Yannick Posse: ‚«Der Lehrer» soll dem Publikum wieder Hoffnung und Zuversicht geben‘

Mit neuen Figuren, aktuellen Themen und Hendrik Duryn erneut als Stefan Vollmer kehrt «Der Lehrer» nach mehreren Jahren Pause zurück. Autor Yannick Posse spricht über den Spagat zwischen Nostalgie und Neuanfang, gesellschaftliche Veränderungen im Schulalltag – und warum die Serie gerade heute wieder gebraucht wird.

Herr Posse, «Der Lehrer» kehrt nach einigen Jahren Pause zurück – was hat Sie an der Idee gereizt, die Serie noch einmal neu zu erzählen?
«Der Lehrer» war immer schon ein Format, das mit dem Publikum den Pakt eingeht, dessen Zeit und Aufmerksamkeit am Ende jeder Episode mit einem Gefühl von Hoffnung zu belohnen. In einem Umfeld geprägt von einer scheinbar endlosen Aneinanderreihung von Krisen und immer neuen Herausforderungen für die Gesellschaft war die Aussicht reizvoll, dem Publikum erneut ein positives Gefühl mit in den Alltag geben zu können. Die Themen Schule und Bildung haben an Aktualität in den Jahren nichts eingebüßt, im Gegenteil verdienen sie noch mehr Aufmerksamkeit, weil sie in Krisenzeiten schnell drohen, in den Hintergrund zu geraten. Gleichzeitig sind seit der letzten Staffel vielfältige neue Herausforderungen für Lehrkräfte, Eltern und Jugendliche hinzugekommen, die einen erneuten Blick auf den Mikrokosmos Schule wertvoll machen.

Die Figur Stefan Vollmer ist für viele Zuschauer eng mit der alten Serie verbunden. Wie gelingt es, diesen Charakter weiterzuentwickeln, ohne seinen Kern zu verlieren?
Stefan Vollmer ist inzwischen Vater einer Tochter im Teenager-Alter und muss sich auch an seiner neuen Schule in einem veränderten gesellschaftlichen Kontext neu beweisen, obwohl er inzwischen umfangreiche Erfahrung als Lehrer mitbringt. Beides sind Herausforderungen, die auf einer natürlichen Weiterentwicklung eines reiferen Charakters beruhen und die direkt mit dem Kern der Figur kollidieren: Sie stellt ihre eigenen Bedürfnisse hintenan, um sich auf einzigartige Weise mit den Problemen der Kinder und Jugendlichen an der Schule auseinanderzusetzen. In diesem Spannungsfeld lassen sich dann, gerade als „der Neue“ an der Schule, immer wieder frische, neue, unterhaltsame Momente entdecken, ohne den Kern der Figur und der Show an sich zu verraten.

Gleichzeitig startet die Serie mit einem weitgehend neuen Cast. Wie wichtig war es, bewusst einen Generationswechsel einzuleiten?
Die Gefahr bei einer Neuauflage war immer, sich zu sehr auf die alten Muster und Mechaniken in den Figurenbeziehungen zu verlassen, was zum einen die Gefahr birgt, sich zu wiederholen und zum anderen für ein neues Publikum die Einstiegsschwelle erhöht. Also haben wir uns bewusst dazu entschlossen, Stefan und seine Tochter in ein neues Umfeld zu setzen. So reduzieren wir das Format auf seinen Kern und können neu auf diesem aufbauen. Stefan Vollmer dann mit neuen Figuren zu konfrontieren, die ihn und seine Art noch nicht kennen, wie etwa Birte Hanusrichter als neue Nachbarin, Tanja Schleiff als Schulleiterin oder die zahlreichen Schülerinnen und Schüler, ermöglicht uns einen frischen Blick auf eine bekannte Figur, der sowohl für erfahrene «Lehrer»-Fans als auch für ein neues Publikum reizvoll ist. Das heißt aber nicht, dass das Vergangene keine Rolle mehr spielt. Die Vorgeschichte ist und bleibt ein fester Bestandteil der Erfahrungswelt unserer Charaktere und vielleicht taucht ja sogar die eine oder andere Figur aus der Vergangenheit wieder auf …

