‚Die Arbeit der Bergretterinnen und Bergretter wird als Ehrenamt geleistet‘

Die zweite Staffel von «In höchster Not – Bergretter im Einsatz» begleitet erneut ehrenamtliche Einsatzkräfte bei dramatischen Rettungen in den Alpen. Im Interview sprechen die Verantwortlichen über gefährliche Dreharbeiten, die emotionale Belastung der Bergretter und darüber, warum die Serie bewusst auf echte Nähe statt künstliche Dramatisierung setzt.

Die erste Staffel von «In höchster Not – Bergretter im Einsatz» war mit fast sieben Millionen Abrufen ein großer Erfolg. Wann war für Sie klar, dass es eine zweite Staffel geben muss?
Ingmar Grundmann (Redaktionsleitung Journalistische Unterhaltung beim BR)
: Schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt der Produktion haben wir uns für eine zweite Staffel entschieden. Die ersten Bilder bzw. Einsätze waren so beeindruckend, das Engagement der Bergretter so interessant und auch die Einblicke so einzigartig, dass wir fast sofort beschlossen haben, weiterzumachen.

Was wollten Sie in Staffel zwei bewusst anders oder größer erzählen als in der ersten Runde?
Ingmar Grundmann:
Die Kamera- und Tontechnik war bei der zweiten Staffel noch ausgefeilter, bei den extremen Bedingungen am Berg noch genauer aufeinander abgestimmt, so dass eine noch größere Nähe zu den Rettern und Patienten möglich wurde.

Mit der Bergwacht Bad Reichenhall kommt ein neues Team hinzu. Welche neuen Perspektiven eröffnet das für die Serie?
Max Reichel (Timeline Production):
Mit der Bergwacht Bad Reichenhall kommt eine Bereitschaft hinzu, die in einem besonders großen und vielseitigen Einsatzgebiet arbeitet. Die Vielzahl an Hubschrauberlandeplätzen und die topografischen Gegebenheiten bringen neue Abläufe und Herausforderungen mit sich. Zudem spielen Einsätze wie Canyoning- und Gleitschirmrettungen eine größere Rolle. Jede Bergwacht hat ihre eigene Struktur und eigene Charaktere – genau diese Vielfalt eröffnet neue Perspektiven und Geschichten, die wir in der Serie erlebbar machen können.

Die Einsätze wirken noch extremer und gefährlicher als zuvor. War das eine bewusste dramaturgische Zuspitzung – oder schlicht die Realität?
Franz Hinterbrandtner (Timeline Production): Das ist tatsächlich die Realität. Der dokumentarische Ansatz der Serie bedeutet, dass wir nichts inszenieren oder zuspitzen. Wir begleiten die Teams vor Ort und sind abhängig von den realen Einsätzen, die sich während unserer Drehzeit ergeben. Gerade diese Unvorhersehbarkeit macht den Charakter der Serie aus.

Gedreht wurde unter teils lebensgefährlichen Bedingungen im Hochgebirge. Wie organisiert man eine Produktion, bei der auch das Filmteam ständig Risiken ausgesetzt ist?
Max Reichel:
Wir setzen gezielt auf alpinerfahrene Kameraleute, die sich sicher und eigenständig im Gelände bewegen können. So stellen wir sicher, dass die Arbeit der Bergwacht in keiner Weise beeinträchtigt wird. Gleichzeitig gelten für unser Team klare Sicherheitsregeln, und wir bewegen uns immer innerhalb der Vorgaben der Einsatzkräfte. Timeline Production ist seit über 20 Jahren auf extreme und alpine Dreharbeiten spezialisiert – diese Erfahrung ist entscheidend für eine sichere und gleichzeitig authentische Umsetzung.

Bodycams und 360-Grad-Kameras sorgen für große Nähe zum Geschehen. Wie wichtig war diese technische Herangehensweise für die Erzählweise der Serie?
Max Reichel:
Die technische Herangehensweise ist zentral für unsere Erzählweise. Ohne Bodycams wären diese unmittelbaren, hautnahen Bilder aus den Einsätzen nicht möglich. Die Bodycam hat sich im Laufe der Produktion zur wichtigsten Kamera entwickelt. Dabei setzen wir keine Standardlösungen ein, sondern haben in einer längeren Entwicklungsphase eigene Systeme und Strategien erarbeitet, um die Einsätze bestmöglich zu dokumentieren.

