Der südkoreanische Agent Zo hat bei einem Einsatz in einem südostasiatischen Land eine nordkoreanische Überläuferin verloren. Von Schuldgefühlen geplagt widersetzt er sich den Anweisungen seiner Vorgesetzten, als sich in Russland die Geschichte zu wiederholen droht.
Ryoo Seung-wan schickt seinen Protagonisten Zo in das moralische Niemandsland von Wladiwostok. Nach dem Tod einer Informantin, der Zo die Flucht nach Südkorea versprochen hatte, soll dieser in der russischen Pazifikstadt mehr über die Verkaufswege einer neuen, synthetischen Droge in Erfahrung bringen, die augenscheinlich aus Nordkorea stammt und mit der die nordkoreanischen Staatskassen aufgefüllt werden sollen. Die Hinweise auf diese Verkaufswege stammen von eben jener Nordkoreanerin, die Zo nicht retten konnte. In Wladiwostok gilt sein Interesse vor allem dem nordkoreanischen Generalkonsul. Der hat Kontakte zur russischen Mafia. Das Problem: Zo kann aus verständlichen Gründen nicht einfach ins nordkoreanische Konsulat gehen und den Diplomaten um eine freundliche Auskunft bitten. Vielmehr braucht er einen Maulwurf. In Wladiwostok befindet sich ein nordkoreanisches Restaurant, das nicht nur als Umschlagplatz zu dienen scheint. Hier wird Zo auf Chae Seon-hwa aufmerksam, eine Kellnerin, die auch als Künstlerin auftritt und deren offenes Wesen einen ersten Anknüpfungspunkt für eine Anwerbung eröffnet. Und dann kommt der Zufall ins Spiel: Chae Seon-hwas Mutter ist an Krebs erkrankt. Medikamente gibt es für sie in Nordkorea keine. Zumindest keine, die mehr als die Schmerzen bekämpfen. Zo wirbt Chae Seon-hwa an, indem er sie mit Medikamenten versorgt – und mit dem Versprechen, nicht nur sie nach Seoul zu holen, sondern über eine Schmuggelroute auch ihre Mutter aus dem Land zu bringen. So vergehen Monate und Zo kann Daten sammeln. Bis ein nordkoreanischer Agent in Wladiwostok auf der Bildfläche erscheint: Park Geon, der offenbar mit den Drogengeschichten nichts zu tun hat. Kann es vielmehr sein, dass man in Pjöngjang ahnt, dass Informationen nach Südkorea gelangen, die nicht nach Südkorea gelangen sollen? Auf jeden Fall ist dieser Park Geon mehr als ein Apparatschik. Er verfolgt eine eigene Agenda, in der offenbar Chae Seon-hwa eine Rolle spielt.
Die große Stärke des Filmes ist die Figur des südkoreanischen Agenten. Zo ist kein Mann der großen Gesten. Er arbeitet präzise und kühl. Menschen sind für ihn in erster Linie Informationsquellen, Schnittstellen zu Netzwerken, kleine Knotenpunkte in einem größeren Geflecht aus Abhängigkeiten, Loyalitäten und Angst. Er liest Biografien wie Einsatzberichte, erkennt Muster in Gesprächen, Druckpunkte in Familiengeschichten. Menschen sind für ihn Ressourcen. Das verrät ja schon der Titel des Filmes: Humint ist die Abkürzung für Human Intelligence, was im nachrichtendienstlichen Kontext Informationsgewinnung durch menschliche Quellen bedeutet, wie von Informanten, Agenten im Feld, Gesprächsabschöpfung und so weiter. Und doch ist da ein Bruch in Zos Professionalität, der sich nicht mehr vollständig glätten lässt. Der Tod der Informantin, der er die Flucht nach Südkorea versprochen hatte, hängt wie ein permanenter Störton in seinem System. Es ist keine klassische Schuld, sondern etwas Tieferes: eine Art Riss in der eigenen Logik. Zo funktioniert weiterhin, aber nicht mehr ungebrochen. Immer wieder blitzt in Momenten der Entscheidung eine Unruhe auf, die seine Rationalität unterläuft. Diese Spannung prägt seine Arbeit in Wladiwostok. Je näher er Chae Seon-hwa kommt, desto deutlicher wird, dass seine übliche Distanzstrategie hier nicht ohne Weiteres greift. Die Anwerbung ist kalkuliert, das Versprechen instrumental, die Beziehung Teil einer Operation, … und gleichzeitig entsteht eine Dynamik, die sich dieser Kälte entzieht. Zo benutzt sie, ja, aber er sieht sie auch als einen Menschen.
