Carl Gierstorfer über «So geht Frieden!»: ‚Frieden beginnt im Kleinen‘

Mit der Dokumentation sucht Carl Gierstorfer weltweit nach Antworten auf eine der schwierigsten Fragen unserer Zeit. Im Interview erklärt er, warum Frieden oft schwerer zu verstehen ist als Krieg – und weshalb er bei jedem Einzelnen beginnt.

Herr Gierstorfer, Sie beschäftigen sich seit Jahren mit Krisen- und Konfliktregionen. Was hat Sie dazu bewegt, diesmal nicht nur über Krieg zu berichten, sondern gezielt nach Wegen zum Frieden zu suchen?
Wenn wir über Krieg und Konflikte sprechen, sprechen wir implizit immer auch über Frieden. Gleichzeitig ist Frieden ein vager Begriff. Ich glaube, wir können uns darunter viel weniger konkret vorstellen als unter Krieg. Wir wollten verstehen, was Frieden eigentlich ist – wie man zu ihm kommt und wie man ihn bewahrt.

Die «So geht Frieden!» führt Sie in sehr unterschiedliche Länder – von Island über Liberia bis in die Ukraine. Was hat Sie bei diesen Recherchen am meisten überrascht?
Am meisten überrascht hat mich, wie präsent der Konflikt in Nordirland noch ist. In Wandmalereien, in den Vierteln, die bis heute nach protestantischen und katholischen Gemeinschaften getrennt sind. Sogenannte Friedensmauern trennen diese Viertel – mit Toren, die jeden Abend um 20:30 Uhr geschlossen werden. Es gibt kaum ein Gespräch im Pub, in dem nicht die „Troubles“ erwähnt werden, die gewaltsamen Auseinandersetzungen, die mit dem Karfreitagsabkommen 1998 formal ein Ende fanden. Nordirland hat noch einen weiten Weg vor sich.

Der Film trägt den Titel «So geht Frieden!». Gab es während der Dreharbeiten einen Moment, in dem Sie tatsächlich das Gefühl hatten: Hier funktioniert ein Friedensprozess?
Paradoxerweise auch in Nordirland, weil dort ein ständiger Dialog herrscht. Aber auch in Uruguay, wo man sich sehr aktiv mit den Hinterlassenschaften der Militärdiktatur der 1970er- und 1980er-Jahre auseinandersetzt. Man versucht, die Fehler nicht zu wiederholen, soziale Ungleichheit zu bekämpfen und die Täter zur Verantwortung zu ziehen.

Im ersten Teil geht es um die Frage, wie Waffen überhaupt niedergelegt werden können. Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Voraussetzungen, damit ein bewaffneter Konflikt wirklich endet?
Am Ende ist es ganz einfach: Beide Seiten müssen bereit sein, sich die Hand zu reichen. Eigene Fehler einzugestehen. Zu vergeben, statt Rache zu suchen. In Liberia spielte die Frauenfriedensbewegung eine entscheidende Rolle beim Ende des Bürgerkriegs.

Welche Kraft können zivilgesellschaftliche Bewegungen für Friedensprozesse entwickeln?
Wie das Beispiel Liberia zeigt, eine ganz große. Das Land war nach dem Bürgerkrieg völlig ausgeblutet. Die Wirtschaft lag am Boden, Kindersoldaten mordeten und vergewaltigten. Kaum jemand wusste noch, wofür oder für wen eigentlich gekämpft wurde. Dann sagten die Frauen – die Mütter: Es reicht. Und sie wichen mit ihrem Protest nicht, bis die Kämpfe ein Ende fanden und die verschiedenen Konfliktparteien begannen, zu verhandeln.

Die Ukraine zeigt eine ganz andere Perspektive: Dort muss Frieden täglich verteidigt werden. Wie verändert dieser dauerhafte Ausnahmezustand die Vorstellung davon, was Frieden überhaupt bedeutet?
In der Ukraine wächst eine ganze Generation im Krieg auf. Sie müssen kämpfen, sonst verlieren sie ihr Land, ihre Freiheit. Wie man eine solche Gesellschaft wieder in den Frieden führt, ist eine ganz andere Frage. Aber im Moment haben die Ukrainerinnen und Ukrainer keine andere Wahl, als zu kämpfen.

