‚Das Stigma war auf beiden Seiten der Mauer nahezu identisch‘
Mit der dreiteiligen Dokuserie «Aids – In Zeiten der Liebe» erzählt Johannes Nichelmann die Aids-Krise erstmals als deutsch-deutsche Geschichte. Im Interview spricht der Filmemacher über verdrängte Schicksale, die besondere Rolle der Kulturszene und warum die Geschichten von Heiko Zolchow und Dirk Nawrocki heute wichtiger denn je erscheinen.
Herr Nichelmann, Ihre Dokuserie «Aids in Zeiten der Liebe» erzählt die Aids-Krise erstmals als deutsch-deutsche Geschichte. Was war für Sie der Ausgangspunkt für dieses Projekt?
Ich habe mich gefragt, warum in Deutschland so wenig über diese Zeit gesprochen wird. Während in Großbritannien mit «It’s a Sin» oder in den USA mit Serien wie «Pose» eindrucksvolle, erfolgreiche Erzählungen entstanden sind, bleiben diese Jahre hierzulande erstaunlich unterrepräsentiert. Dabei wurden in den 80er- und 90er-Jahren unzählige, meist sehr junge Männer von dem Virus aus dem Leben gerissen — Schicksale, die heute vielen kaum noch präsent sind. Diese Leerstelle sichtbar zu machen und die Geschichten, auch im Kontext der deutsch-deutschen Geschichte, neu zu erzählen, erschien uns besonders reizvoll.
Im Zentrum stehen die Biografien von Heiko Zolchow und Dirk Nawrocki. Warum haben Sie sich entschieden, gerade diese beiden Künstler in den Fokus zu rücken?
Am Anfang stand tatsächlich nicht das Thema, sondern die Geschichte dieser beiden Männer. Ein Freund hat mir immer wieder von ihnen erzählt und mir auch Heikos Arbeiten gezeigt — in seiner Kunst ist das Motiv der Vergänglichkeit ja bereits angelegt. Mich hat sehr berührt, wie präsent Heiko Zolchow auch fast 40 Jahre nach seinem Tod noch bei vielen ist, die ihn kannten. Sowohl er als auch Dirk Nawrocki haben deutliche Spuren hinterlassen. Ihre Geschichte ist so außergewöhnlich und zugleich so eindringlich, dass für mich schnell klar war: Sie muss erzählt werden.
Beide Lebensgeschichten sind eng mit Liebe, Verlust und künstlerischem Ausdruck verbunden. Was hat Sie persönlich an diesen Schicksalen am meisten berührt?
Ich glaube, dass Heiko Zolchow und Dirk Nawrocki eine Form von Freiheit gelebt haben, die heute vielleicht kaum noch vorstellbar ist — sowohl in der DDR als auch nach ihrer Ausreise in die Bundesrepublik. Sie haben ihr Leben konsequent nach ihren eigenen Vorstellungen gestaltet. Das erforderte in ihrer Zeit nicht nur Entschlossenheit, sondern vor allem auch großen Mut. Das hat mich berührt.
Die Serie arbeitet intensiv mit Archivmaterial. Wie aufwändig war die Recherche – und gab es Momente, in denen Sie auf überraschende oder bislang unbekannte Dokumente gestoßen sind?
Die Recherche war extrem spannend. Wir haben nahezu alles gesichtet, was sich in den Archiven von ZDF, ARD und dem DDR-Fernsehen zum Thema HIV und AIDS finden ließ – auch wenn wir letztlich nur einen Bruchteil davon verwenden konnten. Besonders interessant war zu beobachten, wie sich der Ton in der Berichterstattung und öffentlichen Diskussion immer wieder gewandelt hat: von großer Unsicherheit in den Anfangsjahren über Beiträge, die von Stigmatisierung und Schuldzuweisungen geprägt waren, bis hin zu Formaten, die um einen sensiblen und aufklärerischen Umgang bemüht waren.
Was mich jedoch am meisten berührt hat, waren die zahlreichen Aufnahmen unseres Protagonisten Dirk Nawrocki. Als Schauspieler hat er in vielen TV- und Filmproduktionen mitgewirkt – ein Fundus, von dem unsere Doku-Serie natürlich enorm profitiert.
Sie nutzen auch Reenactments, um die Geschichten zu erzählen. Warum haben Sie sich für dieses Stilmittel entschieden – und wie haben Sie die Balance zwischen Dokumentation und Inszenierung gefunden?
Wir haben Reenactments an den Stellen eingesetzt, an denen wir die sehr persönlichen Erzählungen weder mit Archivmaterial, noch mit Fotos lebendig lassen werden können. Sei es bei den sehr emotionalen Szenen im Krankenhaus oder auch in der West-Berliner Wohnung von Heiko und Dirk. Hier haben wir übrigens in der echten Wohnung gedreht, die wir anhand von Fotos genauso ausgestattet haben, wie sie 1987 ausgesehen hat. Auch mit einem Kunstwerk von Heiko, das damals dort hing. Das war auch für unseren Cast sehr berührend zu wissen, dass sich genau die Momente, die sie gerade spielen, an genau dieser Stelle abgespielt haben. Alle nachgestellten Szenen basieren auf den Erinnerungen unserer Protagonistinnen und Protagonisten.
Die Aids-Krise ist oft vor allem als westliche Geschichte erzählt worden. Welche neuen Perspektiven eröffnet der Blick auf die DDR?
Die DDR-Regierung hat vergleichsweise früh erkannt, dass HIV/AIDS eine ernstzunehmende Gefahr darstellen könnte, und bereits 1983 eine erste interne Beratergruppe eingesetzt – ausgelöst durch die ersten Berichte aus den USA. Dennoch entschieden sich die Verantwortlichen zunächst dagegen, die Bevölkerung umfassend zu informieren.
