‚Deutschland war bis in die Mitte der 1970er popmusikalisches Entwicklungsland‘
Oliver Schwehm beleuchtet in seiner Doku die widersprüchliche Geschichte von Boney M. – und erklärt, warum die Band trotz ihres Welterfolgs oft unterschätzt wird.
Herr Schwehm, «Boney M. – Disco. Macht. Legende.» erzählt die Geschichte einer der erfolgreichsten Popgruppen aller Zeiten. Was hat Sie an dieser Band besonders gereizt, einen eigenen Film darüber zu machen?
BONEY M. gehören neben ABBA und den BEE GEES zu dem Triumphirat des goldenen Disco-Zeitalters. Doch wo ABBA und die BEE GEES heute gefeiert und verehrt werden, ist das kulturelle Prestige von Boney M deutlich geringer. Obwohl damals Boney M mehr Platten verkauft haben als die beiden anderen Gruppen und ihre Musik nach wie vor präsent ist, haben sie quasi keinen Stellenwert in der Musikgeschichte. Über ABBA und die BEE GEES gibt es mehrere Dokus, über Boney M. nichts. Boney M sind zwar die erfolgreichste Schwarze Musikgruppe aller Zeiten und haben mehr Platten als die Jackson 5 oder Earth, Wind & Fire verkauft, tauchen aber gleichzeitig in keiner Liste der „Einflussreichsten Schwarzen Künstler“ auf.
Diese Widersprüche und dieses nicht bestellte filmische Feld haben mich gereizt. Auch weil die Geschichte keine einfache ist.
Boney M. wurde lange als „Retortenprojekt“ abgetan. War es für Sie ein Anliegen, dieses Bild zu hinterfragen oder neu einzuordnen?
Bis heute wird Boney M. als reines Studioprodukt rezipiert. Die wenigsten Menschen wissen, dass Boney M hunderte von Live-Konzerten auf der ganzen Welt gegeben haben. In Singapur, Rio de Janeiro, Nairobi… Damit werden die Rollen von Liz Mitchell, Marcia Barrett, Maizie Williams weiter geschmälert. Unglücklich ist auch, dass Boney M. häufig mit Milli Vanilli in einen Topf geworfen wird nach dem Motto: Die haben ja nie selbst gesungen. Anders als bei Milli Vanilli hat Frank Farian bei Boney M nie einen Hehl daraus gemacht, dass er die männlichen Parts eingesungen hat. Dass Boney M. retrospektiv als „Fake“ skandalisiert wird, ist eine Ungerechtigkeit.
Der Film zeigt die enorme Diskrepanz zwischen internationalem Erfolg und der oft kritischen
Wahrnehmung in Deutschland. Wie erklären Sie sich diesen Unterschied?
Das ist wirklich faszinierend. So habe ich Berichte über eine frühe Tour von Boney M. 1977 durch Deutschland gelesen: Die Kritiken waren vernichtend, das Publikum hat gepfiffen und gebuht. Nur drei Wochen später sind Boney M. dann mit dem gleichen Line-up durch Großbritannien getourt, wo das Publikum traditionell deutlich anspruchsvoller war. Hier aber war es nun begeistert, die Tour war ein voller Erfolg.
Ich kann es mir nur so erklären: Deutschland war bis in die Mitte der 1970er popmusikalisches Entwicklungsland. Wer auf dem Musikmarkt erfolgreich sein wollte, musste Deutsch singen, zumeist Schlager. Funk, Disco, Soul sickerten erst allmählich in den Mainstream durch.
Mit Liz Mitchell und Marcia Barrett stehen zwei zentrale Stimmen der Band im Fokus. Warum war es Ihnen wichtig, ihre Perspektiven so stark herauszustellen?
Mir war wichtig zu zeigen, dass sie beide vollwertige Künstlerinnen waren und sind. Keine austauschbaren Abziehbilder und Marionetten. Beide hatten schon vor Boney M. eine Karriere im deutschen Showgeschäft. Wo Liz‘ Stimme eine besondere Wärme in die Musik gebracht hat, hat Marcia eine unbändige Power und Energie auf der Bühne entfesselt. Beide haben alles gegeben, um Boney M. zum Erfolg zu machen. Beide sind wahrscheinlich nicht immer fair bezahlt worden, gerade mit ihren frühen Verträgen. Mir war es wichtig, sie zu würdigen und ihren Input zu herauszuarbeiten.
Ein Thema des Films ist Alltagsrassismus im Deutschland der 1970er-Jahre. Wie sehr prägt dieser Aspekt die Geschichte von Boney M.?
Wahrscheinlich hatten die vier Mitglieder am Anfang des Projekts nicht wirklich viel zu melden. Frank Farian hat sich ja bewusst immer junge, unbedarfte Künstlerinnen und Künstler gesucht, die er nach seinen Vorstellungen formen und auch kontrollieren konnte. Manager, die auch einmal für die Belange der Künstler hätten eintreten können, hat er generell nicht akzeptiert. Ich würde nicht so weit gehen, ihm hier rassistische Tendenzen zu unterstellen - dazu war er selbst viel zu großer Bewunderer Schwarzer Bands und Künstler. Gleichwohl gab es ein eindeutiges Machtgefälle zu seinen Gunsten. Liz Mitchell sagte auch im Interview, dass sie damals gewarnt worden sei, dass in den 1970er Jahren niemand einer Schwarzen Frau Glauben geschenkt hat, wenn deren Aussage der eines weißen Mannes gegenüberstand.
