‚Wir erzählen von innen heraus‘ – Isabell Šuba über Machtstrukturen und im «Tatort»

Mit „Showtime“ wirft Regisseurin Isabell Šuba einen kritischen Blick hinter die Fassade des Fernsehens – und erzählt im «Tatort» von Macht, Abhängigkeiten und den Widersprüchen der Branche.

Frau Šuba, „Showtime“ ist Ihr erster «Tatort». Sie führen das Publikum direkt hinter die Kulissen einer Kindersendung – was hat Sie an diesem Setting besonders gereizt?
Da ich mich schon immer mit Machtstrukturen in der Filmbranche beschäftigt habe, hat dieses Projekt einen besonderen Reiz. Nach fast zehn Jahren Arbeit innerhalb der Industrie setze ich mich im «Tatort» – also im Herzen des Mainstreams – von innen heraus erneut damit auseinander. Umso schöner ist es, dass sich auch Macherinnen und Macher großer Formate trauen, Machtmissbrauch und eigene Mechanismen satirisch zu spiegeln. Während man darüber erzählt, arbeitet man ja selbst mitten in genau diesen Strukturen und merkt, was sich positiv verändert hat, aber auch, wie hartnäckig bestimmte Dynamiken bleiben. Filmisch reizvoll war für mich dieser Perspektivwechsel: vom Außenblick hin zu einer genaueren, auch humorvolleren Beobachtung der Neurotik und Widersprüche dieser Branche.

Der Film zeigt eine Fernsehwelt, die nach außen bunt und harmonisch wirkt, intern aber von Konflikten geprägt ist. Wie wichtig war Ihnen dieser Kontrast zwischen Schein und Sein?
Der Kontrast war mir sehr wichtig, und er ist im Drehbuch auch schon angelegt. Gerade wenn etwas nach außen extrem liebevoll, harmlos und zugewandt wirkt, trifft es umso härter, wenn man die Abgründe dahinter entdeckt. Diese Diskrepanz ist in der Film- und Fernsehwelt nichts Ungewöhnliches, sie kann sich durch alle Formate ziehen.

Spannend finde ich dabei, dass sich die Themen oft zurückspiegeln: Was vor der Kamera verhandelt wird, zeigt sich plötzlich auch hinter der Kamera. Diese Dynamik ist ziemlich besonders und genau darin liegt aber auch eine Chance, sich selbst und die eigenen Strukturen nochmal neu zu befragen.

Mit der fiktiven Show „Sachen und Lachen“ erzählen Sie auch ein Stück deutsche Fernsehgeschichte nach – war das bewusst als Spiegel realer Kinderformate gedacht?
Ich denke nicht, dass es auf eine einzelne Show abzielt. Es ging eher exemplarisch um ein System, in dem Menschen ihre Macht missbrauchen können. Die Kommissare setzen sich mit dieser Welt auseinander.

Im Zentrum steht ein Kinder-TV-Star, der vor der Kamera funktioniert, hinter den Kulissen aber ein ganz anderes Gesicht zeigt. Was sagt das über Machtstrukturen im Fernsehen aus?
Das zeigt ziemlich klar, wie schnell sich Macht in solchen Systemen auf einzelne Personen konzentrieren kann. Figuren, die nach vorne gepusht werden, werden wirtschaftlich extrem wichtig und damit kann eine große Abhängigkeit von ihnen entstehen. Gleichzeitig lastet auf diesen Personen bestimmt Druck, der das Ganze noch verstärken kann. Genau in dieser Mischung aus Abhängigkeit, Erwartung und Ego können dann die Abgründe entstehen, die der Film zeigt.

Sie sprechen selbst von einer queer-feministischen Besetzung und Dynamik. Wie verändert das den klassischen «Tatort» – gerade im Vergleich zu eher traditionellen Krimiformaten?
Dass wir im Cast so viele queere, feministische und nicht nur heteronormalive Talente hatten, war ein großes Geschenk. Dafür nochmal an Siegfried Wagner vom Casting und Produzent Jan Kruse von der Bavaria Fiction für die super Zusammenarbeit.

Auch hinter der Kamera waren viele Menschen beteiligt, die nicht heteronormativ leben. Das verändert natürlich den Blick: Man schaut von außen auf ein heteronormatives System, zu dem man nie gehört hat. Man muss sich anders dazu verhalten und entwickelt dadurch auch andere stilistische Ideen. Gerade weil man sich nicht selbstverständlich identifiziert, entsteht eine besondere beobachtende Schärfe und oft auch ein sehr persönlicher Zugang. Für mich war das eine der schönsten Erfahrungen an dem Projekt, dass in diesem WDR-„Tatort“ Mainstream und Subkultur so zusammenarbeiten konnten.