Natürlich erreichten Nachrichten über HIV und AIDS die Menschen in der DDR trotzdem über westliche Medien. Während die Krankheit im Westen häufig als „Schwulenseuche“ stigmatisiert wurde, sprach man im Osten von der „West-Seuche“.
Mit der Zeit geriet auch die Führung in Ost-Berlin unter Druck und musste ihre Haltung anpassen. Die Zahl der Infektionen in der DDR blieb vergleichsweise gering, allerdings betrafen sie überproportional häufig Heterosexuelle. Bemerkenswert finde ich in diesem Zusammenhang eine Aussage von Erich Honecker aus dem Jahr 1987, in der er sich für eine internationale Zusammenarbeit in der Forschung aussprach — unabhängig von politischen Systemen. Dass eine solche Öffnung ausgerechnet an diesem Punkt möglich war, ist durchaus bemerkenswert.
Inwiefern zeigt Ihre Serie auch Unterschiede – oder vielleicht überraschende Gemeinsamkeiten – im Umgang mit Aids in Ost- und Westdeutschland?
Neben der politischen Dimension und den unterschiedlichen Strategien im Umgang mit AIDS wird deutlich, dass die Angst vor einer Ansteckung unter schwulen Männern in Ost und West gleichermaßen präsent war. Was im Westen geschah, blieb auch im Osten keineswegs unbemerkt. Für die Freunde von Heiko wurde diese Bedrohung nach seinem Tod auf erschütternde Weise konkret. Sein Freund Erwin Bode aus Ost-Berlin hat später gesagt, er habe seitdem das Haus nie wieder ohne ein Kondom verlassen.
Und auch das ist wichtig festzuhalten: Das Stigma war auf beiden Seiten der Mauer nahezu identisch.
Die Serie verbindet persönliche Geschichten mit einem größeren historischen Kontext. Wie wichtig war es Ihnen, diese beiden Ebenen miteinander zu verknüpfen?
Im Zentrum steht die persönliche Geschichte, die wir aber mit dem Historiker Henning Tümmers von der Universität Tübingen und dem Archivmaterial einordnen und eben in den historischen Kontext setzen. Das war uns extrem wichtig, weil nur so die bewegende Geschichte von Heiko Zolchow und Dirk Nawrocki, glaube ich, wirklich verstanden werden kann.
Mit Frank Castorf und anderen Zeitzeugen kommen prägende Stimmen der Kulturszene zu Wort. Welche Rolle spielte die Kunst- und Theaterszene im Umgang mit der Krise?
Diese Doku-Serie ist innerhalb der ZDF-Redaktion Kultur Berlin entstanden und wird von «ZDF aspekte» präsentiert. Der Blick auf die Kulturwelt war uns natürlich wichtig.
Frank Castorf, aber auch der Schauspieler und Weggefährte von Heiko und Dirk, Bernd Stegemann, haben eindrücklich geschildert, wie innerhalb kürzester Zeit plötzlich junge Kollegen starben. Dieses Geschehen war kaum zu begreifen! Nicht zuletzt, weil zu Beginn niemand so recht verstand, womit man es überhaupt zu tun hatte.
Gerade die Kulturszene war in besonderem Maße betroffen. Viele Kulturschaffende infizierten sich mit dem Virus, und ich vermute, dass kaum jemand, der in diesen Jahrzehnten in der Kunst- und Theaterwelt aktiv war, davon unberührt blieb: Man verlor Freunde und Kollegen, ging regelmäßig auf Beerdigungen und lebte vielleicht auch mit der Angst, selbst infiziert zu sein.
«Aids - In Zeiten der Liebe» erzählt auch von Stigmatisierung und Ausgrenzung. Welche Parallelen sehen Sie zu heutigen gesellschaftlichen Debatten über Krankheit und Identität?
Wenn man sich Talkshows aus den 80er-Jahren anschaut, in denen darüber gestritten wurde, ob Safer Sex ein geeignetes Mittel im Kampf gegen das Virus ist, fühlt man sich unweigerlich an die Corona-Zeit erinnert. Auch damals wurde mit großer Vehemenz über die richtigen Maßnahmen debattiert, und auch damals lagen Expertinnen und Experten im Rückblick teils richtig, teils falsch.
Gleichzeitig wird deutlich, dass die AIDS-Krise zu einer neuen Sichtbarkeit homosexuellen Lebens geführt hat. Plötzlich fanden diese Lebensrealitäten überhaupt im öffentlichen Diskurs statt — und damit wurde auch ein Stück Akzeptanz erkämpft.
Mein Eindruck ist, dass wir heute wachsam sein müssen, um diese Errungenschaften nicht leichtfertig wieder aufs Spiel zu setzen.
Ihre Arbeiten wie «Nachwendekinder - Die DDR, unsere Eltern und das große Schweigen» beschäftigen sich oft mit deutscher Geschichte und Identität. Was reizt Sie an solchen Themen immer wieder?
Auch, wenn es nach fast Jahrzehnten nach der Wiedervereinigung nicht so scheint, glaube ich, dass wir viele Geschichten noch nicht erzählt haben, die es wert sind, gehört und gesehen zu werden. Die Geschichte von Heiko und Dirk in «AIDS - In Zeiten der Liebe» ist eine davon.
«AIDS – In Zeiten der Liebe» ist freitags um 23.30 Uhr zu sehen. Los geht’s am 22. Mai im ZDF. Die Episoden sind seit 13. Mai in der ZDFmediathek abrufbar.