Das Problem mit dem Film ist, dass er mehr verspricht, als er hält. Die Figuren sind klasse gezeichnet, die Agentenstory ist in sich schlüssig. Dass sich aus der Observation des Drogenhandels mehr entwickelt, gibt der Story auch noch einmal Futter. Und dass die russischen Mafiosi Klischees bleiben und keine weitere emotionale Ebene aufbauen – ist zumindest fürs deutsche Publikum lässlich, das immerhin etwas fürs teutonische Mütchen serviert bekommt. Der Chef der Mafia-Truppe in Wladiwostok wird nämlich von Robert Maaser dargestellt, hierzulande besser bekannt als Hauptdarsteller des krachenden Actionreißers «Blood & Gold». Maaser durfte in «Blood & Gold» eine für einen deutschen Schauspieler sagenhafte Physis an den Tag legen (der Mann war immerhin mal Rhönrad-Weltmeister). Maaser, der aufgrund eben dieser Physis schon einige internationale Auftritte hatte, etwa in «Mission Impossible: Rogue Nation», hat als Schauspieler hier zwar nicht allzu viel zu tun, wenn es aber ums Thema Action geht, dann ist er in deutschen Landen schlicht ohne Konkurrenz! Womit das Problem des Filmes angesprochen wäre: Er muss im Mittelteil seine Handlung dehnen. Seine Einleitung und das Worldbuilding sind fehlerlos, wenn es dann zur Action geht, zeigt Regisseur Ryoo Seung-wan, warum das südkoreanische Kino derzeit einfach einen Lauf hat. Das Problem ist der Übergang aus dem Worldbuilding hin zum großen Actionfinale, das nicht einfach am Ende des Filmes steht, sondern im Grunde den dritten und letzten Akt dominiert. Man ahnt als Zuschauer recht bald, worauf die Geschichte hinaus will – und dass wir auf viele Fragen gar keine Antworten erhalten werden. Ebenso wie es in einem Dialog einen Hinweis auf eine Geschichte in Berlin gibt (womit «Humint» im gleichen Erzähluniversum wie «The Berlin File» angesiedelt ist), wird aus den Geschehnissen schnell klar, dass «Humint» bei Erfolg eine Fortsetzung erfahren wird. Regisseur Ryoo Seung-wan versucht dies aber zu überspielen, indem er es zwischendurch sehr emotional menscheln lässt. Doch genau in diesem Teil der Erzählung verzettelt er sich ein wenig – und setzt am Ende ein oder zwei Nebelkerzen zu viel, wo eine Straffung der Geschichte besser getan hätte.
Was an einer positiven Bewertung jedoch gar nichts ändert. «Humint» bekommt höchstens ein paar Punkte Abzug in der B-Note, denn ab dem Moment, in dem die Action beginnt, liefert der südkoreanische Regisseur. «Humint» bietet in dieser Explosion körperbetonte, geradlinige Action, bei der die Kamera fast durchgängig auf Augenhöhe der handelnden Figuren verbleibt. In einigen – sehr wohl überlegten – Momenten, da zitiert Regisseur Ryoo Seung-wan nicht nur aus John Woos Meisterwerken «The Killer» und «A Better Tomorrow», die vor nunmehr 40 Jahren dem Actionfilm Impulse verliehen, die das Genre nachhaltig geprägt haben. In einigen Momenten führt er Ideen von Woo sogar fort. Man muss schon Woos Werk kennen, um diese Momente zu erkennen. Wer sie kennt, bekommt jedoch einen unerwarteten Mehrwert geboten – für den Rest des Publikums gibt es schlicht ganz hervorragend inszenierte, geradlinige Action.