‚Kein Orchester existiert außerhalb der Geschichte‘
Dorothee Binding und Benedict Mirow sprechen über ihre ARTE-Reihe «Famous Orchestras», die großen Klangkörper der Welt und die enge Verbindung von Musik, Geschichte und gesellschaftlichem Wandel.
Mit «Famous Orchestras» widmen Sie sich einigen der bedeutendsten Klangkörper der Welt. Was hat Sie persönlich an diesem Thema besonders fasziniert?
Dorothee Binding: Wir durften mit den Berliner und den Wiener Philharmonikern drehen. Beiden Orchester haben mich mein Leben lang begleitet, die Sinfonien von Beethoven mit den Berlinern und Karajan, das legendäre Neujahrskonzert mit Kleiber und den Wienern, das waren die Schätze und Helden meiner Kindheit und Jugendzeit.
Meine erste Reaktion, als die Anfrage kam, darüber zwei Filme zu realisieren? Aufregung, Begeisterung und gleichzeitig ein riesiger Respekt, der Aufgabe gerecht zu werden, beschreiben es vielleicht am besten. Selbstverständlich hat es mich „angezündet“, die Geschichte meiner Kindheitsidole zu erzählen.
Benedict Mirow: Tatsächlich sind beide Orchester weltweit bekannte Institutionen, kraftvolle Marken und Botschafter der Klassik, der Kunst, aber auch des Miteinander. Sie sind lebendige Organismen mit eigener DNA, aber auch eigenen Widersprüchen, eigenen Krisen. Die Idee der Reihe war ja einerseits, die Musik der Orchester einem breiten Publikum zugänglich zu machen, aber auch ein Gefühl dafür zu entwickeln, was diese Weltklasse-Orchester auszeichnet. Was sie so einzigartig macht.
Ihre Reihe verbindet Musikgeschichte mit politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen. Wie wichtig war es Ihnen, Orchester nicht nur als kulturelle, sondern auch als historische Akteure zu erzählen?
Benedict Mirow: Ohne geht es ja gar nicht. Kein Orchester existiert außerhalb der Geschichte. Die Berliner und die Wiener Philharmoniker waren immer mitten im Geschehen: in Kriegen, in politischen Systemen, in gesellschaftlichen Umbrüchen. Das wegzulassen wäre nicht nur unehrlich, sondern auch dramaturgisch fahrlässig. Das zeichnet sie auch aus.
Dorothee Bindig: Es zeichnet sie aus, aber ich würde noch weiter gehen und behaupten, dass beide Orchester nur durch ihre Vergangenheit, durch ihre Geschichte zu dem geworden sind, was sie sind. Die Wiener spielen beispielsweise aus altem Notenmaterial, das durch die Hände vieler Musikergenerationen gegangen ist. Die Eintragungen berühmter Dirigenten und Orchestermusiker in den Stimmen und Partituren sind gelebte Vergangenheit, die in der Gegenwart durch neue Erfahrungen zum Klingen kommt.
Die Entstehung der Berliner Philharmoniker beginnt mit einem Akt der Selbstermächtigung von Musikern. Wie prägend ist diese Ursprungsgeschichte für das heutige Selbstverständnis des Orchesters?
Dorothee Binding: So verrückt es auch klingen mag, aber es hat bis heute seine Spuren hinterlassen. Denn zum Selbstverständnis der Berliner gehört zum Beispiel, dass sie immer noch ihren Chefdirigenten selbst wählen. Ohne dazwischen geschaltete Intendanz entscheiden allein die Orchestermitglieder in einer geheimen Wahl. Das ist in der heutigen Orchesterlandschaft absolut unüblich, die daraus resultierende Verantwortung spiegelt sich auch im Selbstbewusstsein der Orchestermitglieder wider. Sir Simon Rattle, ehemaliger Chefdirigent der Berliner, hat es auf den Punkt gebracht: "Das Orchester besteht aus 128 Konzertmeistern“.
