‚Wir möchten gerne dazu beitragen, dass die jungen Mädchen und Frauen mehr wahrgenommen werden‘

Walter Sittler und Sigrid Klausmann sprechen im Interview über ihren Dokumentarfilm «Girls Don’t Cry», der sechs Mädchen aus unterschiedlichen Teilen der Welt begleitet.

Dabei geht es nicht nur um bewegende Einzelschicksale, sondern auch um strukturelle Ungleichheiten, patriarchale Systeme und die Frage, wie junge Frauen gestärkt werden können. Das Ehepaar erklärt, wie der Film entstanden ist, warum er bewusst ohne Sender realisiert wurde und welche Wirkung sie sich für das Publikum erhoffen.

Herr Sittler, Sie sind bei «Girls Don’t Cry» als Produzent beteiligt, während Ihre Frau Sigrid Klausmann Regie geführt hat. Wie ist die Idee zu diesem Film entstanden – und wie haben Sie gemeinsam an dem Projekt gearbeitet?
Walter Sittler: Sigrid hat die Idee schon 2018 entwickelt, um dieses Mal jungen Frauen eine Stimme zu geben, sie ihre Welt, die Ungerechtigkeiten, ihre Wünsche und Fähigkeiten erzählen zu lassen. Durch private Spenden, einem Teil Filmförderung etc. ist es dann gelungen, ohne einen beteiligten Sender den Film zu realisieren. Ich habe die meiste Produzentenarbeit gemacht und Sigrid ist für den Inhalt und die letztendliche Form des Films verantwortlich, ist aber auch als Co-Produzentin tätig gewesen und ist es noch.

Der Film begleitet sechs Mädchen aus sehr unterschiedlichen Ländern und Lebensrealitäten. Was hat Sie Beide persönlich an diesen Geschichten am meisten berührt?
Sigrid Klausmann: Tief berührt hat mich die Kraft, der Mut und die Resilienz aller Mädchen. Aber es sind nicht nur die einzelnen Schicksale der Mädchen, die mich berührt haben. Vielmehr beschäftigt mich die Tatsache, dass viele Mädchen und Frauen immer noch in einem patriarchalen System leben müssen, weniger wert sind, z.B. im Schatten ihrer Brüder, stehen, auf gute Bildung verzichten müssen, nicht in gesellschaftliche und politische Prozesse eingebunden sind. Und dass sie immer noch weniger Chancen haben, ihre Talente zu entfalten, ihre Fähigkeiten zu entwickeln. Dabei macht genau das eine erfolgreiche Gesellschaft aus. Die Lebenswege vieler Mädchen werden immer noch aus der Not heraus bestimmt und sind weit entfernt von Selbstbestimmung.

Die Protagonistinnen sind erst zwischen 14 und 16 Jahre alt und kämpfen bereits mit Themen wie Beschneidung, Flucht, Abschiebung oder gesellschaftlichem Druck. Wie schwer war es, solche Geschichten filmisch zu erzählen, ohne die Mädchen zu überfordern?
Sigrid Klausmann:
Sobald ich den Mädchen begegne, geht es darum, ihr Vertrauen zu gewinnen. Ich verbringe Zeit mit ihnen, ohne Kamera. Ich sitze in den Wohnzimmern mit der ganzen Familie, gehe mit den Mädchen Kaffee trinken. Dabei kommen wir ins Gespräch. Und die Mädchen genießen das durchaus. Dass sich jemand so intensiv für sie interessiert, sind sie nicht gewohnt. Auf jedes Mädchen muss ich mich natürlich neu einlassen, aber ich habe sehr viel Erfahrung im Umgang mit jungen Menschen, das hilft mir.

Der Film zeigt, wie unterschiedlich die Lebensbedingungen für Mädchen weltweit sein können – von Tansania über Chile bis Südkorea. Welche Erkenntnis über die Situation junger Frauen weltweit hat Sie während der Arbeit am meisten überrascht?
Walter Sittler:
Am meisten hat mich überrascht, dass es eine Eigenschaft gibt, die alle Mädchen aus den verschiedensten Kulturen und Gesellschaften eint: Die Klarheit der Sicht auf ihre Welt, auf die Gesellschaft, in der sie leben und den Mut, trotz der Hindernisse, unbeirrt ihren Weg zu verfolgen. Sie sind tatsächlich Vorbilder für uns.

Besonders eindrücklich ist etwa die Geschichte von Nancy, die vor einer Zwangsbeschneidung flieht, oder von Sheelan, die nach der Flucht vor dem IS in Deutschland lebt. Wie wichtig war es Ihnen, diesen individuellen Perspektiven Raum zu geben?
Sigrid Klausmann:
Es gibt keine Genitalverstümmelung ohne Zwang! Kein Mädchen würde sich freiwillig mit einer rostigen Rasierklinge die Vulva verstümmeln lassen. Raum zu geben ist genau das, was ich als Filmemacherin ja kann. Diese Chance habe ich genutzt. Wir müssen die Geschichten von Mädchen und Frauen erzählen und dem Geplapper auf Social Media etwas entgegensetzen. Wenn sich in jedem Kino auch nur ein Mädchen empowert fühlt durch die Geschichten unserer sechs Protagonistinnen, dann ist meinem Team und meiner Co-Regisseurin Lina Lužytė und mir etwas Wichtiges gelungen. Und wenn Gespräche in Gang kommen, zwischen den Generationen, zwischen Schüler*innen und Lehrer*innen, dann haben wir viel erreicht. Meine Filme sind idealerweise wie ein sanfter Landregen, der gleichmäßig und stetig auf die Erde fällt, und irgendwo fängt es an zu blühen.

