Kerim Waller über «Eat Pray Bark»: ‚Hakan ist der Spiegel seines eigenen Hundes‘

In «Eat Pray Bark – Therapie auf 4 Pfoten» spielt Kerim Waller einen Mann, der seinem eigenen Hund misstraut – und damit vor allem sich selbst. Im Interview spricht er über emotionale Abgründe, Ensemble-Dynamiken und warum der Film letztlich mehr über Menschen als über Tiere erzählt.

Herr Waller, in «Eat Pray Bark – Therapie auf 4 Pfoten» spielen Sie Hakan, der seinem eigenen Hund misstraut. Was hat Sie an dieser Figur und ihrer Beziehung zu Roxy besonders gereizt?
Zum einen natürlich das emotionale Schlachtfeld von Hakan und die notwendige Härte, die diesen, wie ich meine, sehr sensiblen Charakter ausmacht. Zum anderen sein projizierter Hass auf Roxy. Ich bin quasi unter Hunden großgeworden. Ich liebe Hunde. 33 Tage lang zu behaupten, es wäre anders, schien eine ungewöhnliche Herausforderung.

Der Film versammelt eine sehr skurrile Gruppe von Hundebesitzerinnen und -besitzern. Was macht für Sie den Reiz eines solchen Ensemblefilms aus?
Ich hatte mir im Vorfeld nicht allzu viele Gedanken dazu gemacht, aber es wurde relativ schnell klar, wie viel Glück wir hatten, in dieser Konstellation miteinander arbeiten zu dürfen. Cast wie Crew. Ein seltenes Geschenk, auch über eine Drehzeit hinaus so zusammenzuwachsen.

Viele Geschichten über Hunde handeln eigentlich von Menschen. Würden Sie sagen, dass der Film letztlich mehr über die Probleme der Zweibeiner erzählt als über die der Tiere?
Auf jeden Fall. Die größten Probleme, die Haustiere haben können, sind ja ihre sogenannten Besitzer. Hunde sind ein Extremfall, pures Mitgefühl mit Fell. Schonmal Hunde und ihre Zweibeiner auf der Straße beobachtet? Selber Gang, selber Gesichtsausdruck.

Ihr Charakter Hakan wirkt zunächst eher verschlossen und distanziert. Was steckt aus Ihrer Sicht hinter dieser Haltung gegenüber seinem Hund – und vielleicht auch gegenüber anderen Menschen?
Der Hund ist ja nichts weiter als ein Spiegel. Im Grunde ist Hakan der Hund, darauf läuft es hinaus. Menschen haben ihn so sehr enttäuscht, dass er sich von ihnen abgrenzt und als typische Reaktion, enttäuscht er jetzt den Hund. Sowas erfordert Mitgefühl und Intelligenz. Hass kommt nicht einfach aus dem nichts, er muss gemästet werden. Sieht man heutzutage überall, man muss ja nur das Smartphone morgens anmachen. Eine verdammte Tragödie.

Gedreht wurde in den Tiroler Bergen. Wie sehr prägt diese Landschaft die Atmosphäre des Films?
Wahrscheinlich mehr als alles andere. Die Bilder, die Marc (Kamera) geschossen hat, holen natürlich das Beste aus alldem heraus. Also Doğa’s Arsch kommt vor dem Tiroler Berg-Panorama super zur Geltung, soviel kann man sagen. (lacht)

Mit Rúrik Gíslason steht ein ehemaliger Profisportler als mysteriöser Hundetrainer im Mittelpunkt. Wie war die Zusammenarbeit mit ihm am Set?
Rurik ist einer dieser Menschen, die schnell mal in eine bestimmte Lade gepackt werden. Die Möglichkeit, mit ihm zu arbeiten, mich von seinem unzerstörbaren Optimismus und seiner schier grenzenlosen Energie anstecken zu lassen, war für mich ein Geschenk. Ihn privat als Charakter kennenzulernen, einfach Rurik, war aber das eigentliche Glück. Ich liebe den Kerl. Auch, wenn ich neben ihm aussehe, wie eine angeknabberte Birne, die man beim Jahresputz ganz hinten im Kühlschrank findet.