Die Berliner Philharmoniker stehen exemplarisch für die Verbindung von Musik und Medien – von der Schallplatte bis zur Digital Concert Hall. Wie hat sich dieses Zusammenspiel aus Ihrer Sicht entwickelt?
Benedict Mirow: Die Berliner haben früher als andere verstanden, dass Musik immer auch Kommunikation ist und dass das Medium die Botschaft mitformt. Von Karajan, der das Fernsehen als Bühne begriffen hat, bis zur Digital Concert Hall: Das ist eine konsequente Linie. Kein anderes Orchester hat diesen Weg so bewusst gestaltet. Das wird heute oft kopiert, aber die Berliner waren damit schon die ersten.
In der Dokumentation spielen auch die dunklen Kapitel der Geschichte, etwa während des Nationalsozialismus, eine Rolle. Wie geht man filmisch mit solchen sensiblen Themen um?
Benedict Mirow: Es geht um die Fakten. Ohne Relativierung, aber auch ohne anklagende Pose. Ich versuche, die Verhältnisse zu zeigen, in denen Menschen Entscheidungen getroffen haben - und dem Zuschauer zu überlassen, wie er diese bewertet. Das Schlimmste, was man tun kann, ist, Geschichte aus der Distanz moralisch zu ordnen, als wäre man selbst nicht Teil eines Systems.
Dorothee Binding: Es gibt diesen einen Augenblick, den wir auch in unserem Film zeigen, als Futwängler nach seinem Konzert mit Beethovens 9. mit den Berlinern vor versammelter NS- Elite einer Nazigröße nach dem Konzert von der Bühne runter die Hand reicht. Ja, er hat vor diesen Verbrechern Musik gemacht, aber sein Blick in diesem Moment sagt mehr als tausend Worte. Wir haben das bewusst kommentarlos so stehen gelassen.
Bei den Wiener Philharmonikern steht der berühmte „Wiener Klang" im Mittelpunkt. Wie nähert man sich einem so schwer greifbaren, fast mystischen Begriff filmisch?
Dorothee Binding: Auf allen Ebenen, die uns im Film zur Verfügung stehen. Die besonderen Instrumente der Wiener Philharmoniker, wie die Oboe, Klarinette oder Pauke, tragen maßgeblich zu dem Klang bei. Das kann man sehen und mit Worten beschreiben. Wir haben dazu viele Orchestermusiker befragt und es war spannend, zu erleben, wie anders jeder diesen Sound fühlt, beschreibt und definiert. Aber in unserem Prozess der Annäherung an den Klang gab es für mich persönlich immer wieder Momente, wo Wort und Bild an eine Grenze gestoßen sind und nur die Musik Antworten geben konnte. Es war mir deshalb ein großes Anliegen und gleichzeitig eine Herausforderung, passende musikalische Beispiele auszuwählen, die in ihrer Aussagekraft für sich stehen und die Besonderheiten des Klages hörbar machen.
Ihre Filme zeigen auch den Alltag der Musiker. Wie wichtig war es Ihnen, hinter die große Bühne zu blicken und die Menschen hinter dem Klang sichtbar zu machen?
Dorothee Binding: Es war uns sehr wichtig, die Menschen zu zeigen, die hinter dem großen Namen ihres Klangkörpers stehen. Wir haben beide Filme zum größten Teil aus Sicht der Orchestermusiker erzählt, Gastdirigenten und Solisten kommen nur sehr sparsam zu Wort. Ganz bewusst, um die Geschichte aus dem Orchester heraus zu erzählen. Das ermöglicht dem Publikum eine viele tiefere Einsicht als lobende Worte von Gästen.
Die Reihe spannt einen Bogen über mehr als 150 Jahre Musikgeschichte. Wie gelingt es, eine solche Zeitspanne dramaturgisch zugänglich zu erzählen?
