Die Kritiker: «Neuer Wind im alten Land - Der Wolf»

Im alten Land taucht auf einmal der Wolf auf, und Naturschützer und Landwirte geraten böse aneinander. Zwischen den Fronten steht Felicitas Woll.

Stab

Darsteller: Felicitas Woll, Steve Windolf, Hildegard Schroedter, Volker Meyer-Dabisch, Martin Bretschneider, Anne Roemeth
Schnitt: Nicola Undritz
Musik: Leonard Petersen
Kamera: Christoph Chassée
Drehbuch: Kirsten Peters und Gerlind Becker
Regie: Stefanie Sycholt
Schon nach wenigen Minuten der ersten Folge von «Neuer Wind im Alten Land» mit dem vielversprechend raunenden Titel «Der Wolf» wird klar: Hier weht kein frischer Wind, sondern allenfalls ein laues Lüftchen, das sich verzweifelt an einem Konflikt abarbeitet, der spannender klingt, als er letztlich inszeniert ist.

Denn was als vielschichtige Auseinandersetzung zwischen Mensch und Natur, zwischen Landwirtschaft und Naturschutz angelegt ist, zerfasert in einem erstaunlich behäbigen Erzählfluss, der weder emotional packt noch gedanklich fordert. Dabei ist der Ausgangspunkt durchaus tragfähig: Ein Wolf taucht im Alten Land auf und spaltet die Dorfgemeinschaft. Die Fronten sind schnell abgesteckt, fast schon zu schnell. Auf der einen Seite die besorgten Landwirte, die um ihre Existenz fürchten, auf der anderen Seite die idealistisch aufgeladenen Naturschützer. Dazwischen Beke, die als Journalistin bemüht ist, beide Perspektiven abzubilden. Doch genau hier beginnt das Problem: Die Figuren bleiben Schablonen. Sie sprechen nicht, sie vertreten Positionen. Sie leben nicht, sie illustrieren ein Thema.

Felicitas Woll als Beke gibt sich redlich Mühe, dieser Figur Tiefe zu verleihen, doch das Drehbuch von Kirsten Peters und Gerlind Becker lässt sie immer wieder im Ungefähren verharren. Beke „versteht beide Seiten“ – ein Satz, der so oft implizit wiederholt wird, dass er zur inhaltlichen Bankrotterklärung gerät. Denn Verstehen ersetzt hier offenbar jede Form von Haltung oder innerem Konflikt. Das Ergebnis ist eine Hauptfigur, die zwar vermittelt, aber nie wirklich berührt.

Auch im familiären Umfeld bleibt vieles erstaunlich flach. Der Konflikt zwischen Bekes Mutter, die sich zunehmend radikal dem Tierschutz verschreibt, und ihrem Vater Gerd, der die Existenz der Landwirte bedroht sieht, hätte das emotionale Zentrum der Folge bilden können. Stattdessen wirkt er wie ein pflichtschuldiges Abhaken von Positionen. Hildegard Schroedter und Volker Meyer-Dabisch spielen engagiert gegen diese Eindimensionalität an, doch die Inszenierung lässt ihnen kaum Raum für Zwischentöne.

Überhaupt scheint Regisseurin Stefanie Sycholt wenig Interesse daran zu haben, Ambivalenzen auszuleuchten. Szenen enden oft dort, wo sie eigentlich erst beginnen müssten. Konflikte werden angerissen, aber selten durchdrungen. Der letztliche Tod der Wölfin – überfahren, fast beiläufig – soll offenbar als tragischer Höhepunkt fungieren, verpufft jedoch erstaunlich wirkungslos. Es fehlt die Fallhöhe, es fehlt die emotionale Vorbereitung. Statt eines Schocks bleibt ein Achselzucken.

Was am Ende bleibt, ist eine Episode, die viel will und wenig erreicht. «Der Wolf» bemüht sich um Relevanz, um Aktualität, um moralische Ausgewogenheit – und verliert sich dabei in einer seltsam spannungsarmen Beliebigkeit. Der Konflikt zwischen Mensch und Natur, der hier verhandelt werden soll, wird nicht wirklich erfahrbar gemacht, sondern lediglich behauptet. Vielleicht ist das größte Problem an dieser Auftaktfolge zu insgesamt vier neuen Ausgaben ihre Angst vor Klarheit. Niemand darf sich zu weit aus dem Fenster lehnen, niemand darf anecken. Alles wird sorgfältig austariert, bis jede Reibung verloren geht. Doch gerade diese Reibung wäre notwendig gewesen, um aus einem eigentlich hochaktuellen Thema ein packendes Drama zu machen. So bleibt «Der Wolf» eine erstaunlich zahnlose Angelegenheit – ausgerechnet dort, wo es um ein Tier geht, das wie kaum ein anderes für Wildheit, Gefahr und Unberechenbarkeit steht.

Vier Folgen von «Neuer Wind im alten Land» werden sonntags um 20.15 Uhr ab dem 19. April im ZDF ausgestrahlt.
15.04.2026 11:20 Uhr  •  Oliver Alexander Kurz-URL: qmde.de/170767