Der Film lebt von einer Mischung aus Comedy, emotionalen Momenten und Tiergeschichten. Wie schwierig ist es, diesen Ton zu treffen, ohne ins Klischee abzurutschen?
Gute Frage. Sowas ist natürlich immer schwer. Wir haben uns da alle ganz bewusst auf Marco (Regie) verlassen. Ich denke, mein Charakter fungiert als eine Art fleischgewordenes Barbiturat. Wenn die Situation zu komisch wird oder droht, ins alberne zu rutschen, tritt Hakan auf. Ich komme quasi nach der Pointe, kurz bevor der Witz anfängt, wehzutun.

Sie haben einen ungewöhnlichen Weg zur Schauspielerei genommen – vom Mechaniker und Fitnesstrainer bis ans Max-Reinhardt-Seminar. Hat dieser Hintergrund Ihren Blick auf Figuren und Geschichten verändert?
Absolut. Vor allem mein Hintergrund hält mich in dieser absurden Branche am Leben. Ich war nie Teil der elitären Kunstgemeinschaft und werde es auch nie sein. Und das ist ok so. Eine meiner größten Stärken. Ich bin ein Kind der Arbeiterklasse und dementsprechend stolz. Ich kann nicht immer sagen, wie hilfreich oder hinderlich das ist, aber es beeinflusst so ziemlich alles, was ich tue.

In den letzten Jahren waren Sie in sehr unterschiedlichen Projekten zu sehen – von Serien wie «Der Pass» bis zu Fernsehfilmen. Was reizt Sie daran, immer wieder neue Genres auszuprobieren?
Tatsächlich die Möglichkeit, zu arbeiten. Wenn mir ein Projekt am Herzen liegt, ist das ein gigantischer Bonus. Fakt ist aber, dass in meinem Berufsfeld Jobs rar sind. Alle müssen essen, man nimmt also oft, was man kriegen kann. Sowas wie «Eat Pray Bark» ist eine extreme Seltenheit. Ich weiß das sehr zu schätzen!

«Eat Pray Bark» startet weltweit auf Netflix. Wenn ein Film potenziell von 30 bis 100 Millionen Menschen gesehen wird – fühlt sich das eher motivierend oder auch ein bisschen einschüchternd an?
Das sind Zahlen, die mein Gehirn gar nicht logisch verarbeiten kann. Wenn der Film gut ist, dann ist das natürlich äußerst motivierend. Unser Beruf lebt ja von ZuschauerInnen. Sollte der Film mies sein, kann ich mich ja immer noch in der nächsten Kneipe verstecken.

Streamingplattformen geben Filmen eine enorme internationale Reichweite. Denken Sie beim Drehen manchmal daran, dass Zuschauerinnen und Zuschauer auf der ganzen Welt Ihre Arbeit sehen könnten?
Ich glaube nicht. Zwischen Dreh und Ausstrahlung liegen mindestens 1 1/2 Jahre. Manchmal vergesse ich, dass ich überhaupt dabei war. Ich hänge da eher bei der Synchro. Meine Nichte und mein Neffe in Italien können sich den Film nun auch ansehen. Daran liegt mir einiges!

Zum Abschluss würden wir gerne wissen: Brauchen wir mehr Tiere in deutschen Filmen und Serien?
Die Filmtierranch in der Nähe von München, woher unsere Hunde kamen, ist ein Shangri-La für alles, was sich Säugetier nennt. Wenn Tierheime so aussehen würden, wäre mein Glaube an die Menschheit wiederhergestellt. Wenn ich Hühnerfüße aus dem Napf fressen müsste, um dort zu wohnen, würde ich das tun. Mein persönliches happy place. Und es gibt sogar Bier im Kühlschrank.

Vielen Dank für das Gespräch!

«Eat Pray Bark – Therapie auf 4 Pfoten» ist ab 1. April bei Netflix abrufbar.
30.03.2026 12:01 Uhr  •  Fabian Riedner Kurz-URL: qmde.de/170189