‚Die Realität hat die Fiktion längst eingeholt‘ – Serkan Kaya über digitale Gewalt

Im ZDF-Thriller «Eine bessere Welt» gerät das Leben eines Paares nach einem medialen Shitstorm aus den Fugen. Serkan Kaya spielt Deniz, der zwischen Loyalität, Zweifel und wachsender Ohnmacht steht, während sich digitale Hetze zunehmend in reale Bedrohung verwandelt. Im Interview spricht er über die erschreckende Nähe zur Wirklichkeit, toxische Dynamiken im Netz – und die Verantwortung einer Gesellschaft im Umgang mit digitaler Gewalt.

In «Eine bessere Welt» gerät Ihre Filmfrau nach einem Talkshow-Auftritt in einen Shitstorm. Wie realistisch bildet der Film aus Ihrer Sicht die Dynamik heutiger Empörungswellen im Netz ab?
Als ich das Drehbuch das erste Mal las, war ich so naiv, dass ich erst einmal nur total begeistert war. Von den Figuren, von der Geschichte und vor allem von den Thriller Elementen des Buches. Erst mit der Recherche wurde mir klar, wie viele Menschen in meinem Umkreis mit dieser Dynamik schon konfrontiert wurden. Ich meine, die Realität hat in diesem Thema längst die Fiktion eingeholt. Will sagen: es ist womöglich noch schlimmer.

Ihr Charakter Deniz steht zwischen Solidarität mit seiner Frau und dem Schutz der Familie. Wie spielt man diesen inneren Konflikt, wenn die Bedrohung zunächst „nur“ digital erscheint?
Ich kann mir vorstellen, dass es Angehörigen von Betroffenen ähnlich ergeht, wie Deniz in unserem Film. Die Bedrohung kommt aus der Anonymität und ist nicht greifbar. Vor wem soll Deniz seine Partnerin nun schützen? Durch den Wegfall des eindeutigen kommt es auch bei ihm zu einem Verlust des kontrollierbaren. Er entscheidet sich nicht zur radikalen Empathie, sondern beginnt an Elenas Realität zu zweifeln. Das ist das toxische. Es vergiftet leider auch seine Loyalität.

Der Film stellt die Frage: Wann wird aus virtueller Aggression reale Gefahr? Wie haben Sie diese schleichende Eskalation emotional für sich greifbar gemacht?
Greifbar wurde es, als ich verstanden habe, dass für betroffene virtuelle Aggression eine reale Gefahr ist. Gewalt oder Todesdrohungen sind reale Gefahren. Verharmlosen hilft da niemanden.

Deniz arbeitet in einem Restaurant – also in einem sehr analogen, sozialen Umfeld. War es Ihnen wichtig, diese Bodenständigkeit als Kontrast zur digitalen Hassspirale zu zeigen?
Es ist ein fantastischer Kontrast, wie ich finde. Filmisch/ dramaturgisch ist es ein tolles Mittel. Jegliche Nuance, Sinnlichkeit oder gar nachträgliche Korrektur, die du beim Kochen hast, ist im digitalen Raum nicht existent. Das macht es für meine Figur natürlich noch befremdlicher.

Der Film lässt offen, ob die Bedrohung objektiv real oder teilweise Projektion ist. Wie schwierig ist es als Schauspieler, in dieser Ambivalenz zu spielen, ohne die Figur eindeutig festzulegen?
Während es für Elena ums pure Überleben geht, ist Deniz konzentriert auf seine Familie und seine Ehekrise mit ihr. Durch meinen Zweifel an ihrer Wahrnehmung, kann sich der zuschauende auch die Frage stellen, was ist wahr und was nicht. Das ist, wie ich finde, sehr aus dem Leben gegriffen. Jeder pocht auf seine Wahrheit. Das hat ehrlicherweise eher Spaß gemacht zu spielen.

«Eine bessere Welt» erzählt auch von männlicher Ohnmacht: Deniz kann den digitalen Angriffen kaum etwas entgegensetzen. War das für Sie ein zentraler Aspekt der Rolle?
Es hat mir zumindest gezeigt, was „toxisch“ auch bedeuten kann. Deniz führt eine gleichberechtigte Beziehung mit einer starken, selbstbewussten Frau. Doch die Ereignisse vergiften die Beziehung mit Elena und vergiften auch seinen Umgang mit Menschen so sehr, dass er plötzlich selbst zum Aggressor wird. Das hätte Deniz nie für möglich gehalten.

Das Thema ökologische Transformation ist politisch hoch aufgeladen. Glauben Sie, dass der Film eher eine Medienkritik ist – oder ein Kommentar zur gesellschaftlichen Spaltung?
Ich möchte niemanden vorsagen, was er oder sie in diesem Film hauptsächlich zu sehen hat. Zuallererst ist es als Genre meiner Meinung nach ein Thriller. Ein verdammt guter Thriller. Alles andere kommt danach.

Der Film zeigt, wie schnell sich eine öffentliche Debatte personalisiert und radikalisiert. Wie erleben Sie selbst den Ton in sozialen Netzwerken – auch als öffentliche Person?
Ich habe drei Söhne. Wenn wir denen keine klaren Grenzen aufzeigen, ihnen nicht erklären was die Spielregeln sind, garantierte ich ihnen, rasten die aus. Genauso ist es mit einer gesamten Gesellschaft. Meinungsfreiheit ist ein hohes und zu verteidigendes Gut. Aber wir müssen klare Spielregeln festlegen. Und die gibt es meiner Meinung nach im virtuellen Raum noch nicht.

Begleitend zum Film entsteht eine Dokumentation. Halten Sie es für wichtig, dass fiktionale Stoffe wie dieser durch journalistische Einordnung ergänzt werden?
Das finde ich super. Wir unterziehen uns einem Faktencheck. Das ist doch fantastisch. So etwas ähnliches hatten wir auch bei «Der König von Köln». Ich finde es enorm bereichernd.

Ganz grundsätzlich: Was wünschen Sie sich, dass Zuschauerinnen und Zuschauer nach diesem Film hinterfragen – über Medien, über Angst – und vielleicht auch über sich selbst?
Für unsere Töchter und Söhne ist es enorm wichtig, dass wir alle verstehen: „Gewalt ist Gewalt! Die Psyche macht keinen unterschied zwischen digitaler Gewalt oder analoger Gewalt.“ Dieses Zitat stammt von Peri Baumeister. Ich bin überzeugt davon, dass sie recht hat. Es liegt nun mal leider an uns. Der Generation, welche mit Schnurtelefonen groß geworden ist. Wir müssen unseren „digital nativ“ Kindern begreiflich machen, vor allem den Jungs, was Meinungsfreiheit bedeutet.

Vielen Dank für das Gespräch!

«Eine bessere Welt» ist am Montag, den 23. März, um 20.15 Uhr im ZDF zu sehen. Der Film ist auch schon im ZDF-Streamingangebot enthalten.
23.03.2026 00:01 Uhr  •  Fabian Riedner Kurz-URL: qmde.de/170019