‚Die zwischenmenschlichen Bruchlinien sind doch das Spannende‘
Ann-Kathrin Kramer spricht über ihre vielschichtige Rolle als Staatsanwältin Britta Everslage und darüber, warum die Folge „Blutsbande“ von «Im Grunde Mord» weit mehr ist als ein klassischer Krimi.
Frau Kramer, Ihre Figur Britta Everslage in «Im Grunde Mord» ist Staatsanwältin – und zugleich eine Art emotionale Bezugsperson für die Schäfer-Geschwister. Wie reizvoll ist es, eine Figur zu spielen, die zwischen juristischer Autorität und familiärer Nähe steht?
Die Ambivalenz zwischen genau diesen beiden Polen macht den Reiz aus. Hier vermischt sich privater und beruflicher Bereich, und die Frage, wo ist das absolut unangebracht und wo kann es durchaus auch ein Vorteil sein, ist interessant.
Britta ist fachlich weisungsbefugt, aber emotional eingebunden. Gab es Momente, in denen Sie diese Doppelrolle bewusst als inneren Konflikt angelegt haben?
Dieser Konflikt begleitet Britta eigentlich die ganze Zeit. Sie hat sich dafür eingesetzt, das Paula nach Detmold versetzt wird und sie weiß um die Schwierigkeiten, die sie mit ihrem Bruder hat. Genaugenommen war das sogar mit ein Grund, das zu unterstützen, denn sie möchte, dass diese Konflikte endlich gelöst werden.
„Blutsbande“ erzählt von transgenerationalen Traumata und dem Schweigen innerhalb von Familien. Wie wichtig war es Ihnen, diese leisen, psychologischen Ebenen nicht hinter der Krimispannung verschwinden zu lassen?
Wir betrachten in diesem Film das Thema transgenerative Traumata ja quasi auf zwei Seiten. Da gibt es etwas im direkten Umfeld der Protagonisten, dass früher oder später sein Recht einfordern wird. Wir haben aber auch den Fall, in dem wir ebenfalls miterzählen was Verdrängung und Schweigen in Familien anrichten kann.
Die Geschichte verknüpft Mordermittlungen mit politischen Ambitionen – Britta wird von einem möglichen Gegenkandidaten unter Druck gesetzt. Wie sehr ist sie auch eine Frau im Machtgefüge, die sich behaupten muss?
Wir haben hier zunächst das Thema Politik und Lokalpolitik im Besonderen lediglich angerissen und doch wird schnell klar, dass Britta da auch auf verkrustete patriarchale Strukturen trifft. Hier besonders eindrücklich gezeigt von dem wunderbaren Bernhard Schir, der ihr Widersacher und Konkurrent ist und mit dem sich Britta hoffentlich noch oft matchen wird.
Die Reihe setzt stark auf Beziehungsgeflechte – sowohl bei den Tätern als auch im Ermittlerteam. Was unterscheidet diesen Ansatz von klassischen, stärker fallgetriebenen Krimis?
Genau das. Die zwischenmenschlichen Bruchlinien sind doch das Spannende. Und gerade bei Tötungsdelikten sind starke Emotionen wie Wut, Verzweiflung, Rache, Hass oder Eifersucht treibend. Was führt zum Äußersten und wo passiert der Knacks. Sich neben der Frage „Who done it“ auch damit zu befassen, das ist doch mindestens genauso spannend.
Britta weiß viel über die Vergangenheit der Familie Schäfer. Ist dieses „Wissen um alte Wunden“ eher Stärke oder potenzielle Schwachstelle in ihrer Rolle als Staatsanwältin?
Britta hat Paula und Leon nach dem Tod ihrer Mutter als Ziehkinder angenommen. Sie ist also Teil der gemeinsamen Vergangenheit. Vielleicht auch Teil der alten Wunden… Das wird sich noch zeigen.
Der Teutoburger Wald mit den Externsteinen ist nicht nur Kulisse, sondern fast ein eigener Charakter. Wie beeinflusst eine so geschichtsträchtige und zugleich mystische Landschaft die Tonalität eines Krimis?
Es mangelt uns in Deutschland ja nicht an Krimis und der Spielort mit all seinen Facetten kann da eine wichtige Rolle übernehmen. Die Autor*innen lassen sich davon inspirieren und greifen auf den Reichtum zu, der hier liegt. Der Teutoburger Wald, die mystischen und geschichtsträchtigen Orte, germanische Mythen, das alles gibt so einer Reihe auch eine eigene Färbung, die über die bloße Kulisse hinausgeht.
Der Film thematisiert Schuld und Verantwortung – juristisch wie emotional. Gibt es aus Ihrer Sicht einen Unterschied zwischen rechtlicher Schuld und moralischer Schuld?
Das ist keine leichte Frage. Natürlich gibt es da einen Unterschied schon allein, weil rechtliche Schuld geahndet wird und moralisch oft eher nicht. Trotzdem ist der sogenannte moralische Kompass, also subjektive Gewissenswerte etwas, dass meiner Meinung nach bei Fragen der rechtlichen Schuld mit einbezogen werden dürfte.
Viele Krimis erzählen von anonymem Bösen – hier entstehen Gewalt und Konflikte aus engen Beziehungen. Macht das die Geschichte für Sie realistischer oder auch beklemmender?
Es macht die Geschichte greifbarer und ja, dadurch vielleicht auch beklemmender. Denn da ist nicht irgendwo abstrakt „das Böse“ sondern da ist eine Familie, da sind Menschen, Nachbarn, Leute die man kennen könnte und denen geschieht das Schreckliche.
Britta Everslage ist eine starke, erfahrene Frau in einer verantwortungsvollen Position. Wie wichtig ist es Ihnen, solche weiblichen Figuren jenseits von Klischees zu zeigen – gerade im populären Genre Krimi?
Ja, Britta ist eine Figur, die ohne Klischees auskommen darf und solche weiblichen Figuren muss man immer noch suchen. Aber es bewegt sich etwas und ich unterstelle jetzt mal allen Machern durchaus guten Willen. Trotzdem ist da noch Luft nach oben, vor allem was diesen „blinden Fleck“ im Alter zwischen 45 und 60 betrifft und ich wünschen mir, dass wir uns mit Leidenschaft in das Erzählen von „Coming of middle age“ Geschichten stürzen. Und natürlich wünsche ich mir auch erwachsene Frauen im Krimi.
„Blutsbande“ ist als Auftakt einer möglichen Reihe angelegt. Was würden Sie sich für Britta wünschen – mehr professionelle Härte, mehr private Einblicke oder noch tiefere familiäre Verstrickungen?
Das alles drei, in genau dieser Reihenfolge.
Vielen Dank für das Gespräch!
«Im Grunde Mord» mit der Folge „Blutsbande“ ist am Montag, den 20. April, um 20.15 Uhr im ZDF zu sehen. Der Film ist bereits ab 11. April im Stream zu sehen.