‚Ein Fehler ist nicht das Ende‘: Felicitas Woll über Neuanfang und Zweifel
In «Neuer Wind im Alten Land» spielt Felicitas Woll eine Frau zwischen Absturz und Aufbruch – im Interview spricht sie über öffentliche Fehler, zweite Chancen und die Suche nach dem eigenen Platz im Leben.
Beke Rieper ist eine Frau, die nach einem spektakulären Absturz noch einmal ganz von vorne anfangen muss. Ist diese Geschichte auch eine Erzählung darüber, wie man mit Fehlern öffentlich umgeht – gerade in einer Zeit, in der Fehltritte sofort verurteilt werden?
Ja, total. Ich glaube, das ist sogar ein ganz wichtiger Kern der Geschichte. Wir leben ja in einer Zeit, in der Fehler sofort bewertet werden, oft auch ziemlich gnadenlos. Und Beke stolpert halt richtig öffentlich. Das ist unangenehm, das tut weh, aber genau das macht sie auch menschlich. Ich finde es spannend zu zeigen, dass ein Fehler nicht das Ende sein muss, sondern vielleicht sogar der Anfang von etwas Ehrlicherem.
Viele Geschichten im Fernsehen handeln von Erfolg – «Neuer Wind im Alten Land» beginnt dagegen mit einem Scheitern. Warum sind Figuren, die erst einmal hinfallen, oft die interessanteren Heldinnen?
Weil sie uns näher sind. Ganz einfach. Perfekte Figuren sind oft langweilig, weil man sich nicht wirklich in ihnen wiederfindet. Aber jemand, der hinfällt, zweifelt, sich neu sortieren muss, dass kennen wir alle. Und genau da entsteht ja Entwicklung. Das macht Figuren lebendig.
Ihre Figur kehrt aus New York zurück in ein kleines Dorf im Alten Land. Was sagt dieser Kontrast zwischen globaler Medienwelt und lokalem Alltag über unsere Gesellschaft heute aus?
Ich glaube, dieser Kontrast zeigt ganz gut, wie zerrissen viele von uns sind. Dieses „höher, schneller, weiter“ auf der einen Seite und auf der anderen Seite die Sehnsucht nach etwas Echtem, Vertrautem. Beke kommt aus dieser großen, lauten Welt zurück in etwas viel Ruhigeres. Und merkt, dass beides seinen Preis hat.
Die Serie verbindet Journalismus, Familie und Heimat. Würden Sie sagen, dass «Neuer Wind im Alten Land» letztlich eine Geschichte darüber ist, wo man im Leben wirklich hingehört?
Ja, das würde ich schon sagen. Es geht viel um die Frage: Wo gehöre ich eigentlich hin? Und vielleicht auch: Muss man sich überhaupt entscheiden? Heimat ist ja nicht nur ein Ort, sondern auch ein Gefühl. Und das darf sich im Leben auch verändern.
Die Serie spielt im Alten Land, einer sehr besonderen Region zwischen Obstplantagen und Elbe. Welche Rolle spielt diese Landschaft für die Atmosphäre der Geschichte?
Die Landschaft ist total wichtig. Das Alte Land hat so eine eigene Ruhe, aber auch eine gewisse Melancholie. Diese Weite, die Obstplantagen, die Elbe – das hat fast was Beruhigendes, aber auch etwas, das einen zwingt, hinzuschauen. Es trägt die Stimmung der Geschichte total mit.
Beke kehrt nicht nur beruflich, sondern auch familiär in ihr altes Umfeld zurück. Was macht Geschichten über Heimkehr und zweite Chancen für das Publikum so attraktiv?
Weil wir alle die Hoffnung mögen, dass es nochmal neu anfangen kann. Egal wie alt man ist oder was schiefgelaufen ist. Heimkehr hat immer auch was mit Konfrontation zu tun, mit sich selbst, mit der Vergangenheit. Und zweite Chancen… die wünschen wir uns doch alle, wenn wir ehrlich sind.
Ihre Figur ist Journalistin. Hat diese Perspektive auf Menschen und Geschichten auch Einfluss darauf, wie die Serie ihre Fälle oder Themen erzählt?
Ja, auf jeden Fall. Als Journalistin schaut Beke genauer hin, stellt Fragen, will verstehen. Und das färbt auch auf die Serie ab. Es geht nicht nur um „was passiert“, sondern auch um das „warum“. Das macht die Geschichten, finde ich, etwas tiefer.
Ein zentraler Reiz scheint auch das Geflecht aus alten Freundschaften, Familie und früheren Beziehungen zu sein. Wie wichtig ist dieses Ensemble für die Serie?
Das ist super wichtig. Diese ganzen Verbindungen – alte Freundschaften, Familie, auch ungelöste Geschichten, dass macht es ja erst richtig spannend. Weil da ganz viel mitschwingt, was nicht immer ausgesprochen wird. Und genau darin liegt oft die größte Emotion.
Viele Zuschauer kennen Sie aus sehr unterschiedlichen Formaten – von Serien bis zu Fernsehfilmen. Was reizt Sie daran, eine Figur über mehrere Filme hinweg weiterzuentwickeln?
Es ist schon ein Unterschied, wenn man weiß, die Figur entwickelt sich weiter. Dann spielt man etwas anders. Man lässt sich mehr Zeit, entdeckt neue Facetten. Das mag ich total gern, weil man tiefer reingehen kann als in einem abgeschlossenen Film.
«Neuer Wind im Alten Land» läuft im ZDF-Herzkino, einem sehr etablierten Sendeplatz. Spürt man beim Drehen eine besondere Verantwortung gegenüber diesem Publikum?
Ja, ein bisschen schon. Man weiß, dass viele Leute sich auf diesen Sendeplatz freuen und bestimmte Erwartungen haben. Aber gleichzeitig darf man sich davon auch nicht zu sehr einschränken lassen. Am Ende muss es sich trotzdem echt anfühlen.
Die Serie erzählt von einem Neuanfang nach einem Scheitern. Glauben Sie, dass genau dieses Thema heute besonders viele Menschen anspricht?
Absolut. Ich glaube, viele Menschen stehen gerade an so einem Punkt, sei es beruflich oder privat. Dinge verändern sich, Sicherheiten brechen weg. Und die Idee, nochmal neu anzufangen, ist gleichzeitig beängstigend und total hoffnungsvoll.
Ihre Figur steht zwischen Vergangenheit und Zukunft – zwischen Familie, Heimat und neuen beruflichen Perspektiven. Wie würden Sie Beke selbst beschreiben: eher Suchende oder Kämpferin?
Ich würde sagen: beides. Sie sucht noch, ganz klar. Aber sie hat auch eine ziemliche Kraft in sich. Vielleicht merkt sie die selbst noch gar nicht so richtig. Ich finde, genau diese Mischung macht sie spannend.
Wenn Sie einen Blick nach vorne werfen: Was würden Sie sich für die Entwicklung von Beke Rieper in zukünftigen Filmen wünschen?
Ich würde mir wünschen, dass sie mutiger wird. Das sie mehr zu sich steht und sich nicht mehr so sehr von außen definieren lässt. Und gleichzeitig darf sie ruhig weiter stolpern, dass gehört ja dazu. Hauptsache, sie bleibt ehrlich.
Vielen Dank für Ihre Zeit!
«Neuer Wind im Alten Land» ist ab Sonntag, den 19. April, im ZDF zu sehen. Die Episoden sind seit 2. April abrufbar.