Die Serie zeigt nicht nur spektakuläre Rettungen, sondern auch die psychische Belastung der Einsatzkräfte. Wie gelingt es, diese Balance zwischen Action und Emotionalität zu halten?
Franz Hinterbrandtner:
Die Balance entsteht aus unserem konsequent dokumentarischen Ansatz. Wir lassen die Einsätze in ihrer realen Dynamik wirken, ohne sie zusätzlich zu dramatisieren. Gleichzeitig nehmen wir uns bewusst Zeit für ruhigere Momente, in denen die Einsatzkräfte ihre Erfahrungen einordnen können. Eine wichtige Rolle spielen dabei persönlich geführte Interviews, die ausschließlich die Perspektive der ehrenamtlichen Einsatzkräfte wiedergeben und ihre eigene Erzählweise in den Mittelpunkt stellen. Auf zusätzliche Off-Kommentare oder erklärende Texte verzichten wir bewusst. So werden neben der Action auch die psychischen Belastungen sichtbar, ohne den Fokus auf die Professionalität der Teams zu verlieren.

Ein wiederkehrendes Thema ist der Klimawandel – etwa durch instabile Gletscher oder extreme Wetterumschwünge. Wie stark prägt dieser Aspekt die Dramaturgie der neuen Staffel?
Franz Hinterbrandtner:
Der Klimawandel ist kein konstruiertes Thema, sondern zeigt sich ganz konkret in den Einsätzen. Instabile Felsstrukturen, schwindende Gletscher oder plötzliche Wetterumschwünge verändern die Bedingungen im Gebirge spürbar. Für die Bergretter bedeutet das häufig komplexere und riskantere Einsätze. Diese Entwicklungen fließen ganz organisch in die Dramaturgie der Staffel ein, weil sie Teil der Realität sind, mit der die Einsatzkräfte täglich konfrontiert werden.

Die Zahl der Einsätze scheint zuzunehmen, gleichzeitig werden sie komplexer. Spiegelt die Serie hier eine reale Entwicklung in der Bergrettung wider?
Max Reichel:
Ja, das spiegelt eine reale Entwicklung wider. Die Einsatzdichte nimmt zu, unter anderem durch den steigenden Freizeitdruck in den Bergen. Gleichzeitig werden die Einsätze komplexer – etwa durch veränderte Umweltbedingungen oder schwierigere Rettungsszenarien. Die Serie bildet diese Entwicklung authentisch ab, weil wir die Bergwachten über längere Zeiträume begleiten und ihre Erfahrungen direkt dokumentieren.

Neben dramatischen Einsätzen gibt es auch ungewöhnliche Momente, etwa die Rettung eines Hundes. Wie wichtig sind solche Geschichten für die Tonalität der Serie?
Max Reichel:
Solche Momente sind sehr wichtig für die Tonalität der Serie. Sie zeigen eine andere, oft menschlichere und manchmal auch leichtere Seite der Bergrettung. Neben aller Dramatik und Gefahr machen genau diese Geschichten die Vielfalt der Einsätze sichtbar und schaffen emotionale Nähe zum Publikum. Sie tragen dazu bei, die Serie ausgewogen und authentisch zu erzählen.

Die ARD Mediathek wird zunehmend zur Heimat aufwändiger Dokuformate. Welche Rolle spielt die Plattform für die Entwicklung und Umsetzung solcher Projekte?
Ingmar Grundmann:
Die ARD Mediathek spiegelt mit diesen Produktionen eine der Kernkompetenzen der ARD wider. Sie ist die Adresse, bei der sich alle Zielgruppen, insbesondere die jüngeren, mit spannenden und emotional erzählten Dokuformaten versorgen können. Sie ist inzwischen als hochwertige Marke für Dokuserien bekannt. Filmreihen über echte Personen, die Ungewöhnliches – auch für die Gesellschaft und ihre Mitmenschen – leisten, sind ist ein wichtiger, integraler USP der Plattform.

Wenn Zuschauerinnen und Zuschauer die neue Staffel sehen: Was sollen sie über die Arbeit der Bergretter – und vielleicht auch über die Risiken in den Bergen – neu verstehen?
Ingmar Grundmann:
Man kann es gar nicht oft genug betonen: die Arbeit der Bergretterinnen und Bergretter wird als Ehrenamt geleistet. Sie machen das in ihrer Freizeit. Gleich zum Auftakt der neuen Staffel spielt auch das Thema Klimawandel und Extremwetter eine große Rolle – das ist ein neuer, wichtiger Aspekt in der Serie. Die zweite Staffel bietet zudem eine noch größere Bandbreite an Rettungseinsätzen. Darüber hinaus gewährt sie tiefe Einblicke in die emotionale Verfassung der Bergretter, ohne dabei reißerisch oder voyeuristisch zu sein. So erzeugt sie für die Zuschauenden ein nie gekanntes Miterleben der Rettungen.

Vielen Dank für Ihre Mühe!

«In höchster Not» ist seit 6. Mai in der ARD Mediathek zu sehen. Am 27. Mai laufen die beiden letzten Folgen in der Mediathek.
24.05.2026 12:52 Uhr  •  Fabian Riedner Kurz-URL: qmde.de/171548