Benedict Mirow: Durch Figuren, durch die politische Landschaft, in der das Orchester existiert. Der große Bogen entsteht fast von selbst, wenn man die Geschichten der Menschen ernst nimmt und sie nicht nur als Illustratoren historischer Fakten benutzt.
Dorothee Binding: Auch die Musik, die für die Orchester komponiert, von ihnen uraufgeführt oder in legendären Konzerten interpretiert wurde, trägt maßgeblich zum dramaturgischen Bogen der gelebte Geschichte bei.
Orchester gelten oft als sehr traditionsbewusst. Haben Sie bei Ihren Recherchen auch Momente erlebt, in denen sich diese Institutionen überraschend modern oder innovativ gezeigt haben?
Benedict Mirow: Ständig. Die Digital Concert Hall der Berliner war ihrer Zeit weit voraus. Das begann schon 2008, lange bevor Streaming für klassische Musik selbstverständlich wurde. Und die Wiener Philharmoniker diskutieren intern viel offener über Wandel und Diversität, als das Bild nach außen vermuten lässt. Das hat mich sehr beeindruckt.
ARTE steht für anspruchsvolle Kulturformate. Welche erzählerischen Freiheiten bietet Ihnen ein solcher Sender im Vergleich zu klassischem
Benedict Mirow: Arte lässt uns Tempo rausnehmen. Ich muss nicht alle 90 Sekunden einen dramatischen Wendepunkt setzen. Es gibt Vertrauen in das Publikum. Und das spürt man auf beiden Seiten des Bildschirms. Diese Freiheit ist selten und ich schätze sie sehr.
Glauben Sie, dass klassische Musik durch Formate wie «Famous Orchestras» ein neues, jüngeres Publikum erreichen kann?
Dorothee Binding: Das hoffe ich!!
Benedict Mirow: Ich glaube, dass junge Menschen sehr wohl bereit sind, sich auf klassische Musik einzulassen. Wenn man sie nicht wie Schüler behandelt, die belehrt werden müssen. Dokumentarfilm kann eine Tür öffnen, weil er Neugier weckt, ohne Vorkenntnisse vorauszusetzen.
Wie stark hat sich Ihr eigener Blick auf klassische Musik und Orchester während der Arbeit an der Reihe verändert?
Benedict Mirow: Die Klassik, die gelebte Musik, live, im Konzert, oder auf dem Screen, war und ist meine Welt. Was mir aber schon neu war oder was ich heute anders sehe, ist die Kraft des Kollektives. Orchester dieser Art folgen eigenen Regeln. Das ist auch anstrengend, aber ermöglicht eben diese Exzellenz. Das ist sehr beeindruckend.
Wenn Sie ein Fazit ziehen müssten: Was macht ein Orchester wirklich „weltklasse" – die Musiker, die Geschichte oder die Fähigkeit, sich immer wieder neu zu erfinden?
Benedict Mirow: Das Wichtigste sind immer die Menschen. Die Musiker, denn ohne außergewöhnliche Einzelleistungen gibt es kein Ensemble dieser Spitzenklasse. Ihre Geschichte, die Historie des Orchesters, weil sie dem Klang Tiefe und Identität gibt. Und schließlich die Fähigkeit zur Erneuerung. Denn Orchester, die nur von ihrer Vergangenheit leben, sterben langsam. Das gilt für uns alle. In Kunst wie im Leben.
Dorothee Binding: Das kann ich nur bestätigen und hinzufügen, dass es uns in unseren Portraits nicht nur darum ging, die „Weltklasse“ der Orchester zu unterstreichen, sondern darum, ihre Exzellenz, ihr Alleinstellungsmerkmal aufzuzeigen. Denn Weltklasse sind viele...
Vielen Dank für Ihre Zeit!
«Famous Orchestras - Die besten Orchester der Welt» ist ab 3. Mai bei arte zu sehen. Die erste Folge über die Berliner Philharmoniker ist um 15.35 Uhr zu sehen, die zweite Folge über die Wiener Philharmoniker kommt um 16.35 Uhr.