Christopher Schier: ‚Krieg kennt keine Sieger‘

Mit «Sternstunde der Mörder» bringt Christopher Schier einen vielschichtigen Stoff zwischen Krimi und politischer Parabel auf den Bildschirm. Im Interview spricht der Regisseur über moralische Grauzonen, historische Verantwortung und die beklemmende Aktualität seiner Geschichte.

Herr Schier, «Sternstunde der Mörder» verbindet Kriminalgeschichte mit politischer Parabel. Was hat Sie an dieser Mischung aus Thriller und Zeitdiagnose besonders gereizt?
Genau diese Mischung. Und auch die Vielschichtigkeit der Figuren. «Sternstunde der Mörder» ist ein sehr fesselnder Roman, es war ein Geschenk ihn verfilmen zu dürfen.

Der Stoff spielt im März 1945 – in einem Moment zwischen Zusammenbruch und Befreiung. Wie haben Sie diese historische Schwebe inszenatorisch greifbar gemacht?
Mit dem Tod Hitlers und dem Ausbruch des tschechischen Aufstands verändert sich die Welt und somit auch die der Figuren radikal. Daher habe ich die Perspektive der Erzählung im Lauf der Geschichte verändert: Geht es zu Beginn noch um den einzelnen Täter, den Serientäter, treten im zweiten Teil die Kriegswirren in den Vordergrund. Es geht um Vergeltung und das fragile Verhältnis zwischen Tätern und Opfern. Und es zeigt, dass im Chaos das individuelle Morden an Bedeutung verliert.

Pavel Kohouts Roman ist nicht nur ein Krimi, sondern eine Reflexion über Gewalt und ihre ideologische Rechtfertigung. Wie übersetzt man diese literarische Tiefe in Bilder?
Behutsam. Und mit großem Respekt. Ein Roman ist ja nicht 1 zu 1 in einen Film zu übertragen. Ich habe versucht die Seele des Buches einzufangen und sie in eine eigene filmische Sprache zu übersetzen.

Die Figur Morava bewegt sich zwischen Anpassung und möglichem Widerstand. War er für Sie eher moralischer Anker oder tragischer Mitläufer?
Eigentlich weder noch. Für mich stehen Morava und Buback im Mittelpunkt und deren widerwillige Allianz, ihre Gegensätzlichkeit und die Art, wie das Schicksal sie zu Verbündeten macht. Das bildet das emotionale Zentrum. Beide Figuren durchlaufen eine tiefgreifende Veränderung im Laufe der Geschichte.

Mit Buback treffen wir auf einen Gestapo-Beamten, der keineswegs eindimensional gezeichnet ist. Wie verhindert man, Täterfiguren dramaturgisch zu „interessant“ oder gar faszinierend erscheinen zu lassen?
Als Filmemacher geht es mir nicht darum zu etwas verhindern, sondern vielmehr darum eine etwas zu erzählen, und im besten Fall auch etwas zu bewirken. Die Figur Buback ist vielschichtig und seine Wandlung faszinierend, das ist Teil des Romans.

Der Mehrteiler entfaltet sich vor dem Hintergrund eines realen historischen Ausnahmezustands. Welche Verantwortung spürt man als Regisseur bei der Darstellung dieser Epoche?
Eine sehr große. Ich habe in der Vorbereitung Zeitdokumente recherchiert und versucht die realen Geschehnisse mit möglichst hoher Authentizität darzustellen. Ich möchte das Publikum in den Sog der Ereignisse hineinziehen. Aus diesem Grund war auch die Zweisprachigkeit des Films wichtig, dadurch fühlt sich die Geschichte unmittelbar, echt und erfahrbar an.

Gewalt, Mord und Hass werden im Film auch als Folge nationalistischer und religiöser Ideologien thematisiert. Sehen Sie in diesem Stoff bewusst eine Brücke zur Gegenwart?
Die Parallelen zu heute sind erschreckend. Vor allem zeigt der Film, wie schnell sich moralische Grenzen verschieben, sobald Gewalt zur vermeintlichen Notwendigkeit erklärt wird.

Visuell lebt der Film von einer düsteren, bedrückenden Atmosphäre. Welche Rolle spielte die Kameraarbeit von Philip Peschlow für diese historische Verdichtung?
Die Zusammenarbeit mit Philip war wie immer großartig. Sein Gefühl und sein Verständnis für die visuelle Übersetzung einer Geschichte sind einfach fantastisch. Seine Bilder erwecken die Geschichte zum Leben und addieren das besondere Etwas.

Der Aufstand gegen die Besatzer bringt das Ermittlungsgefüge ins Wanken. War es Ihnen wichtig zu zeigen, wie fragile Ordnungssysteme in Extremsituationen kollabieren?
Nicht ganz, mir war es wichtiger zu erzählen, wie sich die Figuren vor einem solchen Hintergrund entwickeln.

Wenn das Publikum den Mehrteiler gesehen hat – welche Frage soll idealerweise offenbleiben: die nach individueller Schuld, nach Systemverantwortung oder nach der Wiederholbarkeit von Geschichte?
Ich hoffe keine Frage – sondern ein Gefühl und ein Reflektieren. Meine Haltung als Filmemacher ist bei der Umsetzung von «Sternstunde der Mörder» ganz klar: Krieg kennt keine Sieger. Er produziert nur Verlierer – auf allen Seiten. Diese Erkenntnis ist unbequem, aber notwendig. Und sie ist eine Wahrheit, die wir niemals vergessen dürfen.

Vielen Dank für Ihre Zeit!

«Sternestunde der Mörder» ist seit 29. März in der ARD Mediathek abrufbar, die TV-Ausstrahlung erfolgt an Karfreitag, ab 20.15 Uhr.
31.03.2026 12:05 Uhr  •  Fabian Riedner Kurz-URL: qmde.de/170190