Island gilt als eines der friedlichsten Länder der Welt. Was können andere Gesellschaften von einem solchen Modell lernen?
Sicher nur bedingt. Disparitäten zwischen den Geschlechtern auszugleichen und nach innerem Frieden zu suchen, ist natürlich entscheidend. Aber Island hat auch den Luxus, sich das leisten zu können – weil es seit langer Zeit friedlich und wohlhabend ist.

Der zweite Teil der Dokumentation beschäftigt sich mit Vertrauen. Warum ist Vertrauen zwischen Menschen und Gruppen oft schwieriger herzustellen als ein politischer Waffenstillstand?
Im Krieg werden dem Feind alle schlechten, alle negativen Eigenschaften zugeschrieben – die Propaganda tut ihr Übriges. Wenn die Waffen schweigen, muss all das hinterfragt werden: dem einstigen Erzfeind die Hand zu reichen und dem Vertrauen, das vielleicht so oft gebrochen wurde, wieder eine Chance zu geben. Das ist schwierig.

In Nordirland leben Opfer und Täter teilweise noch heute Tür an Tür. Wie gehen Menschen mit dieser Nähe um – und welche Rolle spielt Vergebung in solchen Situationen?
Vergebung ist eine große Idee und, wie der Begriff „Frieden“, schwer zu fassen. Es ist eine Haltung, die stark vom Christentum geprägt ist. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wann Menschen vergeben und wann sie einfach zu dem Schluss kommen, dass es keinen Sinn macht, Rache zu üben, weil sie dann wieder im ewigen Kreislauf der Gewalt wären.

Sie zeigen auch Länder wie Vietnam oder Uruguay, die ganz unterschiedliche Wege aus Konflikten gefunden haben. Gibt es aus Ihrer Sicht ein universelles Rezept für Frieden?
Nein. Jedes Land ist anders. Jedes hat eine eigene Geschichte, eigene Gründe für den Konflikt. Unterschiedliche emotionale Verletzungen – und unterschiedliche Hürden, diese Traumata zu überwinden. Aber am Anfang steht dennoch die Bereitschaft, dem Gegner die Hand zu reichen. Ohne sie ist Frieden meiner Ansicht nach nicht möglich.

Als Filmemacher begegnen Sie Menschen, die Krieg, Trauma und Gewalt erlebt haben. Wie gelingt es Ihnen, diese Geschichten sensibel zu erzählen, ohne sie zu vereinfachen?
Ich glaube, man muss immer aufrichtig sein, sich wirklich für die Menschen, ihre Geschichten und ihre Emotionen interessieren – und ein Stück weit mitfühlen können, ohne die journalistische Distanz zu verlieren.

Wenn Zuschauerinnen und Zuschauer die Dokumentation sehen: Was wünschen Sie sich, dass sie über Frieden und ihre eigene Rolle in einer konfliktreichen Welt neu bedenken?
Frieden beginnt bei jedem Social-Media-Post. Bei jeder Debatte unter Freunden, Bekannten oder Andersgesinnten. Wir müssen wieder lernen zuzuhören, die Perspektive des anderen einzunehmen. Zu versuchen, zu verstehen, ohne zu urteilen. Die eigene Blase, in der wir uns alle bewegen, zu hinterfragen – das ist ganz entscheidend. Die Welt ist komplex, und das verlangt, auch andere Meinungen zu akzeptieren, selbst wenn sie nicht der eigenen Vorstellung entsprechen.

Danke für Ihre Zeit!

Das ZDF setzt auf «So geht Frieden» am Mittwoch um 22.15 Uhr und an Gründonnerstag um 22.15 Uhr.
01.04.2026 12:48 Uhr  •  Fabian Riedner Kurz-URL: qmde.de/170224