Die Kritiker: «Mama ist die Best(i)e»

Adele Neuhauser kommt gerade aus dem Knast zu ihrer dysfunktionalen Familie zurück: Was folgt, ist extrem witzig, melodramatisch - und ziemlich gut erzählt.

Stab

Darsteller: Adele Neuhauser, Bernhard Schir, Manuel Rubey, Stefanie Stappenbeck, Fanny Krausz, Andreas Lust
Drehbuch: Uli Brée
Regie: Ute Wieland
Kamera: Tobias von dem Borne
Schnitt: Dagmar Lichius
Eine schwerreiche Familie, ein weitläufiges Weingut, eine matriarchale Hauptfigur mit dunkler Vergangenheit und dazu ein Mord, der nie wirklich aufgeklärt scheint: Der zweiteilige ZDF-Film «Mama ist die Best(i)e» gibt sich von Anfang an erfreulich selbstbewusst, um seinen Hang zum Überzeichneten nicht zu verstecken. Denn Regisseurin Ute Wieland und Autor Uli Brée erzählen hier keinen nüchternen Kriminalfall, sondern eine Mischung aus Familiensatire, Gesellschaftskomödie und Kriminalgeschichte, die ihre Freude an Intrigen, Bosheiten und exzentrischen Figuren von der ersten Minute an offen zelebriert.

Im Zentrum des Plots steht Gloria Almeda, gespielt von Adele Neuhauser, die nach zehn Jahren Haft wegen des angeblichen Mordes an ihrem Ehemann in ihre Villa zurückkehrt. Eine Ausgangslage, die man wohl am besten als angenehm altmodisch und zugleich herrlich melodramatisch beschreibt: Die Mutter kehrt heim, und plötzlich geraten sämtliche Familienmitglieder in Unruhe, weil sie alle etwas zu verbergen haben. Der tote Viktor Almeda war ein Tyrann, ein Patriarch der alten Schule, dessen Ableben zwar offiziell aufgeklärt scheint, emotional aber noch längst nicht verarbeitet ist. Dass Gloria überzeugt davon ist, der wahre Täter befinde sich mitten in ihrer dysfunktionalen Sippschaft, gibt dem Film schnell den nötigen Antrieb.

Was «Mama ist die Best(i)e» dabei sympathisch macht, ist seine Lust am Schauspielerensemble. Vor allem Neuhauser trägt den Zweiteiler mit großer Präsenz. Sie spielt Gloria nicht bloß als verletzte Frau auf Rachefeldzug, sondern als eine Figur voller Widersprüche: manipulativ, eitel, scharfzüngig und gleichzeitig verletzlich. Neuhauser besitzt diese seltene Fähigkeit, Härte und Wärme beinahe im selben Satz sichtbar werden zu lassen. Wenn Gloria ihre Familie taxiert wie eine Löwin, die nach langer Abwesenheit in ihr Revier zurückkehrt, dann hat das Wucht. Gleichzeitig blitzt immer wieder eine Müdigkeit auf, die ahnen lässt, wie sehr diese Frau an ihrem Leben und ihren Beziehungen gescheitert ist.

Auch das übrige Ensemble liefert verlässlich ab. Stefanie Stappenbeck, Fanny Krausz und Manuel Rubey spielen die (Schwieger-)Kinder der Familie mit jener Mischung aus Verwahrlosung und Selbstbehauptung, die man aus gehobenen Fernsehfamilienkonstellationen kennt. Diese Menschen lieben einander nicht wirklich, sie verwalten eher ihre gegenseitigen Enttäuschungen. Gerade daraus zieht der Film viele seiner besten Momente. Wenn alte Rechnungen auf den Tisch kommen, wird «Mama ist die Best(i)e» fast zur bitteren Boulevardkomödie.

Der Tonfall des Films bleibt dabei durchwegs stabil melodram-komödiantisch. Uli Brée schreibt Dialoge, die oft bewusst zugespitzt sind, aber nie völlig künstlich wirken. Die Figuren reden selten direkt über ihre Gefühle; stattdessen wird gestichelt, manipuliert und ironisiert. Das erinnert streckenweise an klassische Familiendramen im Stil großer TV-Mehrteiler, ohne sich ganz in deren Schwere zu verlieren. Der Film weiß durchaus, dass seine Geschichte manchmal absurd ist – und genau deshalb funktioniert sie über weite Strecken so gut.

Visuell bleibt die Inszenierung solide und atmosphärisch. Kameramann Tobias von dem Borne setzt die Villa und das Weingut als Ort dekadenter Erstarrung in Szene. Alles wirkt ein wenig zu groß, zu teuer und zu kalt – passend zu einer Familie, die sich emotional längst voneinander entfernt hat. Auch das Szenenbild unterstützt diesen Eindruck überzeugend. Die Räume erzählen hier fast ebenso viel wie die Figuren selbst: Hinter repräsentativen Fassaden liegen Abgründe, Geheimnisse und jede Menge unausgesprochener Hass.

Mit insgesamt drei Stunden Laufzeit wirkt manches jedoch unnötig ausgedehnt. Einige Wendungen werden sehr deutlich vorbereitet, manche Nebenfiguren bleiben eher Funktionsträger als echte Charaktere. Gerade im zweiten Teil droht die Geschichte gelegentlich, sich in ihren Intrigen zu verlieren. Nicht jede Enthüllung besitzt das Gewicht, das der Film ihr zuschreibt.

Glücklicherweise versucht der Film auch dann aber gar nicht erst, coolen Prestige-Krimi zu imitieren. Stattdessen setzt er auf Emotion, Überzeichnung und ein Ensemble, das sichtbar Freude daran hat, diese dysfunktionale Familie zum Leben zu erwecken. Am Ende bleibt «Mama ist die Best(i)e» damit ein erstaunlich unterhaltsamer Zweiteiler, der sich weder für große Gefühle noch für kleinere Übertreibungen schämt. Das ZDF zeigt hier keinen innovativen Fernsehkrimi, wohl aber ein gut gespieltes, pointiert geschriebenes Familiendrama mit Krimielementen, das seine Zuschauer ernst genug nimmt, um ihnen komplexe Figuren zuzumuten – und gleichzeitig klug genug ist, den Spaß an der eigenen Überhöhung nie zu verlieren. Gerade im deutschen Fernsehen, das oft zwischen bierernster Problemprosa und formatiertem Krimi pendelt, ist das durchaus eine Qualität.

Der Zweiteiler «Mama ist die Best(i)e» wird am Montag, den 18. Mai um 20.15 Uhr im ZDF ausgestrahlt.
14.05.2026 11:20 Uhr  •  Oliver Alexander Kurz-URL: qmde.de/171777