Frau Klausmann, Sie haben sich bereits in früheren Dokumentationen mit der Lebenswelt junger Menschen beschäftigt. Würden Sie sagen, dass «Girls Don’t Cry» auch eine Art Abschluss oder Summe dieser Arbeit ist?
Sigrid Klausmann:
Ja, genau. Ich habe den Film unserer kleinen Enkeltochter Franka Lilli gewidmet.

Und nach bereits vielen Gesprächen mit jungen Menschen und auch Erwachsenen spüre ich eine große Dankbarkeit, dass dieses Projekt möglich war, dass Walter und ich noch einmal „in den Ring“ gestiegen sind. Wir wollten, dass diese Geschichten in die Welt kommen. Sie kommen zur richtigen Zeit. Der Film hat mich selber als Frau empowert und bereichert und wieder mein Denken erweitert, obwohl ich schon die 70 überschritten habe und doch gescheit genug sein müsste.

Im Regiestatement wird betont, dass der Film auch von der Frage getragen ist, wie man Mädchen stärken kann, damit sie ihre Talente und Ideen für eine gerechtere Welt nutzen können. Welche Botschaft soll der Film jungen Zuschauerinnen und Zuschauern vermitteln?
Sigrid Klausmann: Lasst euch nicht einschüchtern und kleinmachen! Macht den Mund auf! Besteht auf gute Bildung! Sucht Verbündete! Glaubt an eure weibliche Kraft! Tut euch zusammen mit den Menschen, die euch guttun, euch zuhören, euch fördern und lieben. Findet euren Weg und immer: Nase hoch! Und: Schaut euch «Girls Don’t Cry» an, immer mal wieder😉

Der Film wurde bereits auf vielen internationalen Festivals gezeigt und mehrfach ausgezeichnet. Wie wichtig ist es Ihnen, dass diese Geschichten ein weltweites Publikum erreichen?
Walter Sittler:
Wir möchten gerne dazu beitragen, dass die jungen Mädchen und Frauen mehr wahrgenommen werden, dass sie in dem, wie sie sind und was sie können, gefördert werden: Empowerment vorantreiben – um das Wort mal zu verwenden. Wir brauchen eine echte Gleichberechtigung, um eine friedliche Welt zu schaffen.

Sigrid Klausmann: Wir sind sehr stolz und glücklich, dass unser Film bereits auf Festivals in Ländern wie Kongo, Syrien, Pakistan gezeigt wurde, und gerade heute kam eine Einladung aus Bangladesh. Das ist eine große Bestätigung.

Herr Sittler, Sie selbst sind vor allem als Schauspieler bekannt. Was reizt Sie daran, Projekte wie diesen Dokumentarfilm auch hinter der Kamera als Produzent zu begleiten?
Walter Sittler:
Ich bewundere meine Frau für ihre Fähigkeit, Kindern und Jugendlichen mit diesem freundlichen, von echtem Interesse gespeisten Respekt zu begegnen. Wir tun gut daran, den Heranwachsenden zuzuhören, weil sie ein wunderbarer Spiegel der Ungerechtigkeiten in der Welt für uns sind. Es ist ein Vergnügen, neben der fiktionalen Arbeit, auch an echten, dokumentarischen Filmen beteiligt zu sein.

Frau Klausmann, wenn das Publikum nach dem Film anders über die Lebensrealität von Mädchen weltweit nachdenkt – wäre das für Sie der wichtigste Erfolg dieses Projekts?
Sigrid Klausmann:
Auch, ja. Aber Nachdenken allein ist eigentlich zu wenig. Aus dem Nachdenken muss man ins Handeln kommen. Wie sagte mein Mann neulich in einem Interview zum Ende seiner Kästnerprogramme: „Gedichte reichen nicht mehr“. Für mich gilt: Jedes Mädchen, das gestärkt und ermutigt aus dem Film geht, zählt mehr wert als alles andere.



Abschließend, Herr Sittler, erzählen Sie und kurz von ihrer Moldau-Reise als Botschafter von Help-Age.
Walter Sittler:
Barbara Auer und ich sind gemeinsam Schirmeltern von Help-Age. Eine Organisation, die sich um ältere Menschen kümmert, die sich z.B. um ihre Enkel kümmern, weil die Eltern nicht mehr da sind. Menschen, die eigentlich nach einem langen Arbeitsleben ein wenig Ruhe verdient hätten. Am Umgang einer Gesellschaft mit den Schwachen, Kindern und Alten entscheidet sich der Wert dieser sozialen Gemeinschaften – da möchte ich dazu beitragen.

Vielen Dank für Ihre Zeit!

«Girls Don’t Cry» startet am Donnerstag, 30. April, in den deutschen Kinos.
27.04.2026 12:02 Uhr  •  Fabian Riedner Kurz-URL: qmde.de/171062