Frank Farian wird als genialer Produzent, aber auch als Kontrollinstanz beschrieben. Wie haben Sie sich dieser ambivalenten Figur filmisch genähert?
Ich wollte ihn weder schönzeichnen noch dem in der Allgemeinheit teilweise vorherrschenden Bild folgen vom skrupellosen, nur an Geld interessierten Ausbeuter. Das ist mir beides zu eindimensional und wird seiner Person nicht gerecht. Farian war ein harter Arbeiter, mit einem absoluten Gespür für Hits, aber eben mit Defiziten im zwischenmenschlichen Bereich. Das was man heute als „Mangel an Empathiefähigkeit“ bezeichnen würde. Seine Tochter Nicole hat bei seiner Trauerfeier Folgendes gesagt: „Mein Vater war kein Heiliger. Und wollte auch nie einer sein.“ Zu diesem Schluss bin ich auch gekommen.
Sie greifen auf eines der letzten Interviews mit Farian zurück. Welche neuen Einblicke hat dieses Material für Ihren Film ermöglicht?
Für meinen Film «Milli Vanilli – From Fame to Shame» habe ich einen Tag mit Frank Farian in seinem Studio in Miami verbringen dürfen. An diesem Tag habe ich meine Meinung gründlich über ihn geändert: Denn eigentlich hatte ich einen altersweisen, das Leben genießenden Rentner erwartet, nicht einen dauerwuselnden Musikarbeiter, der trotz seiner 75 Jahre von morgens bis abends im Studio sitzt und versucht, das „next big thing“ zu finden.
Farian war ein schwer-händelbarer Freak, der nach seinen eigenen Gesetzen gehandelt hat. Der aber immer 100%ig auf die Musik fokussiert war. So hatte er in seinem Studio ein kleines fensterloses Kabuff mit einem Klappbett und einem Fernseher. Häufig war er so in seine Produktionen vertieft, dass er abends das Studio gar nicht verließ und in dieser Art Zelle übernachtete. Diese eigensinnige und freigeistige Verrücktheit hat mich beeindruckt.
Der Film stellt die Frage nach Authentizität in der Popmusik. Wie zeitlos ist dieses Thema – gerade im Vergleich zur heutigen Musikindustrie?
Was klar ist: Von der reinen Musik her war die Produktionen von Farian alleroberste Klasse. Nichts wurde dem Zufall überlassen, an jedem Stück hat Farian minutiös gefeilt. Alles ist von Hand eingespielt, von den besten Musikern, die es damals in Deutschland gab. Die meisten gehörten zum Münchener Umfeld, wie beispielsweise dem Schlagzeuger Keith Forsey, der einige Jahre später Billy Idol produzieren sollte. Und dieser Perfektionismus zahlt sich bis heute aus: Denn die Songs sind ja nicht wirklich gealtert, sondern klingen heute noch so frisch wie vor 50 Jahren. Heiko Maile, der die Filmmusik für die Doku geschrieben hat, meinte auch, dass die Geigeneinsäte von „Daddy Cool“ auch heute noch nur äußert schwer in dieser Form hinzukriegen sind.
Boney M. waren nicht nur musikalisch erfolgreich, sondern auch ein visuelles Phänomen. Welche Rolle spielte die Bildsprache – Kostüme, Auftritte, Inszenierung – für Ihren Film?
Farian hat früh erkannt, wie wichtig das visuelle Element für das Verkaufen seiner Musik ist. So hat er den Spruch geprägt: „Der Erfolg von Boney M ist meine Stimme und die Beine von Bobby Farrell.“ Insofern achtete er schon damals darauf, dass seine Musik „instagrammable“ ist.
Die Band trat bereits 1978 in Moskau auf – mitten im Kalten Krieg. Welche kulturelle oder politische Bedeutung hatte dieser Moment aus Ihrer Sicht?
Bevor ich mich mit dem Thema Boney M. beschäftigt hatte, war ich eigentlich davon ausgegangen, dass es David Hasselhoff war, der mit „I’ve been looking for Freedom“ die Mauer zum Einsturz gebracht hat. Aber Spaß beiseite: Boney M war tatsächlich die erste Band „aus dem Westen“, die in Moskau spielen durfte, noch einige Monate vor Elton John. Interessant ist, dass sie hinter dem Eisernen Vorhang als Band aus Jamaika, also einem Entwicklungsland angekündigt und präsentiert wurden. Diese Tatsache ist hierzulande absolut unbekannt. Vielleicht sind wir hier in Deutschland immer auch etwas zaghaft wenn es um darum geht, unsere Leistungen nach vorne zu stellen.
Ihr Film arbeitet mit umfangreichem Archivmaterial, darunter bisher unveröffentlichte Aufnahmen. Wie wichtig war dieses Material, um die Geschichte lebendig zu erzählen?
Ich wollte das Material für sich sprechen lassen und den Zuschauer eintauchen lassen in die damalige Zeit. Gerade die mit der Handkamera aufgenommenen Aufnahmen von Moskau bei dem das Publikum außer Rand und Band gerät und die robuste Saaldienerin die Fassung verliert wollte ich so direkt wie möglich und auch unkommentiert lassen. Diese Aufnahmen von historischem Wert haben wir eigens digitalisieren lassen um sie so erstmals der Öffentlichkeit zeigen zu können.
Vielen Dank für Ihre Zeit!
«Boney M. - Disco. Macht. Legende.» ist am Montag, den 12. Mai, um 23.20 Uhr im Ersten zu sehen. Der Film von Oliver Schwehm ist erst am Montag in der ARD Mediathek abrufbar.