Filme des Grauens: «Adipurush»

Mit «Adipurush» wollte Bollywood die Ramayana in Blockbuster-Bilder übersetzen. Heraus kam ein Prestigeprojekt, das an Größenwahn, schlechten Effekten und komplett falschem Ton zerbrach.

Als «Adipurush» im Jahr 2023 in die Kinos kam, klang erst einmal alles nach Großereignis. Regisseur Om Raut hatte mit Tanhaji einen gewaltigen Hit gelandet, Superstar Prabhas war nach Baahubali weiterhin ein Magnet, Saif Ali Khan und Kriti Sanon sorgten für zusätzliche Starpower, und die Produktion wurde mit geschätzten ₹500 bis 700 Crore (45 – 60 Millionen Euro) als eines der teuersten indischen Filmprojekte überhaupt gehandelt. Der Film basiert lose auf der Ramayana und erzählt die bekannte Geschichte von Raghava, Janaki, Shesh, Bajrang und Lankesh in modernisierter Mythologie-Sprache. Doch gerade diese Modernisierung wurde zum Problem.

Inhaltlich folgt «Adipurush» im Kern dem vertrauten Epos: Raghava wird verbannt, Janaki entführt, Bajrang springt nach Lanka, am Ende kommt es zur großen Schlacht gegen Lankesh. Das Material selbst wäre unzerstörbar gewesen, weil die Vorlage seit Jahrhunderten trägt. Gerade deshalb fällt auf, wie wenig Ehrfurcht, Klarheit und filmische Kraft diese Version entwickelt. Statt spiritueller Größe und dramatischer Wucht bekommt man über weite Strecken eine Art digital aufgemotzten Fantasy-Baukasten, der oft eher an ein mittelmäßiges Computerspiel als an ein großes mythologisches Kinoerlebnis erinnert. Zahlreiche Kritiker beschrieben die Bilder als billig, uninspiriert und seltsam künstlich. Simon Abrams schrieb bei „RogerEbert.com“, alles sehe „cheap and uninspired“ aus, während Shubhra Gupta von „The Indian Express“ den Film als Ansammlung klobiger Computergrafiken charakterisierte.

Besonders fatal war, dass die Warnzeichen schon vor dem Kinostart da waren. Der erste Teaser löste im Oktober 2022 massive Negativreaktionen aus, vor allem wegen der VFX und des Designs von Saif Ali Khans Lankesh. Das Publikum fragte sich offen, wie ein Film mit diesem Budget so unfertig aussehen könne. Die Macher verschoben den Start daraufhin und steckten laut Berichten noch einmal zusätzlich Geld in die Effekte. Das Problem war nur: Man konnte die Oberfläche nachpolieren, aber nicht den grundsätzlichen Fehlansatz reparieren. Denn «Adipurush» scheitert nicht nur an den Bildern, sondern auch an seinem Verständnis der Vorlage.

Der vielleicht größte Aufreger waren die Dialoge von Manoj Muntashir. Viele Zuschauer empfanden sie als flapsig, modern und dem religiösen Stoff völlig unangemessen. Dass Figuren aus der Ramayana plötzlich in einer Sprache sprechen, die eher nach heutiger Straßenrhetorik klingt, wirkte auf viele nicht wie mutige Neuinterpretation, sondern wie Respektlosigkeit. Genau daraus entstanden heftige Kontroversen, Proteste und sogar juristische Auseinandersetzungen. Das Allahabad High Court kritisierte die Darstellung religiöser Figuren ungewöhnlich scharf und sprach davon, der Film teste die Toleranz der Hindus. Auch in Nepal gab es Streit um eine Zeile zu Sita beziehungsweise Janaki; zeitweise wurden in Kathmandu sogar indische Filme blockiert. Die Produzenten und der Dialogautor reagierten schließlich defensiv und kündigten Änderungen einzelner Zeilen an. Allein das zeigt schon, wie massiv die Ablehnung war.

Dabei ist das eigentlich Tragische, dass «Adipurush» kein kleiner Trashfilm ist, über den man freundlich lachen könnte. Das hier war ein Mammutprojekt, ein erklärtes Prestigeobjekt, ein Werk mit enormer Reichweite. Wenn so ein Film die emotionale und kulturelle Fallhöhe seiner Vorlage verfehlt, wirkt das ungleich schwerer als bei einem beliebigen Actionflop. Die negative Reaktion kam deshalb nicht nur von Kritikern, sondern auch aus dem Kernpublikum. Der Film startete zwar stark, brach dann aber an den Kassen rasch ein. „The Indian Express“ berichtete schon früh über den deutlichen Absturz nach dem Eröffnungswochenende. Die Gesamterlöse wurden zwar von den Produzenten hoch kommuniziert, doch Handelszahlen und Presseberichte zeichneten klar das Bild eines Box-Office-Chaos.

Auch aus heutiger Perspektive bleibt «Adipurush» vor allem als Warnung interessant. Om Raut arbeitet trotz des Desasters weiter an neuen Projekten; laut „Times of India“ wurde 2025 etwa über sein Kalam-Biopic mit Dhanush berichtet. Der Flop hat ihn also nicht aus dem Geschäft gedrängt, aber sein Ruf als Regisseur hat sichtbar gelitten. Für Prabhas war der Film Teil einer schwierigen Nach-Baahubali-Phase, die 2023 auch in der indischen Presse thematisiert wurde.

Mehr Budget, mehr Pathos, mehr digitale Wucht – und dabei vergaß man das Entscheidende: eine klare Tonalität, glaubhafte Bilder und ein Gefühl dafür, warum dieses Epos seit Jahrhunderten Menschen bewegt. «Adipurush» ist deshalb nicht nur misslungen. Er ist die spektakuläre Art von misslungen, bei der man permanent sieht, wie viel Geld verbrannt wurde.
11.04.2026 11:57 Uhr  •  Sebastian Schmitt Kurz-URL: qmde.de/169921