem ähnlichen Punkt steht – zwischen Tradition und kompletter Neuerfindung?
Wir stehen wohl an einem Kipppunkt. Viele Medienangebote sind kaum mehr refinanzierbar. Das kann zu echten Verwerfungen führen, die die Demokratie ernsthaft beschädigen würden.

Sie waren vor 20 Jahren Geschäftsführer von Sat.1. Wenn Sie heute auf das deutsche Fernsehen blicken: Hat das klassische Privatfernsehen seinen Kompass verloren oder wird seine Bedeutung gerade wieder unterschätzt?
Das klassische Privatfernsehen hält sich länger und besser, als dies seit so vielen Jahren prognostiziert wurde. Auch wenn die Umstände eher schwieriger geworden sind.

Als Medienmacher haben Sie den Übergang von wenigen linearen Programmen hin zu Streaming, Social Media und KI erlebt. Gab es einen Moment, in dem Sie gespürt haben: Das Fernsehen, wie wir es kannten, wird verschwinden?
Nein, die Fernbedienung ist eine unschlagbare Erfindung. Besser als alles andere.

In Ihrem Buch beschreiben Sie, wie sehr Ihre Generation technologische Revolutionen erlebt hat – von der Schreibmaschine bis zu KI-Systemen wie ChatGPT. Glauben Sie, dass KI den Medienmarkt ähnlich radikal verändern wird wie einst das Privatfernsehen?
Viel stärker – und vor allem viel schneller! Vor vier Jahren, vor ChatGPT, war es praktisch inexistent. Und jetzt ist die KI schon in beinahe in alle Gefilde vorgedrungen. Und dies ist erst der Anfang.

Hätten Sie in Ihrer Zeit bei Sat.1 bereits geglaubt, dass irgendwann Plattformen wie Netflix oder Amazon das klassische Fernsehen so massiv unter Druck setzen würden?
Netflix hat mit dem Verschicken von CDs begonnen. Erst als das Streaming technologisch zur Verfügung stand, erfolgte diese Revolution, die heute aber an Grenzen stößt. Die meisten dieser Angebote sind hoch defizitär.

Sie haben mit Harald Schmidt gearbeitet, der wie kaum ein anderer für intelligentes Late-Night-Fernsehen stand. Wie schwierig war der Umgang mit einer so starken Persönlichkeit – und war Schmidt seiner Zeit vielleicht voraus?
Harald ging ja, als ich kam. Später hat er mir gestanden: „Du hast es abgekriegt, sorry.“ In Wirklichkeit war er damals total ausgepowert und suchte nach einem dramatischen Abgang. Nach seiner „kreativen Pause“ von einem Jahr kam er nie mehr auf die frühere Flughöhe.

Brauchen Menschen heute wieder mehr verlässliches Fernsehen? Also Programme, die Orientierung geben und nicht nur maximale Aufmerksamkeit erzeugen wollen?
Ja, das ist ein Versprechen. Gelernte Sendeplätze geben Sicherheit. Und danach sehnt man sich auch heute im immer unübersichtlicheren Angebot.

Viele junge Menschen konsumieren Inhalte nur noch zerstückelt über TikTok, YouTube oder Streams. Geht dadurch etwas verloren, was Fernsehen früher ausgemacht hat: das gemeinsame Erlebnis?
Auf jeden Fall. Die Atomisierung der Medienlandschaft hat leider sehr viele negative Effekte hervorgebracht.

Sie schreiben, dass Ihre Generation immer wieder gesellschaftliche Veränderungen angestoßen hat. Vermissen Sie heute in den Medien manchmal den Mut zu echter Reibung und Debatte?
Die gibt es doch noch immer: Bei Lanz, bei Maischberger. Da finde ich tolle Sendungen. Auch ich führe weiterhin Woche für Woche kritische Interviews auf meinem Sender Radio 1. Wer sucht, der findet.

Sie beschreiben die Boomer als eine Generation, die sich Rechte und Freiheiten aktiv erkämpft hat. Hat das heutige Fernsehen Ihrer Meinung nach noch genug Haltung – oder ist vieles zu vorsichtig geworden?
Vor allem empfinde ich die permanente Krimi-Flutwelle der Öffentlich-Rechtlichen als mutlos. So holt man sich auf durchsichtige Weise Quote – und liefert vor allem Ablenkung.

In „Hallo Boomer“ sprechen Sie viel über „Bonus-Jahre“ und darüber, wie man sich geistig fit hält. Was hält Sie persönlich heute noch neugierig?
Ich bleibe ein Newsjunkie. Ich lese und sehe alles. Und meine eigenen Interviews sind eine Form von Hirn-Jogging. Neben den kognitiven Aktivitäten betreibe ich Sport, schlafe viel und esse gesund.

Sie zitieren den Satz „Das Alter ist nichts für Feiglinge“. Was war für Sie bislang die größte Herausforderung am Älterwerden?
Dass es eigentlich nur darum geht, die gesunde Lebenszeit (Healthspan) zu verlängern. Und die Zeit, die danach kommt, möglichst kurz zu halten. Um dies zu erreichen, muss man sich sehr ernsthaft mit dem wichtigsten Boomer-Projekt beschäftigen: mit sich selbst und dem eigenen Verhalten. Das Thema hat man derart fasziniert, dass ich mich als Journalist detailliert informiert habe. Das Resultat ist mein Buch, das in der Schweiz richtig eingeschlagen hat und drei Monate auf der Bestseller-Liste stand. Auch die Rückmeldungen waren und sind phänomenal.

Sie wirken bis heute enorm aktiv und präsent. Gibt es etwas, das Sie mit 80 bewusster genießen als früher?
Eigentlich alles, sowohl die Aktivitäten als auch die Ruhephasen. Und ich fühle mich als Glückspilz, dass ich in diesem Alter so viel besser unterwegs bin, als ich es mit Blick auf die früheren Generationen erwartet habe.

Im Buch beschreiben Sie, wie wichtig soziale Kontakte und geistige Offenheit im Alter sind. Haben Medien heute eher die Kraft, Menschen zusammenzubringen – oder treiben sie die Gesellschaft auseinander?
Beides. Aber es ist immer schwieriger, zwischen Fake-News und echten Informationen zu unterscheiden. Das kann für eine Gesellschaft ins Auge gehen.

Wenn Sie auf Ihre Karriere zurückblicken: Gibt es eine Entscheidung, bei der Sie heute sagen würden – die würde Roger Schawinski im Jahr 2026 ganz anders treffen?
Da gibt es einige. Aber meine Rückschläge waren wichtig. Erstens habe erfahren, wie ich es beim nächsten Mal anders anstellen sollte. Noch entscheidender: Dass mich nichts so schnell umwerfen kann. Und eine weitere Erfahrung, die ich gemacht habe, ist, dass jedes katastrophale Ereignis eine vielleicht kleine, versteckte positive Seite hat. Und meine Aufgabe ist es, diese aktiv zu finden.

Herr Schawinksi, vielen Dank für Ihre Zeit!

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18.06.2026 12:04 Uhr  •  Fabian Riedner Kurz-URL: qmde.de/172124