Die neuen Folgen greifen Themen wie Leistungsdruck, Angstzustände oder sexuelle Identität auf. Hat sich der Ton der Serie im Vergleich zu früher verändert?
Das ist mit Sicherheit der Fall, wenn auch kein bewusster Prozess. Vielmehr ist es eine Wechselwirkung mit den Themen, die wir behandeln, und der Gesellschaft, in der die Serie nicht nur spielt, sondern auch produziert wird. Das gesamte kreative Team, allen voran unsere Autorinnen und Autoren, leben ja nicht in einem Vakuum, sondern nehmen Schwingungen und Strömungen in der Gesellschaft bewusst und unterbewusst auf, was sich dann auch in der Umsetzung wiederfindet.

«Der Lehrer» war immer eine Mischung aus Humor und ernsten Themen. Wie findet man heute die richtige Balance zwischen Unterhaltung und gesellschaftlicher Relevanz?
Bei allen Themen, mit denen wir uns beim «Lehrer» auseinandersetzen, ist uns wichtig, dem Publikum einen facettenreichen Blick auf die Vielschichtigkeit und Komplexität der Probleme zu ermöglichen. Wir binden das Publikum so aktiv in den Lösungsprozess mit ein, statt zu belehren. Der Humor ist dafür für mich als leidenschaftlicher Comedy-Autor das wertvollste Werkzeug: Er ermöglicht es uns, auch schwergewichtige Themen lustvoll und unterhaltsam zu erzählen und das Publikum dabei auf einer emotionalen Ebene zu berühren. Ehrlichkeit gehört übrigens genauso dazu: Manchmal gibt es keine einfachen Antworten und dann sagen wir das auch so.

Schulen und Jugendliche haben sich in den letzten Jahren stark verändert – etwa durch Social Media oder psychische Belastungen. Wie spiegelt sich das konkret in den neuen Geschichten wider?
Die Gefahr bei einer fiktionalen Serie ist, durch den relativ langen Zeitraum zwischen Buchentwicklung und Ausstrahlung von konkreten Themen links und rechts überholt zu werden. Beispiel Social Media: Wenn wir heute eine Folge plotten, die nächstes Jahr ausgestrahlt wird, kann bis dahin ein Verbot für Jugendliche existieren, das die Geschichte maßgeblich beeinflusst hätte. Darum versuchen wir immer, hinter den ganz konkreten Problemen die allgemeingültigen Themen zu finden, die für das Publikum relevant sind. Social Media kann sich da z. B. aufblättern in Drogensucht, den Wunsch nach Zugehörigkeit oder Identitätssuche. Und ganz gleich, wie die Welt in zwei, drei Jahren konkret aussieht, diese Themen werden auch dann noch relevant sein.

Die Serie kehrt direkt in die Primetime zurück – mit gleich drei Folgen am Stück. Verändert das auch die Dramaturgie oder Erzählweise?
Nein. Die Entscheidung, wann und wie das Format ausgestrahlt wird, fällt lange nachdem die inhaltliche Arbeit abgeschlossen ist, daher spielt sie für unsere Erzählweise keine Rolle.

Gleichzeitig startet die Staffel vorab auf RTL+. Welche Rolle spielt Streaming für die Weiterentwicklung der Serie?
Streamer-Serien sind in der Regel deutlich schärfer und spitzer auf eine bestimmte Zielgruppe zugeschnitten, als es bei linearen Formaten der Fall ist. Bei «Der Lehrer» war aber von Anfang an klar, dass die Folgen sowohl linear bei RTL als auch im Streaming bei RTL+ gezeigt würden, sodass wir unserer bewährten Kombination aus abgeschlossenen Fällen an der Schule und horizontalen privaten Bögen treu geblieben sind, die in beiden Auswertungskanälen gut funktioniert.

