Die Kritiker: «Merz gegen Merz - Geständnisse»

Die beliebte ZDF-Serie bekommt einen Filmableger, an dem klar wird: Inzwischen hat sich das Konzept überholt.

Stab

Darsteller: Christoph Maria Herbst, Annette Frier, Philip Noah Schwarz, Michael Wittenborn, Claudia Rieschel, Bernd Stegemann
Schnitt: Martin Mayntz
Kamera: Brendan Uffelmann
Buch: Annekathrin Lang, Ralf Husmann
Regie: Felix Stienz
Mit Familienkomödien ist es ja oft wie mit Hotel-Frühstücksbuffets: Alles steht bereit, alles sieht halbwegs appetitlich aus, und doch schmeckt am Ende vieles nach derselben industriell gefertigten Grundsoße. Auch «Merz gegen Merz» war stets dann am stärksten, wenn die Serie ihren Figuren erlaubte, verletzlich zu sein, statt bloß neurotisch. Der Ableger im Spielfilmformat namens «Geständnisse», inszeniert von Felix Stienz, schwankt nun bemerkenswert zwischen diesen beiden Polen: Er möchte zugleich Familienaufstellung, Boulevardfarce und melancholische Bestandsaufnahme einer saturierten Mittelschicht sein – und scheitert gerade deshalb immer wieder auf interessante Weise.

Der Plot ist denkbar überschaubar: Erik Merz, gespielt von Christoph Maria Herbst mit jener Mischung aus panischer Selbstüberschätzung und kontrolliertem Zusammenbruch, die inzwischen fast sein Markenzeichen geworden ist, soll einen Ehrenpreis erhalten. Natürlich gerät das Gala-Wochenende zur emotionalen Kernschmelze. Ex-Frau Anne, neue Partner, alte Kränkungen, Beziehungsmüdigkeit, Demenz, Karriereneurosen, Generationenkonflikte – das Drehbuch von Annekathrin Lang und Ralf Husmann wirft alles in einen Topf und rührt energisch um.

Das Erstaunliche daran: Der Film funktioniert immer dann am besten, wenn er aufhört, funktionieren zu wollen.

Denn «Merz gegen Merz – Geständnisse» besitzt durchaus Momente von großer Präzision. Besonders die Szenen um den zunehmend in der Demenz versinkenden Ludwig, gespielt von Michael Wittenborn, entfalten eine stille Traurigkeit, die der Film ansonsten oft hektisch überspielt. Wittenborn gelingt etwas Seltenes: Er spielt Demenz nicht als dramaturgischen Effekt, sondern als langsames Verschwinden eines Menschen im Beisein seiner Familie. Wenn Claudia Rieschel als Maria daneben sitzt und längst gelernt hat, emotional auf Distanz zu gehen, entsteht plötzlich eine Wahrhaftigkeit, die man im deutschen Eventfernsehen nur selten sieht.

Doch kaum nähert sich der Film solchen stilleren Wahrheiten, bekommt er Angst vor sich selbst. Dann muss schnell wieder ein Gag her, ein peinlicher Auftritt, eine Verwechslung, ein hysterischer Dialog. Das erinnert bisweilen an Produktionen, die ihrem Publikum nicht zutrauen, einen ernsten Gedanken länger als acht Sekunden auszuhalten.

Dabei hätte der Stoff durchaus das Potenzial für etwas Bittereres gehabt. Diese Familie lebt in einer Welt permanenter Selbstoptimierung: Beziehungen werden gemanagt wie Start-ups, Gefühle moderiert wie Podiumsdiskussionen, Krisen in therapeutisch klingende Formeln übersetzt. Jeder spricht über Ehrlichkeit, aber niemand wagt sie wirklich. Genau darin liegt eigentlich die stärkste Beobachtung des Films: Die Merzens sind Menschen, die jede Sprache für Emotionen beherrschen – außer der emotionalen selbst.

Visuell bleibt das Ganze erwartbar hochwertig. Kameramann Brendan Uffelmann gefällt sich in jenem Streaming-Licht, das inzwischen aussieht, als würden alle deutschen Produktionen im selben Einrichtungshaus stattfinden. Alles glänzt ein wenig zu sehr. Selbst die Krisen wirken ausgeleuchtet.

Und doch bleibt man merkwürdig gern bei dieser Familie. Das liegt vor allem am Ensemble. Annette Frier verleiht Anne eine angenehm erschöpfte Intelligenz; sie spielt keine Sitcom-Figur, sondern eine Frau, die müde geworden ist vom permanenten Vermitteln. Überhaupt sind die Frauenfiguren hier interessanter geschrieben als die Männer, die meist zwischen Selbstmitleid und Orientierungslosigkeit pendeln.

Das zentrale Problem bleibt allerdings der Tonfall. «Geständnisse» möchte gleichzeitig warmherzig und bissig sein, melancholisch und massenkompatibel, gesellschaftskritisch und Wohlfühlunterhaltung. Das kann funktionieren – etwa in den besten Momenten von Noah Baumbach oder Richard Curtis –, verlangt aber eine Konsequenz, die dieser Film nicht besitzt. Stattdessen wirkt vieles wie die vorsichtige Simulation von Tiefe. Man spricht über Einsamkeit, ohne ihre Zumutungen wirklich auszuhalten. Man zeigt familiäre Brüche, aber bitte so, dass anschließend noch beschwingte Musik einsetzen kann.

Vielleicht erzählt der Film damit allerdings ungewollt sehr präzise vom Zustand des gegenwärtigen deutschen Unterhaltungsfernsehens: Alles soll emotional relevant erscheinen, aber niemand darf sich dabei ernsthaft unwohl fühlen. Konflikte existieren nur in jener Dosierung, die das Publikum nicht verschreckt.

Der Film «Merz gegen Merz – Geständnisse» wird am Donnerstag, den 21. Mai um 20.15 Uhr im ZDF ausgestrahlt.
19.05.2026 11:02 Uhr  •  Oliver Alexander Kurz-URL: qmde.de/171837