Der Film thematisiert auch toxische Arbeitsumfelder in der Medienbranche. War es Ihnen wichtig, hier bewusst einen Kommentar auf reale Zustände im Fernsehen zu setzen?
Am Set treffen oft sehr erfahrene Leute auf Einsteiger, das erzeugt starke Dynamiken, die nicht immer sexistisch sein müssen, aber viel mit Umgang und Hierarchien zu tun haben. Unter hohem Druck und mit unterschiedlichen Arbeitsweisen können schnell Konflikte entstehen, für deren Klärung oft die Zeit fehlt. Alle sind gefordert, menschlich gut miteinander umzugehen, aber das gelingt unterschiedlich. Umso wichtiger finde ich die Entwicklung, dass es inzwischen psychologische Betreuung am Set gibt. Das entlastet spürbar und ist total sinnvoll.

Max Giermann ist vor allem für Comedy und Parodie bekannt. Wie haben Sie ihn geführt, um diese Mischung aus Charme, Abgründigkeit und Kontrollbedürfnis glaubwürdig zu machen?
Max ist ein hervorragender Schauspieler und unglaublich sensibler Mensch, der sich tief in seine Rollen hineinfühlt. Gerade wenn die Figur weit weg zu einem ist, ist sein Einfühlungsvermögen wichtig. Wir hatten einige Probenzeiten, was sehr geholfen hat, und wir haben daran gearbeitet, einer oft schwarz-weiß gezeichneten Figur mehr Würde und Nachvollziehbarkeit zu geben und damit auch die dahinterliegenden Machtstrukturen besser verständlich zu machen.

Der «Tatort» aus Köln ist eine etablierte Marke mit eingespieltem Ermittlerduo. Wie viel Freiraum hatten Sie, diesen Film stilistisch und erzählerisch anders zu gestalten?
Das Team hat tollerweise die Offenheit, sich auf Neues einzulassen. Das sieht man auch in anderen Interpretationen. In unserem Fall war das Drehbuch schon anders angelegt, und wir haben auch gemeinsam die Dynamiken am Set hinterfragt. Das war ein transparenter Prozess, der allen Spaß gemacht hat, mal was Neues zu wagen. Klar musste ich auch für manches kämpfen, aber das ist ja die Berufsbeschreibung.

Fernsehen ist in „Showtime“ nicht nur Kulisse, sondern Thema. Wie schwierig ist es, eine Medienwelt darzustellen, die dem Publikum vertraut ist, ohne dabei Klischees zu reproduzieren?
Ich habe versucht, die bereits im Drehbuch angelegten verschiedenen Perspektiven zu berücksichtigen, sodass die Medienwelt nicht nur aus einer Figur heraus erzählt wird oder einem Narrativ. Viel kam aus meiner eigenen Erfahrung, aber vor allem und im Austausch mit dem Team, um mehrere Schichten und Sichtweisen zu entwickeln. Im Schnitt war dann entscheidend, was wir zeigen und was wir offen lassen, damit das Publikum eine eigene Beziehung dazu aufbauen kann. Durch das ungewöhnliche Casting und die genaue Arbeit mit den Schauspieler:innen entsteht in dem Film eine Vielschichtigkeit, die auch die Widersprüche und Neurotik dieser Arbeitswelt zeigt. Am Ende gibt es nicht nur eine Wahrheit.

Wenn man den Film als Kommentar auf die Fernsehbranche liest: Was würden Sie sich wünschen, dass Zuschauer nach „Showtime“ anders sehen oder hinterfragen?
Danke für die Frage :-). Ich wünsche mir, dass das Publikum neuen Formaten und Talenten mehr Chancen gibt, auch wenn es seine Lieblinge hat. Die Branche ist im Umbruch durch Streaming und AI, da muss man besonders drauf achten, dass nicht wieder alles in alte Klischees und Machtstrukturen zurückfällt.

Alles, was anders ist und Vielfalt aus verschiedenen Perspektiven erzählt, sollte wohlwollend angenommen werden. Und wenn am Ende schon weniger Hass in den Kommentaren auf diesen Tatort zurückkommt, wäre das in dieser Welt, die gerade auch in Kriegen und Machtmissbrauch unterzugehen scheint, schon sehr viel.

Danke für Ihre Zeit!

«Tatort» „Showtime“ ist am Sonntag, den 12. April, um 20.15 Uhr zu sehen.
10.04.2026 12:46 Uhr  •  Fabian Riedner Kurz-URL: qmde.de/170571