Viele Serien-Revivals kämpfen damit, entweder zu nostalgisch oder zu weit weg vom Original zu sein. Wie haben Sie diesen Spagat gelöst?
Wir waren uns sehr bewusst, dass ein Revival immer auch eine Gratwanderung ist zwischen den Erwartungen langjähriger Fans und denen einer deutlich veränderten Medienlandschaft. RTL und die MadeFor Film um Nanni Erben und Gunnar Juncken haben deshalb ganz bewusst das alte kreative Kernteam (Sylke Poensgen, Christian Munder, Hendrik Duryn und mich) wieder verpflichtet, um das Herz des Formats zu beschützen, und dieses dann um frische Autorinnen und Autoren ergänzt, die wertvolle Impulse und neue Sichtweisen mitgebracht und uns erlaubt haben, die Figuren und damit die Show organisch weiterzuentwickeln und modern zu erzählen, ohne ihren Kern zu verraten.

Mit Hendrik Duryn als Creative Consultant ist auch der Hauptdarsteller stark eingebunden. Wie lief die Zusammenarbeit im Autorenprozess konkret ab?
Hendrik ist ein ungemein wichtiger Bestandteil in der kreativen Findungsphase einer jeden Geschichte. Er kennt Stefan Vollmer wie kaum ein Zweiter und seine Instinkte auf der Suche nach Wahrhaftigkeit sind oft entscheidende Impulse für die unkonventionellen Problemlösungsstrategien seiner Figur oder den emotionalen Kern einer Geschichte. Wir gestalten die Bucharbeit ohnehin als kollaborativen Prozess, bei dem die Episodenautorinnen und -autoren immer wieder mit dem gesamten kreativen Team in Kontakt stehen, zu dem Hendrik so selbstverständlich dazugehört wie unsere Redakteurin Sylke Poensgen, und mit dem in gemeinsamer Arbeit die nächsten Schritte beschlossen werden. Nur so können die vielschichtigen, komplexen Figuren und Episodenplots entstehen, die «Der Lehrer» ausmachen.

Der Titel «Der Lehrer» steht für eine sehr klare Perspektive. Haben Sie darüber nachgedacht, die Serie stärker aus Sicht der Schüler zu erzählen?
Tatsächlich wäre es gelegentlich leichter, die Geschichten aus der Perspektive der Jugendlichen zu erzählen, denn sie sind in einem Alter, in dem viele Probleme existenziell wirken, die aus einer erwachsenen Perspektive vielleicht gar nicht so dramatisch anmuten. Aber durch die klare Erzählperspektive von «Der Lehrer» entsteht eine besondere Konstellation: Unsere Hauptfigur des Lehrers ist nicht die Hauptfigur des eigentlichen Episodenplots, der an der Schule spielt. Das zwingt uns als Kreative dazu, einen Weg zu finden, Stefan Vollmer über seine reine Funktion an der Schule hinaus emotional in das jeweilige Thema der Jugendlichen zu involvieren, was uns wiederum ermöglicht, ein viel breiteres Publikum emotional anzubinden, als es aus der Perspektive der Jugendlichen der Fall wäre.

Wenn Sie auf die neuen Folgen blicken: Was macht diese Neuauflage von «Der Lehrer» heute relevant – und warum braucht es die Serie gerade jetzt wieder?
Wir stecken gerade in einer sehr krisenhaften Zeit auf einer Welt, die sich immer schneller zu drehen scheint und auf der die Menschen drohen, den Anschluss zu verlieren. Man sehnt sich nach der „guten alten Zeit“, nach Vertrautheit in einer Welt, die sich rasend schnell verändert, nach einem Gefühl von Hoffnung und Zuversicht, aber auch danach, als Mensch mit seinen Problemen ernstgenommen zu werden. «Der Lehrer» hat die Chance, der Lebenswelt der Jugendlichen eine Bühne zu geben und Alltagsthemen zurück in den Fokus zu holen, die in der Flut sich überschlagender Ereignisse untergehen. Und wenn es uns dann noch gelingt, dem Publikum für eine Weile eine Atempause zu verschaffen und es danach mit einem besseren Gefühl zurück in den Alltag zu entlassen, haben wir schon viel erreicht.

Danke für Ihre Zeit!

«Der Lehrer» ist ab Donnerstag, 28. Mai, bei RTL zu sehen. Die Episoden sind schon bei RTL+ abrufbar.
26.05.2026 12:27 Uhr  •  Fabian Riedner Kurz-URL: qmde.de/171922